Brief von Eugen Rosenstock–Huessy an Paul Tillich vom 4. November 1935

Zum TEI/XML DokumentDeprecated PDFAls PDF herunterladen

Der editierte Text

|
10 Francis Ave
Cambridge Mass (Details anzeigen) 4.11.35.

Lieber Freund (Details anzeigen),

Ihr reizender Brief „reizt“ zu sofortigem Dank. Ich habe nur angenommen: Sie wollten eben nicht, und war betrübt. Aber übel nehmen tue ich Ihnen gewiss nichts. Diesen Luxus können wir uns geistlich nicht mehr erlauben, nachdem unser Vaterland aus Übelnehmen zu Grunde gegangen ist. Ihr Brief hat mir einfach wieder Freude gemacht. Ich soll Ihnen |:von:| dem grossen Glück, das ich jetzt bei unserer „Selbstdarstellung“ in Harvard empfinde, am besten mittels der Zeilen an Ihren Freund Schmidt (Details anzeigen), die die gütig weitersuchen wollen.

Wenn Sie über Ihr Manuskript etwas zu wissen verlangen: ich beginne mit Winzigkeiten: Z.B Berufungsverhandlungen und 1.5. Tabu sind glaub ich beides keine Vokabeln die man „im Freien“ denkt. Die| Wichtigtuerei des deutschen Professorenmileus, das von Berufungsverhandlungen lebte, sollte auch nicht gestreift werden. Gerade weil ich weiss, dass für Sie Berlin (Details anzeigen) Marburg (Details anzeigen) Frankfurt (Details anzeigen) Lebensfragen waren und nicht solche der Karriere, wünsche ich mir an der Stelle ein tieferes Wort.— Tabu sagt das Gegenteil von dem was Sie sagen wollen. Tabus sind Verbote, „unantastbar“ ist doch ein schönes deutsches Wort. Doch das ganz, ganz nebenbei, nur weil Sie fragen. Für das Ganze bin ich kein Kritiker. Ich bin Leser. Ich habe vieles von Ihnen und über Sie gelernt. Aber Sie sind mir durch das Lesen um keinen Zoll näher gekommen und um keinen Zoll ferner gerückt. Das ist tief in Ihrer so grossartig unhistorischen Natur begründet. Das Kritische als Sündenfall ist Ihnen ja doch – trotz aller Ihrer geistigen Entdeckungen in diesem Gebiet — — Substantiell unzugänglich. Sie haben die konstitutive historische Unschuld jedes „reinen“ Philosophen. Deshalb müssen Sie fremde Schuldsituationen edelmütig auf sich, durch einen ethischen Anschlussakt mit beziehen. Wie Sie| wissen, bin ich Ihr wahrster Antipode in dieser Richtung. Meine Theonomy ist Theonomy of the lost generation weil ich da mein eignes, ganz persönlich historisches Schulderlebnis objektivieren kann. Der Denker muss, da er nie kapitalist gewesen zu sein braucht, auch nicht Marxist zu werden. Die Sünde des Glaubens, über Gott, hängt mit dem ersten Gebot zu–sammen, und |:die:|/des |:Denkens:| über die Welt mit dem 4., 5. 6. und 7. Und ich leide unter der Schuld des Denkers.

So geht es bei mir ja, in genau identischem Problem und Lebens Kreis, in allem ungewollt zu: weg von Berlin (Details anzeigen) ist des Grossstädters beherschendes Problem, seelisch und geistig. So habe ich Ihnen gegnüber die Kraft, die mir sonst versagt ist, die der reinen Kontemplation, denn nirgends ist ein Wort eine Tendenz, die sich berühren könnten. Das ist um so merkwürdiger als ja auch keine „Gegen = sätze“ denkbar sind, und als |:trotzdem:| wir überall über das selbe sprechen. Habe aber Die Qualität dieser gegenseitigen Unberührbarkeit, Unbe| zogenheit ist in diesem Augenblick noch nicht formulierbar. Meine Vorlesung hier würde Ihnen wahrscheinlich den Schlüssel dazu liefern. Andererseits ist ja nicht gleichgültig, was wir beide in diesem Amerika (Details anzeigen) tun und treiben. Sondern es besteht ein vernünftiger und einsehbarer Zusammenhang. |:Zwischen unserer beider Anwesenheit:| Ich möchte eines heute sagen: Die Wahrheit ist nie mehr in einem System darstellbar. Cooperation ist ein Anliegen des Geistes geworden. Gerade der Geist war im abgelaufenen Weltalter Privatbesitz und seine Spezialisierung ist viel wichtiger als die des Kapitals, (das den Copyright-fluch der Wissenschaften und Kuenste uns spiegelt). Aber das tiefste Geheimnis des Korperation wird nicht dort enthuellt, wo man sich versteht und als zusammen gehörig weiss, nicht dort wo man bereits zusammen ist, bevor man zusammen arbeitet. Sie wird auch nicht durch Abschaffung des geistigen Eigentums überhaupt bewillt, (obschon man daran denken könnte). Sondern die zentrale Abkehr | von den Methoden des deutschen Idealismus (Schelling (Details anzeigen) wider Hegel (Details anzeigen), Hegel (Details anzeigen) wider Schlegel (Details anzeigen), Feuerbach (Details anzeigen) |:wider:| Hegel (Details anzeigen), usw.) bestände darin, um das Aufhören des „Systems“ so sehr prakisch zu wissen, dass man die heterogene Art als notwendig hinstellte. In Ihrer Darstellung der Grenze zwischen Heteronomie und Autonomie fehlt mir die — Ihnen von Natur sehr selbstverständliche — Anerkennung des Geheimnisses, dass Gott stets deshalb heteronom und autonom beides bleiben muss, weil wir unseren Nächsten lieben |:sollen:| wie uns selbst. Des Bruders Gotterserlebnis, obzwar mir |:stets:| heteronom, ist doch ein Stück meines autonomen Gotteserlebnisses. Das ist doch die ganze Geschichte dem vom Wachsen des Reiches. Sie sind ja sicherlich ein so guter Lutheraner, dass Sie kein Schicksal in der Welt haben können.„Gott und die Seele.“ 1 bleibt Ihr Motto. Aber die Gottessöhne des ersten Jahrtausends sind ja eine Heeresfolge| die Ihnen teuer geworden ist in Ravenna (Details anzeigen). {Nun} wohl, {so} aber sind die Heiligen als eine Armee von freien Einzelnen, von Erloesten Brüdern, die ihren Triumph jeder allein erangen und dennoch nur alle zusammen Siegten. Das leibliche Martyrium ist heut durch eine seelische Zeugenschaft ersetzt. Die Anfechtungen sind die Gleichen. Der Sinn des Martyriums der Gleiche, die Gemeinschaft in der Erfüllung der Aufgabe ist die Gleiche. Wie die Märtyrer jeder hier sich beeilen mussten, wegen des καιρός, und jeder so seinen Geburtstag für den Himmel gesondert finden musste, so wäre es illusionistisch, in unseren „Anhängern“, unseren „Lesern“, unseren „Bewunderern“, unsere eigentlichen Brüder zu sehen. Das Geheimnis liegt tiefer: Meine Anhänger und Ihre Anhänger sind sich Brüder, wie sie „anhängen“!

Die Menscheit stösst aus–einer Ordnung der Länder der Welt („Christliche Welt“!) zu einer Ordnung der Stämme des Menschengeschlechts vor. Die Signatur des 3ten Jahrtausends werden nicht geographische sondern ethnographische Ordnungen werden.| Diese Völkerschaften des Menschengeschlechts können nur dann zu „Stämmen des Geistes“ veredelt werden, wenn im Raum des Geistes die Geheimnisse verschiedener Geistesart vorgelebt und zusammengelebt werden können. Sie und ich gehören sicherlich zwei Stämmen des Geistes an, sind vielleich sogar in der Gründerahnentafel. Dies Ahnherren Gefühl oder dies Ahnherrenproblem streifen Sie nicht einmal. Sie sehen Ihre Einflüsse und Reize überwiegend im Raum, Kameraden, Mitstrebende unserer. Ich sehe alles in der Zeit, als Glied der Geistigen Generationen. Nietzsche (Details anzeigen) war für den Knaben und Jüngling die „Legende“ des Vorgängers. Die |:Unsere:|/ in diesem Schnittblumen = lande Amerika scheint mir keine Exitenz es sei denn in dieser ancestralen Problematik. Vor uns hatten wir „Epigonen“. Was anderes können wir also bereden als Vor=fahren? Die Amerikaner haben ihre Revolution stets mit der Noahschen| Bundesgründung und Völkertafel zusammengebracht. Das war und ist die religiöse Unterbauerung der Union gesehen.

Mir scheint, dass wir im Reich des Geistes diese |:selbe:| Wirklichkeit repräsentieren, und darin sie repräsentieren, auch willens sein sollten es zu tun. (Denn der wahre Wille besteht ja nicht darin, etwas zu wollen, sondern das zu wollen, was schon da ist.) Unser Dasein hier hätte erst dann Tiefgang, wenn die Heteronomie zwischen uns und die Autonomie verschlungen wären in dem Sieg der Theonomie.

Vielleicht können Sie Schmidts (Details anzeigen) genaue Adresse anfügen.

Ich lege eine Niederschrift bei, die ich zurückerbitte. Deshalb liegt ein Umschlag an mich mit im Briefe. Besser Misstrauen!


Fußnoten, Anmerkungen

1Rosenstocks Kommentar bezieht sich auf Tillich's Eindruck der Mosaike in Ravenna, welcher seinem Autobiographischen Entwurf: „On the Boundary (Details anzeigen)“ zu entnehmen ist, wie Christian Roy in seiner detailierten Tillich und Rosenstock Korrespondenz: „Interpretations of History Out of Revolution and Exile“ bemerkt.

Register

aCambridge, MA
bTillich, Paul
cSchmidt, Karl Ludwig
dBerlin
eMarburg an der Lahn
fFrankfurt am Main
gBerlin
hVereinigte Staaten von Amerika
i
jVerona
kVerona
l
mTokio
nVerona
o;
pRavenna
qNietzsche, Friedrich
rRosenstock- Huessy, Eugen
sSchmidt, Karl Ludwig

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/180(7)
Erstpublikation
Weitere Publikationen
  • Christian Roy: „Interpretations of History Out of Revolution and Exile, The Correspondence Between Eugen Rosenstock-Huessy and Paul Tillich (1935-1944)“ . In: Paul Tillich im Exil 12 (2017), 103-124.
Typ

Brief, handschriftlich

Postweg
Cambridge Massachusetts - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Eugen Rosenstock–Huessy an Paul Tillich vom 14. Juni 1935

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Eugen Rosenstock–Huessy an Paul Tillich vom 4. November 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10236.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10236.html |titel=Brief von Eugen Rosenstock–Huessy an Paul Tillich vom 4. November 1935 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=04.11.1935 |abruf=???? }}
L10236.pdf