Der editierte Text

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Liebste süße Hannah (Details anzeigen)!1

Gestern Abend habe ich Dich von Peters (Details anzeigen) Wohnung aus angerufen; Du aber warst in der Oper. Schade; denn ich hätte so gern Deine Stimme gehört, wenn wir auch nicht hätten reden können. Erst heute bei nochmaligem Durchlesen der Briefe2 bemerkte ich, daß Du Mittwoch Abend auf mich gewartet hast. Schade, daß ich das in all dem Wust von Nachrichten nicht aufgefaßt hatte.

Heute früh rief Robert (Details anzeigen) an. Er hatte in allen drei Punkten genau meine Auffassung: 1. Nicht freiwillig weichen 2. Zum Referenten aufs Ministerium gehen. 3. In Sachen Partei („Kantgesellschaft“)3 elastisch sein. – Auf der Rückfahrt soll ich bei ihm sein.4

Die Frankfurter Sache ist mir immer noch dunkel. Ich habe keinen Brief an den Dekan (Details anzeigen) geschrieben, habe keinerlei Anlaß dazu. Ebensowenig habe ich von ihm einen bekommen. Ich weiß also gar nichts. Sollte etwas von ihm kommen, so werde ich klar, entschieden und in konziliantester Form ablehnend antworten. Vorher aber hätte ich sehr gern einen klaren Bericht von| Karol M. (Details anzeigen) selbst, betreffend 1) dem Anlaß zur Senatssitzung 2) die Art der Forderung 3) die Art wie M. (Details anzeigen) reagiert hat. Kann das nicht ganz schnell geschehen?5

Daß Adolf (Details anzeigen) kommt, wälzt mir einen Stein vom Herzen. Ich war mehr erschüttert durch diese Nachricht als durch alles andere.6 Aber vielleicht war es gut, daß er mit allerhand Leuten gesprochen hat und wir nun wissen, woran wir sind. Ich hätte auch von ihm sehr gern einen Brief.

Was bedeutet die Idee, daß ich an eine andere Universität soll? Ich halte das für unsinnig, wenn es nicht draußen ist.

Gestern mehrere Stunden mit Studentin, die mich damals mit Minister Gö...7 bekannt machen wollte. Höchst interessant. Die ganze Gruppe sehr unglücklich wegen Nicht-Sozialismus. Hoffen, daß er bald kommt. Sie wird sich meinetwegen an Gö... wenden, war äußerst erschreckt als ich von Frankfurt (Details anzeigen) erzählte. Die guten Elemente erstarken immer mehr.

Auf der Fahrt zum Bahnhof, um K. L. S. (Details anzeigen) und Carolus (Details anzeigen) abzuholen. Dann Sitzung.


Fußnoten, Anmerkungen

1Der Brief ist im Original undatiert. Die ungefähre Datierung – frühestens 7. April 1933, spätestens 12. April 1933, wahrscheinlich jedoch am 7. oder 8. April – ergibt sich aus Inhalt und Kontext in Zusammensicht mit anderen Briefen. Auch aus dem im Karl-Barth-Archiv liegenden Briefwechsel des hier erwähnten Karl Ludwig Schmidt (Details anzeigen) mit Karl Barth (Details anzeigen) gehen zwei Berlinaufenthalte Schmidts (Details anzeigen) in der ersten bzw. zweiten Aprilwoche hervor, ohne dass dadurch jedoch eine genauere Datierung möglich wird. Dem vorliegenden Schreiben folgt ein ebenfalls undatierter Brief (Details anzeigen) Tillichs an seine Frau.
2Diese Schreiben liegen nicht vor.
3Die in diesem Brief erwähnte „Kant-Gesellschaft“ steht hier nicht für die gleichnamige wissenschaftliche Gesellschaft, sondern diente als Chiffre für die SPD, der Tillich 1929 beigetreten war. Diese Tarnbezeichnung wurde vermutlich aus Vorsicht bzw. aus politischen Gründen verwendet. In Tillichs Freundes- und Bekanntenkreis wurde im März und April 1933 kontrovers über das Für und Wider eines Parteiaustritts zur Sicherung der eigenen Existenz diskutiert.
4In ihrer mit Vorsicht zu genießenden Autobiographie erinnert sich Hannah Tillich (Details anzeigen) an jene Reise Tillichs: „In Dresden (Details anzeigen) war er beinahe verhaftet worden, weil Ida (Details anzeigen), unsere Freundin mit der mondernen Bildersammlung, ihrem Masseur erzählt hatte, wie Paulus über den Reichstagsbrand, die Brutalität der SS, den Wahlbetrug der Nazis und vieles andere dachte. Als Paulus von einem Besuch, den er zusammen mit unserem Freund Robert (Details anzeigen) gemacht hatte, zu Ida (Details anzeigen) zurückkehrte, gelang es dem Sekretär von Ida glücklicherweise, den Packard ein paar Häuserblocks vor der Villa abzufangen. Die Gestapo wartete bereits auf ihn. Der Fahrer brachte Paulus zu Robert (Details anzeigen) zurück. Er verließ Dresden (Details anzeigen) überstürzt und [...] blieb die restliche Zeit in Berlin (Details anzeigen)“ (Hannah Tillich, Ich allein bin (Details anzeigen), 147).
5Der Hintergrund dieses Absatzes konnte nicht ermittelt werden. Lediglich einen (fragwürdigen) Hinweis bietet abermals Hannah Tillichs (Details anzeigen) Autobiographie: „Der Präsident der Universität hatte Karl (Details anzeigen) für ein Gespräch zu sich bestellt und ihm und den anderen [durch das 'Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums' beurlaubten bzw. entlassenen Frankfurter Professoren] dringend angeraten, die Universität zu verlassen, um sie durch ihr Verhalten nicht zu gefährden. Karls (Details anzeigen) Antwort, kurz und voller Verachtung, lautete: 'Da müssen Sie uns schon herauswerfen.'“ (Ebd.) Bei dem erwähnten „Präsidenten“ (dieses Amt gibt es an der Universität Frankfurt erst seit 1971) dürfte es sich um Wilhelm Gerloff (Details anzeigen) handeln, der Ende April 1933 sein Amt als Rektor vorzeitig niederlegen musste. Sein Nachfolger mit 26. April wurde der Nationalsozialist Ernst Krieck (Details anzeigen). Bereits am 5. April 1933 war der Nationalsozialist August Wisser (Details anzeigen) zum Geschäftsführer des Kuratoriums der Frankfurter Universität berufen, nachdem der bisherige Kurator Kurt Riezler (Details anzeigen) in „Schutzhaft“ genommen und dort zum Rücktritt gezwungen wurde.
6Meint vermutlich die kurzentschlossene Flucht Adolf Löwes (Details anzeigen) und seiner Familie in die Schweiz am Morgen des 2. April 1933.
7Es dürfte Joseph Goebbels (Details anzeigen) gemeint sein.

Register

aTillich, Hannah
bSchmidt, Karl Ludwig
cBarth, Karl
dSchmidt, Karl Ludwig
eBrief von Paul Tillich an Hannah Tillich verm. vom 8. oder 9. April 1933
fHeimann, Eduard
gUlich, Robert
hTillich, Hannah
iDresden
jBienert, Ida
kUlich, Robert
lBienert, Ida
mUlich, Robert
nDresden
oBerlin
pTillich, Ich allein bin. Mein Leben., 1993
qLommatzsch, Erhard
rMannheim, Karl
sMannheim, Karl
tTillich, Hannah
uMannheim, Karl
vMannheim, Karl
wGerloff, Wilhelm
xKrieck, Ernst
yWisser, August
zRiezler, Kurt
aaLöwe, Adolf
abLöwe, Adolf
acGoebbels, Joseph
adFrankfurt am Main
aeSchmidt, Karl Ludwig
afMennicke, Carl August
agTillich, Hannah
ahTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/3(6)
Typ

Brief, eigenhändig.

Postweg
Berlin - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich verm. vom 6. April 1933
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich verm. vom 8. oder 9. April 1933

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich verm. vom 7. oder 8. April 1933, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01387.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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