Der editierte Text

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„Bei Goslar (Details anzeigen) im Speisewagen“1 Sonntag Nachmittag.

Liebster Frede (Details anzeigen)!

Das waren 4 Tage, seitdem ich Dich verlassen hatte, wie sie nicht allzu häufig sind. Zwei Tage – und Nächte mit H. Schafft (Details anzeigen) und zwei Tage und Nächte mit Hirsch (Details anzeigen) und Barth (Details anzeigen), mit dem letzten 2x4 St.2 Dazu mit Rose (Details anzeigen) allein je 2 Stunden Spazieren, und doch bin ich angeregt und frisch wie selten. Es war eine Aufmöbelung erster Ordnung, eine Fahrt aus der theologischen „Provinz“: Berlin (Details anzeigen) in die theologischen Zentralen. – Mit Hannah (Details anzeigen) ging es äußerlich gut. Wir hatten dauernd Fenstereckplätze. Bis Hannover (Details anzeigen) konnte sie liegen. In den letzten Stunden war sie doch recht wacklig; ich bin gespannt auf ihren Brief, wie sie in Marburg (Details anzeigen) angekommen ist. Es war unsere erste Fahrt und erweckte die Sehnsucht nach weiteren. Dann kam der Vortrag,3 der ziemlich starken Eindruck machte, anscheinend auch auf | Hermann (Details anzeigen), denn er sprach die ganzen Tage in meinen {Formeln} – Nach Frankfurt (Details anzeigen) geht er also definitiv nicht; daß es zu einem Krach mit dem Konsistorium kommt, glaubt er auch nicht mehr. Dagegen spukt der Rücktrittsgedanke noch mächtig in ihm. Er ist außerordentlich nervös und innerlich kaputt. Er braucht dringend eine ihm gemäße leitende Stelle und – eine Frau (?). Wir standen uns sachlich wieder sehr nahe; er wird in Kassel (Details anzeigen) zerrissen von den Menschen. Über Emmanuel (Details anzeigen), der dort geredet hatte, war er sehr entsetzt; er fand Spuren von jüdischem Haß bei ihm, was wohl nicht ganz richtig ist. Wir waren in der „Alten Drusel“ und dachten an die „Kasseler Konferenz (Details anzeigen)1912 und meinen Thesen,4 die damals niemand verstand und die jetzt uns allen längst selbstverständlich sind. Wir fühlten uns doch den anderen gegenüber (Büchsel (Details anzeigen), Heinzelmann (Details anzeigen), Strathmann (Details anzeigen)) gegen| über sehr einig. Am Abend nach meinem Vortrag waren wir noch mit seinen freideutschen Jungen und Mädchen zusammen,5 mit denen allen er sich duzt (zu Emmanuels (Details anzeigen) Entsetzen); für den Wingolf will er eine Aktion machen auf der Wartburg (Details anzeigen), eventuell mit Antrag auf Aufhebung von Kouleur und Komment, und – wenn oder da es mißlingen wird, eine Spaltung herbeiführen. Ob das einen Sinn hat, ist ja sehr fragwürdig; aber sonst hat eben überhaupt nichts mehr Sinn. Emmanuel (Details anzeigen) wollte das Nationale als notwendige Konsequenz des Christlichen gelten lassen und Sozialisten etc. mit „Hallenser (Details anzeigen) Prinzipauffassung“ tragen. Es war aber nicht schwer zu zeigen, daß damit doch zwei Prinzipien nebeneinander stehen. Hermann (Details anzeigen) wird noch über die Wartburg (Details anzeigen) an uns schreiben. Emmanuel (Details anzeigen) kommt nicht Ostern zu Euch. Arbeit und Geld. Er hat tatsächlich als Ordinarius6 jetzt weniger wie ich als Privatdozent.

| Am ersten Abend kam Barth (Details anzeigen) zu uns. Er sagte: „Ich hätte Sie mir anders vorgestellt, mehr modern-positiv; wieso? Ja mehr elegant-großstädtisch!!“ – Der Punkt der Debatte auf den Emmanuel (Details anzeigen) mit Scharfblick führte, war der Barthsche (Details anzeigen) Supranaturalismus, den er als Inkonsequenz in seinem System auffaßte (Christus, Auferstehung, Eschatologie) also alles Blumhardtsche (Details anzeigen). Demgegenüber wäre ich konsequent und – Heide. Emmanuel (Details anzeigen) selbst aber erklärte sich für naiv und dialektisch. Mit Hartnäckigkeit suchte er eine Einigung von Barth (Details anzeigen) und mir zu verhindern; er erklärte es für einen letztlich religiösen Gegensatz, da Barth (Details anzeigen) dazu führen muß, entweder zu mir zu kommen oder einfach orthodox zu werden. Nach Mitternacht schimpfte er nur noch, nannte ihn Rhetoriker und Neuerungs-süchtig etc so daß schließlich Frau Barth (Details anzeigen) ganz und er halb einschnappten. Er hält ihn für gefährlicher, als mein „ehrliches Heidentum“, das er auch in meinem Kant (Details anzeigen)-Vortrag7 noch genau so findet. Besonders | reizte ihn die Mißachtung der historisch-kritischen Arbeit, deren Vertreter er ehrlicher und im Grunde nicht unfrömmer findet. Er fürchtet eine Auflösung des wissenschaftlichen Ernstes, besonders auch von der Theorie des Humors aus, die wir gemeinsam bekämpften; es ist Barth (Details anzeigen) in der Tat dringend nötig, daß er durch das Fegefeuer der ernstesten Wissenschaft hindurchgeht und auf „Hohlräume“ und „unmögliche Möglichkeiten“ verzichtet. Übrigens kam an dem gleichen Tag eine außerordentlich scharfe Kritik Schlatters (Details anzeigen) an Barth (Details anzeigen). Er wird es nicht leicht in Deutschland haben und fühlt es auch; aber es wird ihm gut tun, und ihn inhaltsvoller machen. – Am nächsten Tage war ich Nachmittag bei ihm und wir sprachen ohne Emmanuel (Details anzeigen), vor allem über die Geschichtsphilosophie. Auch hier zeigte sich der Gegensatz, daß er als supranaturaler Eschatologe kein Interesse daran hatte, sondern meine „theonomen“ Zeitalter schon gefährlich fand. Er mußte dann freilich | zugeben, daß sein „Glaubensakt“, den er aus allem herausheben wollte, schließlich ebenso gefährlich ist. Über den religiösen Sozialismus sagte er, daß er an unserer Arbeit „warmes Interesse“ hätte – wozu Emmanuel (Details anzeigen) bemerkte, daß er das viel schlimmer fände, da Barth (Details anzeigen) die sozialistische Gesinnung doch noch hätte. Schließlich machten wir folgenden Pakt: Er will suchen, seine supranaturalen Formeln zu rationalisieren, ich meine rationalen durch supranaturale zu kompensieren; er will als Bibeltheologe verkünden, was das Wesen des Unbedingten sei, ich als Kulturtheologe. – Den stärksten Eindruck habe ich doch von Emmanuel (Details anzeigen) empfangen; er ist so geschlossen und stark, daß ich ihn mit einem nitrischen Mönch verglich, zu dem [sich] der alexandrinische Religionsphilosoph hinausbegeben hat, um sich Kräfte zu holen. Seine Ethik ist im Grunde doch Ethos und nicht Gesetz, es hat ein ekstatisches Element in sich und ist von da | gerechtfertigt. – Äußerlich ist er elend und wüstenhaft. Rose (Details anzeigen), mit der ich viel sprach, tut alles was sie kann, aber es gibt auch für sie Unmögliches. So geht er in der herrlichen Göttinger (Details anzeigen) Landschaft nie spazieren, arbeitet bis spät in die Nacht und kennt keine Schonung. „Jugend haben wir eigentlich nicht gehabt“, sagte Rose (Details anzeigen). – Sie wohnen sehr schön, im besten Winkel, nur die Küche ist zu klein und das Schlafzimmer auf dem Boden. Rose (Details anzeigen) sorgt unglaublich nett für mich. – Sie sorgt sich sehr, daß Emmanuel (Details anzeigen) sich ganz einkapseln wird und ist sehr dankbar für jeden, der zu ihnen kommt. Mit ihr selbst hatte ich allerhand Gespräche über erotische Probleme. Sie interpelliert mich immer darin. – Wegen Frankfurt (Details anzeigen) riet Dir Hermann (Details anzeigen) zu; er fand das Haus und Deine Position sehr schön und meint, die Gemeinde würde auf Forderungen eingehen. – Flämming8 hält er keines| wegs für einen zweiten Luther (Details anzeigen), wie Bluntschli (Details anzeigen), sondern für einen guten Pädagogen. Bluntschli (Details anzeigen) hat ihm geschrieben, daß Du großen Eindruck auf ihn gemacht hättest. – Über meine Professur denkt Emmanuel (Details anzeigen) sehr skeptisch; er meint, ich müßte in diesem Jahre Extraordinarius- titulario werden; aber auch das geht von der Fakultät aus, ist also unsicher. Vor allem drängt auch er auf „das Buch“. Barth (Details anzeigen) will Kaiser anfragen, ob er es verlegen will. – Die kleine Universität hat doch viel für sich; es ist ein dauernder Dialog möglich. Wie mir das in Berlin (Details anzeigen) fehlt, habe ich in dieser ganzen Zeit, bei Dir und den anderen gesehen; dazu die beglückende Natur. Aber wie lange wird es währen und die Sehnsucht nach dem Strudel kommt.

Bitte schicke mir diesen Brief gleich zurück, damit ich ihn Hannah (Details anzeigen) schicken kann und das Materielle nicht wiederholen muß. – Und dann noch einmal Trudchen (Details anzeigen) und Dir Tausend Dank für Alles.

Dein Paul (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Dieser Brief vermittelt Eindrücke von den Kontakten zu jenen theologischen Freunden, die eine Neuorientierung in der Theologie nach 1918 bestimmten. Vgl. zu diesem Brief den Rundbrief (Details anzeigen) von Karl Barth (Details anzeigen) vom Sonntag, den 2. April 1922.
2Zu diesem Zusammentreffen mit Karl Barth (Details anzeigen) und Emanuel Hirsch (Details anzeigen) schreibt Eberhard Busch (Details anzeigen) in seiner Barth-Biographie (Details anzeigen), S. 150 f.: „Ende März [1922] besuchte er [Tillich] Barth in Göttingen (Details anzeigen) und lernte ihn in zwei ausgiebigen Gesprächen kennen. In dem einen setzten zwei Studenten „dem Fremden mit Seitenhieben“ zu, „während ich [Busch zitiert hier aus einem Brief Barths an Thurneysen (Details anzeigen)] mir die Pfeife stopfte oder sonst einen Augenblick nicht weiter wußte“. „Das Bemerkenswerteste an ihm ist sein – anti-orthodoxes Ressentiment – und seine Geschichtsmythologie, in die sich das im übrigen streng unterdrückte – supranaturale – Bedürfnis bei ihm ergießt.“ In dem anderen Gespräch machte sich Hirsch „ein Vergnügen daraus, uns gegeneinander aufzuhetzen, Tillich bei mir als unchristlich und mich bei Tillich als unwissenschaftlich zu denunzieren, auf welche – Typisierung – wir uns natürlich grundsätzlich nicht einließen, obwohl irgend etwas dran ist und ein Friedensschluß zwischen uns nur auf der uns gemeinsamen, etwas schmalen Front gegen Hirsch erzielt werden konnte, im übrigen nur auf der Basis, daß man gegenseitig das Beste voneinander denken und erwarten wolle.““
3Womöglich ist hier die Wiederholung des unten genannten Berliner Kant-Vortrages (Details anzeigen) gemeint.
4Tillich irrt sich im Jahr. Die Pfingstkonferenz in Kassel, auf welcher er seine Thesen über „Die christliche Gewißheit und der historische Jesus“ (Details anzeigen) vorstellte, fand Pfingsten 1911 statt.
5Die freideutsche Jugend entstand als Zusammenschluss der studentischen und älteren Gruppen der Jugendbewegung, die 1913 auf dem Hohen Meißner zusammen mit nahestehenden lebensreformerischen Altersverbänden den ersten freideutschen Jugendtag veranstalteten. Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges führten zur Spaltung in eine völkische (Jungdeutscher Bund) und mehrere sozialistische Gruppen.
6Als solcher lehrte Hirsch (Details anzeigen) seit 1921 in Göttingen (Details anzeigen) Kirchengeschichte.
8Gemeint ist vielleicht der Pädagoge Georg Flemmig (Details anzeigen), der in der Neuwerk-Bewegung führend war.

Register

aGoslar
bThurneysen (Hg.), Karl Barth an "Liebe Freunde!", 1987
cBarth, Karl
dFritz, Alfred
eSchafft, Hermann
fHirsch, Emanuel
gBarth, Karl
hBarth, Karl
iHirsch, Emanuel
jBusch, Eberhard
kBusch, Karl Barths Lebenslauf. Nach seinen Briefen und autobiographischen Texten, 1978
lGöttingen
mThurneysen, Eduard
nHirsch (geb. Ecke), Rosa
oBerlin
pTillich, Hannah
qHannover
rMarburg an der Lahn
sTillich, Die Überwindung des Religionsbegriffs in der Religionsphilosophie, 1922
tSchafft, Hermann
uFrankfurt am Main
vKassel
wHirsch, Emanuel
xKassel
yTillich (Hg.), Die christliche Gewißheit und der historische Jesus, 1983
zBüchsel, Friedrich Hermann Martin
aaHeinzelmann, Gerhard
abStrathmann, Hermann
acHirsch, Emanuel
adFrankfurt am Main
aeHirsch, Emanuel
afHalle (Saale)
agSchafft, Hermann
ahFrankfurt am Main
aiHirsch, Emanuel
ajHirsch, Emanuel
akGöttingen
alBarth, Karl
amHirsch, Emanuel
anBarth, Karl
aoBlumhardt, Christoph Friedrich
apHirsch, Emanuel
aqBarth, Karl
arBarth, Karl
asBarth, Nelly
atKant, Immanuel
auTillich, Die Überwindung des Religionsbegriffs in der Religionsphilosophie, 1922
avBarth, Karl
awSchlatter, Adolf
axBarth, Karl
ayHirsch, Emanuel
azHirsch, Emanuel
baBarth, Karl
bbHirsch, Emanuel
bcHirsch (geb. Ecke), Rosa
bdGöttingen
beHirsch (geb. Ecke), Rosa
bfHirsch (geb. Ecke), Rosa
bgHirsch, Emanuel
bhFrankfurt am Main
biSchafft, Hermann
bjFlemmig, Georg
bkLuther, Martin
blBluntschli, Hans Hermann G.
bmBluntschli, Hans Hermann G.
bnHirsch, Emanuel
boBarth, Karl
bpBerlin
bqTillich, Hannah
brFritz (geb. Horn), Gertrude
bsTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/143
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Goslar - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Alfred Fritz vermutlich vom 2. April 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00747.html, Zugriff am ????.

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{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00747.html |titel=Brief von Paul Tillich an Alfred Fritz vermutlich vom 2. April 1922 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=1922 |abruf=???? }}
L00747.pdf