Der editierte Text

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Liebster Erhard (Details anzeigen), liebste Elisabeth (Details anzeigen)!

Es ist sehr traurig, dass ich in diesem Jahr nicht einmal fähig war, an Weihnachten zu schreiben. Aber es ist so und es wird weiter so sein. Amerika (Details anzeigen) saugt uns immer mehr ein. Der tägliche Lebenskampf ist sehr schwer und wird mit jedem Jahre schwerer. In den letzten Wochen war ich oft so müde, dass eine völlige Gleichgültigkeit gegen alles in Welt über mich kam; Ich dachte an Vaterchen (Details anzeigen)s Melancholie-Anfälle und fühlte Angst, dass ich mich langsam in der gleiche Richtung entwickeln werde. Mit äusseren Dingen hat das nichts zu tun. Es geht uns ausser der wachsenden finanziellen Schwierigkeit (durch Preissteigerung, Erziehungs- und Versicherungsgelder) sehr gut. Ich habe den Lehrstuhl für "Geschichte der Theologie" bekommen, was die volle Einordnung in den Lehrbetrieb bedeutet. Ich habe die grössten Kollegs im Seminary und | und die besten Studenten Amerika (Details anzeigen)s. – Hannah (Details anzeigen) ist durch die Reise zu neuen Geschichten inspiriert worden, was immer bedeutet, dass es ihr sehr gut geht. Erdmuthe (Details anzeigen) entwickelt ihre musikalische Begabung, singt schon im High-School-Chor mit. Sie wächst schnell und wird immer schöner. Der Junge (Details anzeigen) ist unglaublich wüst, klug und stark, aber auf keine Weise zu regieren. Die Zahl der wertvollen Menschen, die wir hier haben, ist Legion, und es kommen immer neue, zuletzt unsere alten Marburg-Dresdner Freunde Spiegelberg (Details anzeigen) (Details anzeigen)s (Indologe), für die wir viel zu sorgen haben, da sie drei Monate nach ihrer Ankunft ein Kind bekommen haben. – Aber das alles ist nur nebenbei. Die Hauptarbeit liegt auf den Kollegs, von denen ich hoffe, dass ich zumindest eins von ihnen, die "Dogmatik" langsam in ein Buch verwandeln kann. Diese Arbeit bedeutet aber, dass ich seit unserer Rückkehr eigentlich nie vor 2 Uhr Nachts ins Bett gekommen bin; was manchmal zu viel wird –––|

Hannah (Details anzeigen) lebt noch viel in der Reise. Ich habe sie schon fast vergessen über den andrängenden neuen Aufgaben, die jede Stunde, jede Minute besetzten und infolge ihrer Unerfüllbarkeit ständig Depressionen bewirken.

Im nächsten Jahr werden wir uns nicht sehen. Ich habe Kurse in Kalifornien (Details anzeigen) und Westkanada (Details anzeigen), und will versuchen die ganze Familie mitzunehmen. Das ist aber nicht so leicht, da die Fahrt durch den Kontinent nicht wesentlich billiger ist als die Fahrt nach Europa (Details anzeigen) und wir noch schwer unter der Europa-Reise stöhnen. Andererseits möchte ich dass Hannah (Details anzeigen) etwas von Amerika (Details anzeigen) sieht, nachdem sie Europa (Details anzeigen) kennen gelernt hat. – Wenn unser Plan mit dem Grundstück bei Cannes (Details anzeigen) gelingt, wollen wir 1939 dorthin fahren. Ob dann ein Wiedersehen möglich sein wird? Ob ihr die wachsenden Hindernisse überwinden könnt? Ob die | Weltgeschichte, über die ich mehr an Frede (Details anzeigen) schreiben will, es zulassen wird? Auf jeden Fall habe ich augenblicklich starke Gefühle des Getrenntseins von allen die ich geliebt habe und noch liebe. Das hängt sicher sowohl mit Vaterchen (Details anzeigen)s Tod , wie mit der Unmöglichkeit zu schreiben und dem langsamen Hineinwachsen in zwei verschiedene Welten zusammen: Eine Welt, die mit jedem Tag verschiedener wird von dem was ich als Erinnerung mitgebracht habe, und meine Welt, in die ich immer mehr hineinwachse und von der ihr keinerlei Vorstellung habt...

Es ist Heiligabend Vormittag. Der schönste Baum, den wir je hatten, steht da. Um 5 werden die Kinder beschert (3 mit der Freundin Judith (Details anzeigen)). Um 1/2 9 kommen 2 Ehepaare. – Wenn dieser Brief Dich erreicht, ist alles schon vorbei. Wir denken an Euch. Jetzt, in diesem Moment ist es bei Euch 6Uhr, und Ihr alle seid zusammen!

In viel Liebe!

EuerPaul (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aSeeberger, Erhard
bSeeberger, Elisabeth
cVereinigte Staaten von Amerika
dTillich, Johannes Oskar
eVereinigte Staaten von Amerika
fTillich, Hannah
gFarris, Erdmuthe
hTillich, René Johannes Stefan
iSpiegelberg, Friedrich
jSpiegelberg, Rosalie
kTillich, Hannah
lKalifornien
mKanada
nEuropa
oTillich, Hannah
pVereinigte Staaten von Amerika
qEuropa
rCannes
sFritz, Alfred
tTillich, Johannes Oskar
uJudith
vTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/184(10)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Elisabeth Tillich vom 3. Ausgust 1937
nächster Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Paul Tillich an Elisabeth Seebergervom 16. Juli 1938

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Elisabeth Tillich vom 24. Dezember 1937, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10381.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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