Der editierte Text

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99 Claremont Ave. N.Y.C.Nov. 29. 35.

Liebe Lilly (Details anzeigen):

Schnell, um nicht wieder bis zum nächsten Schiff warten zu müssen, will ich ein paar Worte schreiben. Zunächst dass in den letzten Monaten kein Mensch von mir etwas ausser dienstlichen Antworten bekommen hat - weil es über menschliche Kräfte gegangen wäre. Mann kann sich viel aber nicht allen Schlaff abknapsen. Und das wäre nötig gewesen, wenn ich ausser der unendlichen Manuskript-Arbeit noch hätte schreiben wollen. Zweitens muss ich Dir sagen, dass Dein grosser Brief mehr als hohen Ranges ist. Drittens und vor allem dass wir in Gedanken und Sorge und Liebe immer bei Euch sind und bei jeder Nachricht fragen: Wie gehts Euch? Deine beiden Briefe zeigen es ja nun einigermassen, innerlich und äusserlich. Sie bewegen uns sehr und wir denken mit Intensität mit Euch und Euren Entscheidungen. So sehr ich Claires (Details anzeigen) Haltung verstehe so sehe ich sie durchaus im Lichte meiner letzten gedanklichen und z. T. auch praktischen Versuche, dort zu bleiben: D.h. ich sehe sie negativ und stehe ganz auf Deiner Seite. Ein NeuAnfang unter den gegebenen Voraussetzungen scheint mir sinnlos zu sein. Ich halte es für sinnlos für Euch, sowohl Geld wie Seele in einem Anfang zu investieren der halb Anfang und halb Fortsetzung ist. Ich finde so lange es irgend geht, wirklich fortsetzen, das bleiben was Ihr wart, ein Ort der vielen etwas bedeutet. Und, wenn es nicht mehr möglich ist, radikal neu anfangen, "in einem Land, das Ich Dir zeigen will", wie es zu Abraham gesagt war! Ich möchte das gern noch deutlicher sagen: Ihr seid durch ein uraltes Schicksal immer wieder auf das geworfen, was wir uns geistig erkämpfen müssen. Beides hat Gefahren. Unsere Gefahr ist, dass die meisten, da das Schicksal sie nicht zwingt, den Befehl an Abraham nicht hören. Eure Gefahr ist dass es von den meisten nur als ein äusseres, nicht als ein geistiges Schicksal erfahren wird. Die wenigen aber auf beiden Seiten, die einen, denen Schicksal Geist wird und die anderen deren Geist Schicksal wird, sollen zusammen stehen und wissen, dass sie der Zeit und nicht dem Raum verantwortlich sind, Während ich dieses schreibe fällt mir die Rede zur Einweihung Eures Hauses ein. Ich habe sie vor mir und citiere nur den Satz: Wir müssen wieder und wieder den Raum verlassen der uns umfängt, um der Zeit, um der Zukunft willen." Die folgenden Sätze nehmen dann Bezug auf den Abrahamsbefehl und den Geisteskampf der Gegenwart. Es war wie eine Ahnung! Von Beyers möchte ich sagen, sie sind nicht weit genug gegangen, haben sich in einer Oase festhalten lassen -- Kennt Oskar Beyer eigentlich die Oxford-Bewegung? Ich könnte mir denken, dass er in ihr nicht nur persönlich einen Halt finden, sondern auch in ihr etwas bedeuten könnte. Wenn er ein stark religiöses Euch, in dem er die tiefen und feinen intensionen seiner Seele zum Ausdruck bringen könnte, z. B. in englischer Sprache veröffentlichen würde, so könnte auch eine äussere Wirkung vielleicht hier oder sonst wo in der angelsächsischen Welt ermöglicht werden. Aber Du hast Recht, dass du selbst Nein dazu sagst für Dich und uns. Die Auswahl des Platzes hat abgesehen von der selbstverständlichen und die Willkure, (wie sie bei Beyers vorlag) ausschliessenden äusseren Schicksals-Weisung nach dem Gesichtspunt zu geschehen; wo


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aPincus, Lily
bLöwenfeld, Claire

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., Box 174(66)
Typ

Brief, maschinenschriftlich, unvollständig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Lilly Pincusvom 31. Juli 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Lily Pincus an Paul Tillich vom 31. August 1937

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Lily Pincus vom 29. November 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10240.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L10240.pdf