Der editierte Text

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31.8.37.

Lieber Paulus (Details anzeigen),

zu deinem Geburtstag hast du nichts von mir gehört und zum Tode deines Vaters (Details anzeigen) auch nicht. Aber solange du noch in Europa (Details anzeigen) bist, sollst du doch noch einen Brief von mir bekommen. Und es ist auch möglich ihn jetzt zu schreiben, denn wir sind auf Urlaub. Im Schwarzwald, in Hinterzarten (Details anzeigen) – schön ists hier, wunderbar schön, die deutsche Heimat – trotzdem uns hier {zumeihst} niemand haben wollte, in Höchenschwandt (Details anzeigen), das wir wegen der größeren Höhe zuerst geplant hatten, liefen wir vergeblich von Haus zu Haus. Ein neues Erlebnis für uns – und kein ganz leichtes – aber dies gehört eben auch mit dazu! Vorher waren wir 1 Woche bei meinen Brüdern (Details anzeigen) (Details anzeigen), trafen auch Adler 1 dort, aber wir konnten nicht bleiben, hatten keine {o}Devisen. Man mußte in diesem Jahr schon Hannah (Details anzeigen) vorher einreihen. Wenn eine Auslandsreise klappen sollte – und das konnten wir nicht, weil Fritzus Mutter (Details anzeigen) ja so krank war und wir nicht wußten, ob und wann wir würden reisen können. Nun ist sie am 8. August gestorben, an ihrem 70. Geburtstag. Die letzten Wochen mit ihr und ihr Sterben waren wunderbar schön. Sie war ja so eine kleine ängstliche Frau ihr ganzes Leben lang, übrigens eine besonders typische Vertreterin der gutsituierten gebildeten jüdischen bürgerlichen Gesellschaft („alles interessiert, nichts geht wirklich an“– hast Du mal in anderem Zusammenhang gesagt, aber es paßt auch hier), völlig hilflos im Leben. Aber von dem Augenblick an, wo sie den Tod akzeptierte, von so strahlender Heiterkeit, von solcher Größe (sie hat sich – leuchtend und strahlend – von jedem Einzelnen – im Haus verabschiedet). Es war einfach wunderbar, diese Verwandlung, für mich auch so schön, nach 1 ½ Jahren schwerer Pflege. Fritz (Details anzeigen), der wohl sehr an ihr hing, obwohl er das nie zugab („meine Mutter (Details anzeigen) ist für mich eine nette alte Dame, sonst nichts“) wurde in den letzten 14 Tagen sehr krank, Hohes Fieber und unvorstellbare Schwunde, bei der mir zum ersten Mal klar wurde, was „Ohnmacht“ eigentlich heißt. Ich war ganz allein mit den beiden Kranken, alles war vereist,Fritz (Details anzeigen) lag ganz oben in seinem Schlafzimmer, Mutter (Details anzeigen) ganz unten im großen Fremdenzimmer und das Geschehen da oben und da unter war sehr seltsam und sehr aufregend. Aber von der Abschiedsstunde an (zu der sich übrigens, nie mit einem Gongschlag, das Haus mit sämtlichen Bewohnern füllte, die teils ganz {unprogrammäßig}, gerade in dieser Stunde zurückkamen), wurde Fritz (Details anzeigen) gesund.|

Ich hab viel an Dich gedacht, in diesen Tagen, in denen Fritz (Details anzeigen) sich so merkwürdig verhielt. Sicher ist das langsame Sterben Deines Vaters (Details anzeigen) auch für Dich sehr schwer gewesen, besonders schwer wahrscheinlich, weil du nicht dabei sein konntest – und doch in Europa (Details anzeigen) {warst}. Und das Sterben des zweiten Elternteils, dies ist ja noch so eine besondere Sache des letzten Lösen von der Nabelschnur (selbst wenn die Eltern noch so weit weg waren, äußerlich oder innerlich, selbst wenn man sich gegen sie wehren mußte oder sie nur Objekt der Fürsorge waren). Es hilft nichts, man muß das schon vernehmen – erst wenn sie nicht mehr sind, ist man wirklich und völlig allein und auf sich gestellt – und ich kenne niemand, der sich nicht durch den Tod des 2. Elternteils wesentlich {verwundet} hätte – obgleich ich kaum jemand kenne, der das zugeben würde. Ich wüßte so gern ein wenig von Dir, lieber Paulus (Details anzeigen), wie es Dir geht, wie Deine Reise war oder ist. Warum schreibst du nie – seit Weihnachten habe ich kein Wort von dir bekommen, ich finde, das ist nun lange genug. – Vielleicht werden Dich Claire (Details anzeigen) und Günther (Details anzeigen) noch sehen, sie wollten es versuchen von Burien (Details anzeigen) aus, wo sie wieder bei {Rischer-Remer} sind. Sie sind entsetzlich zugerichtet worden, beide, durch große Kieferoperationen, es ist wirklich schlimm, wie es ihnen immer wieder geht, man hat wirklich allmählich das Gefühl, daß es nichts Ungesünderes gibt, als der Gesundheit zu leben. {Wenn} dies ewige {K}ranksein doch einmal ein Ende hätte! Von diesem Winter ab soll zu Claire (Details anzeigen) auch alleinige Hausfrau auf dem Küssel2 sein, ich geh „auf Arbeit“ werd morgens mit der {Maumere (Details anzeigen)} weggehen und Abends wiederkommen, als Assistentin in einem großen Röntgen-laboratorium. Ich tu es zunächst nur, um meine sehr alte Ausbildung wieder brauchbar zu machen – aber ich freu mich sehr auf wichtige sachliche Arbeit. Auch das es so dicht an die Medizin heranführt, freut mich – die lockt mich immer mehr, weil ich doch gern mal wüßte, ob sich die medizinische Wissenschaft nicht mit den Erfahrungen im Psychischen, die man bei sich und anderen so im Laufe eines langen bewegten Lebens macht, vereinigen ließe. Bei all der vielen Patienten und ihren Ärzten, die sich im Laufe der letzten Jahre zwischen den Fingern hatten, schien das nicht möglich zu sein.

Nun paß mal auf, Paulus (Details anzeigen), setz Dich gleich mal hin, oder spätestens auf der Rückreise, auf dem Schiff, da hast Du doch Zeit, und schreib mir ein paar Zeilen! Ich bin ja langmütig und voll Geduld und kann mir auch gut vorstellen, wie wenig Schreiblust Du auf so einer Reise hast und durch den Tod deines Vaters (Details anzeigen) vielleicht besonders wenig. Aber nun wird es wirklich Zeit, etwas von Dir zu hören. Hoffentlich hast du daran gedacht, mir jemand zu schicken, der von Dir berichtet. Wenn du nächstes Jahr wieder nach Europa (Details anzeigen) kommst, müssen wir uns sehen und wenn nicht, werden wir vielleicht Fritzens (Details anzeigen) alten Plan verwirklichen und nach Amerika (Details anzeigen) kommen. Dort gibt es jetzt immer mehr Menschen, die wir gerne einmal wiedersähen. Auch unser Sprachlehrer (Details anzeigen) (ich erzählte dir von ihm) wird im September herüberkommen und dich wahrscheinlich besuchen. Nimm ihn gut auf, er bedeutet uns viel, und er hat es so schwer, schon zum zweiten Mal das Emigrations-Schicksal!

Leb wohl! Gute Heimfahrt! Viele viele Grüße dir und Hannah (Details anzeigen)!

Lily Pincus (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Es ist unklar um wen es sich bei Adler handelt, klar ist das Tillich mit seiner Studenten Adelaide Adler (Details anzeigen) 1933 in Korrespondenz (Details anzeigen) stand.
2Das „Küssel“ ist ein Haus in Potsdam (Details anzeigen) wo die beiden Ehepärchen, Pincus (Details anzeigen) (Details anzeigen) und Löwenfeld (Details anzeigen) (Details anzeigen), bis zu deren Emigration 1939 zusammen lebten.

Register

aTillich, Paul
bTillich, Johannes Oskar
cEuropa
dHinterzarten
eHöchenschwand
fLazarus, Oskar Lionel
gLazarus, Max
hAdler, Adelaide
iBrief von Adelaide Adler an Paul Tillich vom 15. April 1933
jTillich, Hannah
kPincus, Margarethe Wally
lPincus, Fritz
mPincus, Margarethe Wally
nPincus, Fritz
oPincus, Margarethe Wally
pPincus, Fritz
qPincus, Fritz
rTillich, Johannes Oskar
sEuropa
t
u
vLöwenfeld, Günther
wBurien, USA
x
yPotsdam
zPincus, Fritz
aaPincus, Lily
abLöwenfeld, Günther
acLöwenfeld, Claire
ad
aeTillich, Paul
afTillich, Johannes Oskar
agEuropa
ahPincus, Fritz
aiVereinigte Staaten von Amerika
ajSprachlehrer (von Pincus Lily)
akTillich, Hannah
alPincus, Lily

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/174(66)
Typ

Brief, handschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Lily Pincus vom 29. November 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Lily Pincus an Paul Tillich vom 31. Juli 1946

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Lily Pincus an Paul Tillich vom 31. August 1937, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10375.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10375.html |titel=Brief von Lily Pincus an Paul Tillich vom 31. August 1937 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=31.08.1937 |abruf=???? }}
L10375.pdf
erwähnte Briefe