Der editierte Text

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10.7.21

Lieber Paul (Details anzeigen),

es schien mir wesentlich, auf Deinen Brief gleich zu antworten. Nicht auf die wissenschaftlichen Glossen, die will ich bedenken, und dann das Ergebnis Dir wieder in irgend einer „Überraschung“ vorlegen. Ich will an der „Geschichte des neueren Geistes“ weiter arbeiten, vielleicht wird einmal mein großes Lebenswerk diesen Titel tragen – so Gott mir die Kraft gibt. Sowohl mein „N[ietzsche] u. L[uther] (Details anzeigen)“ wie die Reich Gottes Begriffe (Details anzeigen) sind Fragmente aus größeren Arbeiten und Plänen. Das Problem der Mystik und des französischen Augustinismus will ich ein ander Mal durchnehmen. Ich empfinde dies, daß ich die Kraft noch nicht hatte, Frankreich ganz durchzuarbeiten, als die Hauptlücke. –

Karl Ludwig Schmidt (Details anzeigen) ist ein Wirrkopf. Er hat mir die Äußerung eines Frl. Stöcker (Details anzeigen) als Beispiel Deines leichtherzigen Umgangs mit „jungen Mädchen“ geschrieben. Ich konnte nicht wissen, daß er alte geile Lehrerinnen junge Mädchen nennt.Deißmann (Details anzeigen)-Schule, ohne die Lauterkeit der historischen Kritik – Das sagt alles. Im übrigen, es ist nicht nur der gute Karl Ludwig (Details anzeigen). Ich kann die übrigen nur nicht angeben/nageln{¿¿¿}. Den konnte ich aber angeben/nageln{¿¿¿}, darum hielt ich mich an ihn.

Die beiden Auswege Karl Ludwigs (Details anzeigen) sind beide unsolid. Ich kenne keine „zweite systemat. Professur“ außer solchen, wo die volle Last, jenen Teil der praktischen Theologie, der kirchliche Dogmatik heißt, ganz zu lesen, auf dem Inhaber läge. Zum bloßen außeretats

| mäßigen Extraordinarius bist Du mir aber zu schade. Das ist ein Titel, der genau soviel bringt wie der Lehrauftrag, reicht also zur Existenzsicherung nicht aus. Und Du mußt ein Mann mit voller Verantwortlichkeit{kann egtl. nicht sein} und voller Lebensstellung werden. Das Freibeutertum des Pflichtlosen (und das ist man auch als solcher Extraordinarius, genau so gut wie als Privatdozent) ist keine Lebensaufgabe. Und wir brauchen eine solche äußere Last alle. Ich seufze darunter, nun 2-3 Jahre produktiv lahm gelegt zu sein durch Herstellung meiner Kollegia (8 verschiedene große Hauptkollegs, und zwar in dem schwierigsten, arbeitsreichsten theol. Fach), und doch freue ich mich: endlich eine äußere Last und Verantwortung, endlich nicht bloß Schriftsteller und kleines Nebenpferd am Fakultätskarren. Ich will ziehen, auch wenn die Knochen drücken. Das gibt dem Charakter einen Stahl, den wir nicht entbehren können. So wirst Du auch denken, und wenn nicht jetzt, so in einigen Jahren. Kongresse, Freundeszirkel, Zeitschriften, – das ist alles nur Halbheit. Verantwortliches Glied einer Sozietät zu sein, das erst macht den Mann. Hegel (Details anzeigen)'s größere Reife gegenüber Fichte (Details anzeigen) beruht auf seiner anderen äußeren Lebensführung in diesem Punkte.

| Von Holl (Details anzeigen) kann ich zur Zeit nichts schicken. Ich habe das Fragliche alles ausgeliehen. Alle in der Anmerkung genannten Dinge sind auf der großen Bibliothek in Berlin (Details anzeigen) vorhanden. Nimm dazu noch seine Bedeutung der grossen Kriege für das religiöse und kirchliche Leben im deutschen Protestantismus (Details anzeigen), 1917, und etwa noch (Beiheft der Zeitschrift für Theologie und Kirche 1916 (?) 1915 (?): Thomas Chalmers (Details anzeigen), so kennst Du den Mann.

Ich kenne Holl (Details anzeigen)'s Seele so gut wie meine eigene. Ein persönlicher Feind von Dir ist er nicht. Er nimmt an Dir ethisch Anstoß aus folgenden Gründen: 1) Er vermißt an Dir die Zucht und Strenge der Methode, die Gewissenhaftigkeit des Gelehrten. Nichts läßt bei Holl (Details anzeigen) mehr durchfallen, als das Gefühl: hier ist Geist ohne diese Strenge, ohne den Willen zur wahrhaftigen Erkenntnisbildung auf Grund genauester Einzelerkenntnis, auf Grund vollständiger Sachkunde. Ich Er kann nicht wissen, daß Du die Kraft dazu in Dir hast. Kennte ich Dich nur aus dem bisher von Deinem Wirken und Deinen Schriften der Öffentlichkeit Zugänglichen, so würde ich ihm nicht ganz widersprechen. Du hast in Halle (Details anzeigen) in wesentlichen Dingen der wissenschaftlichen Methode eine Schulung nicht erhalten. In diesem Punkte aber wirst Du ihn sofort überzeugen durch ein specimen. Hast Du etwas, was ihm da imponieren kann, so schick es ihm getrost zu, alsbald nach der Veröffentlichung. Du sollst sehen: er urteilt dann anders. Er ist ein Mann, der umlernen kann. Laß Dir also

| in diesem Punkt sein (unbarmherziges) Urteil zum Stachel werden. Einen Gelehrten dieser Art vom eigenen Können überzeugen, das wiegt schwerer als die Verehrung einer Anzahl von Dir nicht Ebenbürtigen. Was sind denn ein Mennicke (Details anzeigen) und Schmidt (Details anzeigen) und auch Wegener (Details anzeigen)? Arme Hunde, die sich von den Brosamen Deines Tisches nähren. Und ich weiß, Du hast die Kraft, etwas zu leisten. Mir ist hier Bertram (Details anzeigen) ein Vorbild, wie man Verehrer behandeln muß. Man muß sie verachten und Arbeit tun, die um der Sache willen nötig ist, auch wenn sie untreu werden und von einem Untergang des Manns in Stumpfsinn reden. Sei ein Mensch mit langem Willen, opfere den Augenblick. 2) Er nimmt ethisch Anstoß an deiner Stellung zum Christentum ohne daß Du die äußeren Folgen ziehst. Deine Antrittsvorlesung hat ihm da die Augen über Deine Theologie geöffnet. Er arbeitet mit ganzer Seele daran, die Theologen zum Ernst des Gottesglaubens, des persönlichen Gottesglaubens im Sinne des Evangeliums zu erziehen. Und nun sieht er in Dir jemand, der am Gottesglauben gescheitert ist, ohne daß er die Folgen zieht für sein Verhältnis zur Theologie. Holl (Details anzeigen) liebt es, Nietzsche (Details anzeigen) zu lesen. Er ist überhaupt der reichste und vielseitig gebildetste Geist in der ganzen Berliner (Details anzeigen) Fakultät. Und er liebt jeden, der seine Kritik ehrlich ausspricht. Aber er verlangt, daß man seine ganze Person und Existenz bis ins Kleinste hinein

| mit seiner Überzeugung in Einklang bringe. So haben Nietzsche (Details anzeigen) und Schrempf (Details anzeigen) seine ganze Achtung: das sind Männer. In Dir sieht er den Willen, das vorhandene kirchliche Christentum für andere, nichtchristliche Zwecke zu verbrauchen. Wer ein Neues will, soll nach ihm das Neue unter Verzicht auf Kräfte, die und Gemeinschaften, mit denen er nichts mehr zu tun hat innerlich, bauen. Ich referiere hier nur, ohne dazu Stellung zu nehmen. Er würde in diesem Punkt seine nächsten Freunde dem opfern, was er für den Fortbestand des evang Christen[tum]s |:für:| nötig hält. Auch hier kannst Du aus seinem Urteil etwas lernen. Holl (Details anzeigen) ist freiheitlich in seinen Überzeugungen, nichts vom Ketzerrichter ist an ihm. Er würde nie vergessen, daß er selbst mit wesentlichen Punkten des alten Dogmas in Konflikt ist. Aber Es ist also das Urteil eines strengen und ernsten, aber keines engen Geistes.

Es steht so mancher ähnlich wie Holl (Details anzeigen) zu Dir und sagt es nicht. Ich habe Deine gedruckten Schriften öfter an Theologen gegeben, und auch an ganz freie Geister. Ich habe dabei stets von denen, an denen Dir am meisten gelegen sein mußte, ein kühles Urteil erhalten: „es ist kein ganzer entschiedener Wille dahinter“, „er bohrt nicht hart und tief genug“ u. dgl. Meine Versicherung, daß in Dir ernste und schöpferische geistige Kraft stecke, fand keinen rechten Glauben. Paul (Details anzeigen), Du darfst mir jederzeit auch mein Gefühl{?} in anderer Spiegel vorhalten. Nur liegt bei Dir

| nur an einem: daß offenbar werde, was Du kannst; daß sich der Geist und der Wille zu derjenigen Ehe vermähle, aus der das Große hervorgeht. Gott hat Dir einen reicheren und größeren Geist geschenkt als ich ihn habe, und nun mußt Du Deinen Geist ganz unter das Gesetz stellen. Ich wünschte Dich aus Berlin (Details anzeigen) heraus als philosophischen Ordinarius in eine Kleinstadt. Nietzsche (Details anzeigen) hat von Sils Maria (Details anzeigen) aus sein Weltregiment begründet. In Berlin (Details anzeigen) wäre er es nicht im Stand gewesen. Wozu brauchst Du Gegenwartsanregungen, wenn Du doch die Zukunft haben willst. Ich könnte auch auf manche Menschen lebendig wirken, – aber ich will es nicht. Nur in innerlicher Einsamkeit, geschieden von allen Verehrern, wächst die Kraft heran. Was ich nicht in mir habe, gibt mir kein außen. Ich bin manchmal erstaunt, wie gut ich das Verständnis für Modernstes auch aus eigenen Bedingungen erzeugen kann. Zwei, drei Menschen genügen dazu, um alles zu verstehen, was jetzt geistig geschieht, und man braucht sie nicht 1x oft zu sehen. – Ich habe nun schon lange auf Dein „Masse und Geist (Details anzeigen)“ gewartet. Wann kommt es? – – Von allen äußeren Dingen rede ich nicht mehr. Einige Ethika besprechen wir vielleicht mündlich. Wann bist Du in Berlin (Details anzeigen) in den Ferien? In dem einen Punkt sind wir ja einig: Warten auf die Gelegenheit, Philosoph werden zu können, aber nichts forcieren. Du mußt es freiwillig tun, und tun als ein durch Geistiger Ausgewiesener und in seinen persönlichen

| Verhältnissen ganz geordneter. Übe aber in der Zwischenzeit jede Zurückhaltung in allen Dingen. Wenn die Berliner (Details anzeigen) Ordinarien wissen, was sonst alle Leute sich erzählen, hättest Du sehr schwere Krisen zu erwarten. Die gegenwärtigen Philosophen sind so mies, daß eine einzige durchschlagende Leistung Dich an ihre Spitze bringen kann.

Herzlich auch von Rose (Details anzeigen) grüßend

Dein Emanuel (Details anzeigen).

Wenn Holl (Details anzeigen) noch nicht viel schärfer ist gegen Dich, so kommt das daher, daß ich Dich, so gut es geht, gegenüber seiner Kritik (die er mir mündlich und brieflich rückhaltlos ausgesprochen hat und ausspricht) decke mit meiner Person.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
bo.A., II. Aus Luthers Zeit – für unsere Zeit: Nietzsche und Luther, None
cHirsch, Die Reich-Gottes-Begriffe des neueren europäischen Denkens. Ein Versuch zur..., 1921
dSchmidt, Karl Ludwig
eStöcker, Lydia
fDeißmann, Adolf
gSchmidt, Karl Ludwig
hSchmidt, Karl Ludwig
iHegel, Georg Wilhelm Friedrich
jFichte, Immanuel Hermann
kHoll, Karl
lBerlin
mHoll, Die Bedeutung der großen Kriege für das religiöse und kirchliche Leben inne..., 1917
nHoll, Thomas Chalmers und die Anfänge der kirchlich-sozialen Bewegung, 1913
oHoll, Karl
pHoll, Karl
qHalle (Saale)
rMennicke, Carl August
sSchmidt, Karl Ludwig
tWegener, Carl Richard
uBertram, Georg
vHoll, Karl
wNietzsche, Friedrich
xBerlin
yNietzsche, Friedrich
zSchrempf, Christoph
aaHoll, Karl
abHoll, Karl
acTillich, Paul
adBerlin
aeNietzsche, Friedrich
afSpiekeroog
agBerlin
ahTillich, Masse und Geist. Studien zur Philosophie der Masse, 1922
aiBerlin
ajBerlin
akHirsch (geb. Ecke), Rosa
alHirsch, Emanuel
amHoll, Karl

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886‒1965. Papers, 1894‒1974, bMS 649/152
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Emanuel Hirsch an Paul Tillich vom 10. Juli 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00726.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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