Der editierte Text

| 73 Oxford Street
Hartfort, Conn. (Details anzeigen)
4. Oktober 41.

Lieber Lieber Herr Tillich (Details anzeigen),

seien Sie bitte nicht böse, dass ich Ihnen letzthin in meinem office und daher ohne Frau und Schreibmaschine schrieb. Es schien ja sehr eilig zu sein mit der Antwort. Heute kann ich Ihnen und Frau Fränkel (Details anzeigen) die Entzifferungskünste ersparen. Die Rezension schick|:t:|e ich direkt an Marcuse (Details anzeigen) zurück. Ich war nie ein guter Rezensient|:ent:| vonseiten der Inhaltsvermittlung, weil ich immer nur Bücher besprochen habe, die mir inhaltlich so nahe standen, dass ich sogleich mit der Kritik begann. Ich gestehe aber M. (Details anzeigen) gern dasselbe zu bei der Besprechung meines Buches. Im Übrigen fiel mir bei Ihrer Bemerkung, dass Sie M. (Details anzeigen)s Buch rezensiert haben, ein, dass|:ob:| ich Sie bitten dürgfte auch meines irgendwo anzuzeigen |:?!:|. Ich wüsste niemand, der so in dem Thema zuhause ist, vor allem mit Bezug auf die Auflösung der bürgerlich-christlichen |:(:| und speziell protestantischen|:):| Welt, die freilich hierzulande |:noch:| durchaus floriert. Das Hegelzitat war mir sehr interessant. Aber heute würde Hegel (Details anzeigen) wohl nicht mehr mit Napoleon (Details anzeigen) behaupten können, dass ihn das alte Europa (Details anzeigen) langweile. Dagegen hat er noch immer recht, wenn er Amerika (Details anzeigen) als den blossen Widerhall der alten Welt und als eine uns fremde Lebendigkeit bezeichnet. Sie sehen, dass ich mit Ihrer Erklärung zum american citizan nicht ganz einverstanden bin. Europa (Details anzeigen) scheint mir mehr denn je massgebend und weniger denn je blosse |:":|Provinz|:":| zu sein. Amerika (Details anzeigen) ist weder politisch nach |:noch:| theologisch noch philosophisch voraus, vielmehr hinkt es bedenklich dem russischen und dem deutschen Experimente nach.

Zu Marx (Details anzeigen)-Hegel (Details anzeigen) noch folgendes. Gewiss wollte Marx (Details anzeigen) der Theorie nach die |:":|Errungenschaften |:":| der kapitalistischen Epoche nicht beseitigen, sondern aufheben, zugleich propagierte er aber eine radikale Vernichtung der Bourgeoisie. Er gebraucht tausendmal Hegel (Details anzeigen) Worte Vernunft und Freiheit, aber ihr Sinn ist pervertiert und entspannt. Hegel (Details anzeigen)s Philosophie lebt von der Existenz von (vernünftigen|:!:|) Widersprüchen, Marx (Details anzeigen)ens Theorie lebt von der blossen Oppositionskraft. In dem Msc. über Philosophie und Nationalökonomie wechselt er unversehens vom |:":|Aufheben|:":| zum simplen |:":|Vernichten|:":| hinüber (mein Buch S.381, Anm. 62). Eine Dialektik von Herr und Knecht ist auf dem Boden von Marx (Details anzeigen) ausgeschlossen, desgleichen ein Hegelschen Schicksal. Die Freiheit, die in der gesamten Antike sowohl wie im Christentum von Augustin (Details anzeigen) bis Luther (Details anzeigen) in dialektischem Verhältnis zu Knechtschaft verstanden wurde, wird bei Marx (Details anzeigen) zur eindimensionalen Emanzipation.

Eine Weiterführung von Hegel (Details anzeigen)s früherem revolutionären Pathos in den Schriften nach 1800 kann ich nirgends eintdecken, grade als ein Land der Zukunft ging ihn Amerika (Details anzeigen) bekanntlich |:":|nichts an|:":|, wohl aber spekulative Vermittlung und end geschichtliches Denken. Mir selbst hat es zwar auch viel genützt, dass ich Hegel (Details anzeigen) im Lichte der Junghegelianer studierte, aber das Faktum, dass diese die geschichtlichen Erben Hegel (Details anzeigen)s wurden und Konsequenzen aus einem System zogen, dessen Wesen der Schluss, d.h. eine vollendete Konsequenz ist, kann doch nicht besagen, dass Hegel (Details anzeigen)s Philosophie die eines revolutionären Jungehegelianers ist. Vierlmehr nimmt Marx (Details anzeigen) im selben Masse die Zukunft vorweg wie Hegel (Details anzeigen) die ganze europäische Vergangenheit noch einmal einholt. Insofern ist der reaktionäre Missbrauch Hegels (Details anzeigen) noch besser in Hegel (Details anzeigen) begründet als der revolutionäre. Wenn Marx (Details anzeigen), Strauss (Details anzeigen) und Bauer (Details anzeigen) die rechtmässigen Nachfolger Hegel (Details anzeigen)s sind, dann ist auch der Nationalsozialismus der rechtmässige Nachfolger Nietzsche (Details anzeigen)s. Ich bestreite beides gar nicht in Bezug auf das geschichtliche Recht (was freilich ein hölzernes Eisen ist), wohl aber in Bezug auf das sachliche Recht. Weil ich überhaupt bestreite, dass die Weltgeschichte – hegelisch oder marxistisch gefasst – das Weltgericht ist. Nur von einem völlig historisierten|:,:| oder auch geschichtlich existenzialisierten Denken aus (|:L:|a trahison du clerc!), dass sich m.A. weder mit Philosophie noch mit Theologie verträgt, lässt sich Marcuse (Details anzeigen)s These und Ihre Unterstützung derselben durchführen. In Wirklichkeit hat aber auch Marcuse (Details anzeigen) nur s|:sch:|einbar eine rein geschichtliche Perspektive für seine marxistische Hegelinterpretation: De facto hat er einen dogmatischen Ausgangspunkt, nämlich die Wahrheit des historischen Materialismus, und ich wundere mich, warum er und das ganze Institut | nicht Marxisten genannt sein wollen, wo sie doch alle wesentlichen Thesen von Marx (Details anzeigen) akzeptieren und damit wohl auch die dazugehörige politische Stellungnahme.

Nun noch ein paar Worte zu meinen eigenen Angelegenheiten. Könnten Sie so freundlich sein und bei Gelegenheit Niebuhr (Details anzeigen) und Friess (Details anzeigen) fragen, ob sie für mein Buch etwas tun und tun können, oder ob es aussichtslos |:ist:| für eine Übersetzung einen Verleger zu finden? Auch Bolma n (Details anzeigen) hat mir nie auf einen Brief in|:m:| September geantwortet. Ich wüsste gerne wie ich daran bin. Als Hartforder Kleinbürger habe ich leider keine Gelegenheit, mich in New York (Details anzeigen) Friess (Details anzeigen) und Niehbuhr (Details anzeigen) in Erinnerung zu bringen. – Für den Philosophenkongress in Vasser (Details anzeigen) habe ich ein paper über Kierkegaard (Details anzeigen) vorbereitet, dass ich Friess (Details anzeigen) für seine Zeitschrift anbieten möchte, falls Sie mir nicht zu einer anderen raten.

Kennen Sie die Schriften von E. Steinhausen (Details anzeigen) : |:":|Die Zukunft der Freiheit |:":| und |:":|Die Judenfrage eine Christenfrage|:":|, beide in Zürich (Details anzeigen) erschienen? Wir lernten ihn im Sommer kennen und er ist nun in New York (Details anzeigen). Wenn es Ihnen recht ist, würde ich ihn gern veranlassen, Sie einmal aufzusuchen. Er ist ein begaber [sic!] grundehrlicher und sympathischer Mann, der aus freien Stücken emigrierte und nun versucht, sich als politischer Schriftsteller durchzuschlagen. Seine Frau (Details anzeigen) ist eine sehr charmante tschechische Opernsängerin.

Grüssen Sie bitte Herr van Dusen (Details anzeigen), Niebuhr (Details anzeigen) und Kroner (Details anzeigen).

Von mir, |:nicht:| Maschine, |:aber:| Frau, viele Grüsse bitte auch an Ihre Frau (Details anzeigen) und an Frau (Details anzeigen)Fränkel die ich beide einmal wiederzutreffen hoffe.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHartford, Connecticut
bTillich, Paul
cFränkel, Hilde
dMarcuse, Herbert
eMarcuse, Herbert
fMarcuse, Herbert
gHegel, Georg Wilhelm Friedrich
hNapoleon Bonaparte
iEuropa
jVereinigte Staaten von Amerika
kEuropa
lVereinigte Staaten von Amerika
mMarx, Karl
nHegel, Georg Wilhelm Friedrich
oMarx, Karl
pHegel, Georg Wilhelm Friedrich
qHegel, Georg Wilhelm Friedrich
rMarx, Karl
sMarx, Karl
tAugustinus
uLuther, Martin
vMarx, Karl
wHegel, Georg Wilhelm Friedrich
xVereinigte Staaten von Amerika
yHegel, Georg Wilhelm Friedrich
zHegel, Georg Wilhelm Friedrich
aaHegel, Georg Wilhelm Friedrich
abMarx, Karl
acHegel, Georg Wilhelm Friedrich
adHegel, Georg Wilhelm Friedrich
aeHegel, Georg Wilhelm Friedrich
afMarx, Karl
agStrauß, David Friedrich
ahBauer, Bruno
aiHegel, Georg Wilhelm Friedrich
ajNietzsche, Friedrich
akMarcuse, Herbert
alMarcuse, Herbert
amMarx, Karl
anNiebuhr, Reinhold
aoFriess, Horace
apBolman, Frederick de Wolfe Jr.
aqNew York City
arFriess, Horace
asNiebuhr, Reinhold
atPoughkeepsie
auKierkegaard, Sören
avFriess, Horace
awGürster, Eugen
axZürich
ayNew York City
azDelmar, Rose
baDusen, Henry van
bbNiebuhr, Reinhold
bcKroner, Richard
bdLöwith, Karl
beTillich, Hannah
bfFränkel, Hilde

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 162(43)
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriflichen Einfügungen

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Karl Löwith an Paul Tillich vom 16. April 1933
nächster Brief in der Korrespondenz
Postkarte? von Karl Löwith an Paul Tillich vom 4. Oktober 1941

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Karl Löwith an Paul Tillich vom 4. Oktober 1941, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10529.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10529.html |titel=Brief von Karl Löwith an Paul Tillich vom 4. Oktober 1941 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=04.10.1941 |abruf=???? }}
L10529.pdf