Undatierter Brief von Fedor Stephun an Paul Tillich vermutlich von August 1934

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1Meine Lieben (Details anzeigen) (Details anzeigen)!

Schon lange haben wir nichts mehr von Euch gehört. Das letzte dritte Rundschreiben (Details anzeigen) ist vom 1. Februar 34 und berichtet von den Weihnachtstagen. Dann kam noch ein kürzerer Brief von Hanna (Details anzeigen) [sic!] mit einigen Gedanken über Kroners (Details anzeigen) und der Anfrage ob es ratsam wäre das Paulus (Details anzeigen) nach Deutschland (Details anzeigen) käme um sich eigenst davon zu überzeugen was hier zu Lande vor sich geht. Es war mir unmöglich von Deutschland (Details anzeigen) aus diese Frage zu beantworten und darum habe ich geschwiegen. Nun bin ich seit bald zwei Wochen in Schweden (Details anzeigen) und benutze diesen Aufenthalt um an Euch genauer und aufrichtiger zu schreiben, als wie es von Deutschland (Details anzeigen) möglich ist. Die Tatsachen kennt Ihr ja selber, vielleicht sogar besser als wir, die immer mehr und mehr dazu verurteilt werden im Dunkeln zu waten und aufs geratewohl zu raten. Alles was ich von mir aus Euch sagen |:bieten:| kann ist die Beschreibung der Stimmung in der man lebt; und da muss ich sagen |:dass ich:| erst hier in Schweden (Details anzeigen), wo einem der Atem so leicht geht habe ich |:es erst ganz:| verstanden |:habe:| wie dumpf und schwül die Atmosphäre in Deutschland (Details anzeigen) ist. Der Kreis der Menschen mit denen man ganz aufrichtig sein kann wird immer weniger, die Kombination einer Gesellschaft von acht bis zehn Menschen immer unmöglicher; die Dinge erinnern immer mehr und mehr an Russland (Details anzeigen) mit den Unterschied allerdings, dass ich den Kommunismus immer als schiksalsschweren [sic!] Wahnsinn empfunden habe, den Nationalsozialismus aber nicht umhin kann, als eine Laune des Schiksals [sic!] , als einen rasch montierten Wahnsinn zu erleben. Die Röhm-Revolte kam nicht nur für uns, die der Partei fern stehen, sondern auch für P. G. und S. A. Mitglieder schliesslich doch absolut unerwartet und unbegreiflich. Trotzdem ich mir die grösste Mühe gegeben habe ihre soziologischen Hintergründe tiefer zu verstehen, ist mir dieses doch nicht gelungen, weil ich bei grösster Mühe nur wenig ausländische Presse zu Gesicht bekam und weil die deutsche so sehr lügt, dass man ihr auch dann nicht traut, wenn sie die Wahrheit redet. Nur ganz| dumpf hat man schon früher gehört, dass der sächsische S. A.-Führer furchtbar prasse, dass in Oberbärenburg (Details anzeigen) ein grosses Hotel zu dem Zwecke eines Gelages für 10 000 Mark für die Nacht abgekauft wurde, dass die dort anberaumte Besprechung der S. A.-Führer wegen der Schlemmereien und Lustbarkeiten nicht zu Stande gekommen sei, das [sic!] Herr Hein (Details anzeigen) gegen Morgen |:einen anderen Besprechungsort angegeben habe:| mit seinem Auto irgendwohin losgerast sei, und dass die Unterführer ihn teilweise nicht verstanden haben, teilweise ihm nicht gefolgt sind. Dieses eine Erzählung eines S. A. Unterführers der selbst bei der Besprechung zugegen gewesen ist. Ich gebe sie wieder als ein vielleicht charakteristisches Stimmungsbild. Daneben ein ganz anders. Eine einfache Aufwartung, die bei uns seit Jahren arbeitet, kam ungefähr einen Monat vor der Revolte aufgeregt zu uns und sagte, sie hätte bei einer Geheimversammlung wo viele S. P. D. Leute gewesen sind gehört, der Führer hätte sich den Reichen verkauft, womit die S. A. unzufrieden sei. Man raune er würde demnächst zu Mussolini (Details anzeigen) wegfliegen, wie das seinerzeit der Kaiser (Details anzeigen) gemacht hätte. Dann würde die S. A. die Gelder der Reichen ans Volk verteilen; dabei würde man allerdings das jüdische Kapital schützen, weil die Juden in aller Welt fest zusammenhalten und |:weil:| der Angriff gegen das Judentum könnte dem Neuaufgebau des Reiches durch die S. A. schaden |:könnte:|. So abstrus dieser ganze Bericht ist, so zeigt er doch wohl, dass das „Gerede“ von der zweiten Revolution eine bestimmte Volkssehnsucht in sich schliesst und dass das Wort von dem National-Kapital|:isten:| Hitler (Details anzeigen) seinen Resonanzboden findet. Dass die Regierung den Versuch gemacht hat, die ganze Revolte aus dem soziologischen ins patologische [sic!] zu überführen schien mir Anfangs eine ganz einfache Dummheit zu sein, doch habe ich später einsehen müssen, dass die Führerschaft die Mentalität des deutschen Spiessertums besser kennt als ich, und dass sie mit der zur Schau getragenen moralischen Entrüstung alle Metzger, Grünwarenhändler und Frisöre sehr rasch auf ihre Seite gekriegt hat. Vielleicht ist das nicht so dumm, weil in den meisten Durchschnittsdeutschen |:bis:| in die Professorenschichten hinauf doch sehr viel Spiessertum steckt. Gleich nach der Revolte| sah es ganz eindeutig nach dem Sieg der Reaktion, das heisst nach dem Bündnis von Reichswehr und Grosskapital aus. Was jetzt nach dem Ableben Hindenburgs (Details anzeigen) kommen wird, ist mir ganz unklar.2 Ich selbst würde die Rettung nur in der taktvollen Durchführung einer zweiten Revolution von oben, in der Aussöhnung mit Frankreich (Details anzeigen) und in dem Abbau der Ideokratie auf geistigem Gebiet sehen. So selbstverständlich all das ist, so selbstverständlich ist es mir andrerseits, dass die Regierung diesen Weg nicht gehen wird. Alle Ideokratischen [sic!] Diktaturen sind Krankheiten zum Tod.

Was das mir näher bekannte Milieu der Hochschule anbetrifft so ist Lehrbetrieb relativ gut verlaufen. Natürlich sind sehr viel weniger Studenten da (bei Kühn (Details anzeigen) 14 Menschen, bei Janentcky (Details anzeigen) 20, schon mehr bei Delekat (Details anzeigen), dessen Einfluss ganz bestimmt wächst und am meisten vielleicht bei mir, zwischen der 40 und 50 Zuhörern); die die da sind, sind meistens übermüdet weil sie durch den S. A. Dienst und den militärischen Pflichtsport wie auch durch politische Arbeitsgemeinschaften äusserst in Anspruch genommen sind. Das Reichsbildungsministerium hat schon angefragt, ob die politische Ausbildung der Studentenschaft dem Lehrbetrieb |:nicht:| schade, was wir alle natürlich positiv beantwortet und auch belegt haben, was aber meiner Ansicht nach nicht so bald zu einer Besserung der Lage führen wird. Trotz all diesem möchte ich aber doch nicht |:nur:| klagen, denn es bildet sich ganz bestimmt gerade in der neusten Zeit unter dem Druck der politischen Verhältnisse eine Studentische Elite |:heraus:|, mit der es sich gut arbeiten lässt. Allmählich wird man des seichten politischen Geredes müde und tendiert einerseits zu einer wissenschaftlich vertieften Erkenntnis, andrerseits zu einem vertieften Verständnis der politischen Situation der Gegenwart. Kühn (Details anzeigen) sagt, dass seine wenigen aber sehr anhänglichen Schüler ihm grade in dem letzten Semester hervorragende Arbeiten geliefert hätten und ich habe mit meiner Darstellung von Pareto (Details anzeigen), Sorel (Details anzeigen) und Karl [sic!] Schmitt (Details anzeigen) durchaus Anklang und Interesse gefunden. Auch stimmungsgemäss und stilistisch ist der neue nationalsozialistische Student durchaus sympathisch und in| vielen Dingen dem schmissigen Chorbruder weitaus überlegen.

Zum Schluss dieses Seminarsemesters hat die Volkswirtschaft|:liche:| Fachschaft zu einem Wochenende nach Blankenstein (Details anzeigen) eingeladen. Wir waren ungefähr 30 Mann die der Einladung gefolgt waren. Neben gesellschaftlich-gemütlichem Beisammensein des ersten Abends, neben Schwimmen und Turnen hat man sich auch mit politischen Fragen beschäftigt. Die nationalsozialistischen Studenten tranken – sehr typisch – meistens Milch und Wasser, die Chorstudendenten und unparteiischen meist Bier. Die nationalsozialistischen wollten diskutieren die unparteiischen schwimmen. Ich übersehe keinesfalls, dass im bestimmten Sinne dieser Unterschied sich dadurch erklärt, dass die einen offen reden dürfen die anderen aber nicht |:ein:|mal aufrichtig schweigen. Doch ist damit nicht alles erklärt. Die parteiischen Studenten erinnern irgendwie doch an die russischen Revolutions |:sozialistischen:| Studenten |:der Vorkriegszeit;:| und alle unparteiischen hängen wiederum irgendwie mit dem unpolitischen Chorstudenten zusammen, der es unter seiner Würde hielt die Zeitung zu lesen. Dabei sind Die Parteiischen |:sind:| dümmer, primitiver und tölpelhafter, als die Unparteiischen. die |:Der Geist der Unparteiischen ist aber nicht unbedingt ein Vorzug, weil er:| vielfach Stimmungsmomente der gefährdeten Bourgeoisie in sich trägt. Der erste Abend des Zusammenseins hat den studentischen Führer, einen langen, rotbäckigen, schwerfälligen Kerl mit einem langsam, wie ein Bauernrad knarrendem Denken sehr enttäuscht (man wieherte, trank Bier und spielte Skat) und er klagte beim abendlichen Spaziergang zu mir, dass [sic!] ganze Gift käme von der Stube in der Schänke und man müsse, um zur Stimmung zu kommen, für die Fachschaft ein Zelt kaufen und Feuer brennen. Ich nahm ihn unter den Arm, führte ihn so weit von einigen anderen Herrn Dozenten weg, dass ich sicher sein durfte, dass man uns nicht ausspionieren werde, und sprach mit ihm absolut aufrichtig über die geistige Situation des Nationalsozialismus über den Unterschied von christlicher Gewissensfreiheit und bloss liberaler Meinungsfreiheit, von dem Volke, als einer vor Gott bestehenden Schuldgemeinschaft, woraus es sich ergebe, dass die Marxisten und „Artfremden“ zum deutschen Volke gehören, von dem Antisemitismus als dem Sündenfall der christlichen Welt und viles [sic!] andere mehr. Unser langes Gespräch| endete damit, dass ich ihm aufrichtig sagte, dass es nun in seiner Gewalt stehe |:es bei ihm:|, mich Morgen beim Ministerium anzuzeigen und zu Falle zu bringen. Er war sehr aufgeregt und antwortete er hätte noch niemanden gehört und gesprochen, der in einer solchen Sorge um den Nationalsozialismus lebe, und dass nur Menschen von meinem Schlage der Studentenschaft heute helfen könnten. Allerdings sagte er auch noch, dass er als Führer mich unter einem nächtlichen Sternenhimmel gut anhören könne, dass er es aber nicht zulassen dürfe, dass ich solche Dinge offen zu allen Studenten sage. Den nächsten Morgen gab es im Walde eine Sitzung der Fachschaft, wo ein Aufsatz |:aus:| einer N. S. B. O. Zeitung vorgelesen wurde |:in:| welchen ganz unverkenntlich sozialistische Tendenzen zum Ausdruck kamen. Es hiess da: die Partei sei noch gezwungen die Wirtschaft kapitalistisch zu führen, weil es noch keine sozialistischen Volkswirte gebe, dass es aber Aufgabe der Studentenschaft sei, sich zu solchen zu erziehen. Der Aufsatz schloss mit dem Satz: entweder würde der deutsche Student sozialistisch werden, oder es würde ihn überhaupt nicht geben. Es wurde auch vorgeschlagen Arbeitsgemeinschaften zwischen Arbeitern und Studenten zu bilden. Ein nationalsozialistischer akademischer Heissporn, der Privatdozent Dr. Bössler (Details anzeigen) aus Leipzig (Details anzeigen), der sich bemüht Gerich (Details anzeigen) welcher sich beurlauben liess und ein Disziplinarverfahren gegen sich und den Führer der Studentenschaft beantragt hat, zu verdrängen, schwelgte während der Diskussion in einem Vergemeinschaftungs-Dusel zwischen Arbeitern und Studenten und griff mich als einen Intellektualisten und Idealisten leidenschaftlich an. Ich wurde wütend und erklärte, dass ich meine Erlebnisse nicht erst seit gestern habe, und dass mir der Lebenspust nicht gleich ausgeht, wenn ich für zehn Pfennig Wirtschafts|:wissenschaftliche:| Gedanken an die Studentenschaft vermittele; dass ich |:übrigens:| auch der festen Überzeugung bin sei, dass auch die deutsche Studentenschaft Leben und Denken zu vereinigen wissen wird. Mein Angriff hat sehr gefallen und ich kam von dieser ganzen Reise als der eigentliche Vertrauensdozent der Studentenschaft zurück. Es wurde beschlossen, dass im nächsten Semester jeden Montag eine Kulturpolitische Diskussion mit einem anschliessenden |:gemeinsamen:| Mittagessen stattfinden sollte. Man schlug vor, dass man| die weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus des genaueren |:zu:| studieren und die drei Bücher „Mein Kampf“ (Details anzeigen), „Mythos des 20. Jahrhunderts“ (Details anzeigen) und das „Dritte Reich“ (Details anzeigen) durch|:zu:|arbeiten solle. Wenn ich allein die Sache leiten sollte, so würde ich schon fertig werden, da aber von dem Studentenführer alle Dozenten der Volkswirtschaftlichen Abteilung, unter denen mindestens zwei Dunkelmänner sind, so habe ich Angst, dass aus dem ganzen Unternehmen ein Kreutzverhör werden wird. Ablehnen lässt sich aber das Ganze auch nicht. Du siehst also Paulus (Details anzeigen), dass wir hier einen nicht uninteressanten, aber recht schweren Stand haben vor allem als Theologen und Soziologen. Angesichts all dieser Schwierigkeiten habe ich mir eine Haltung angeeignet, die nicht von der Überlegung ausgeht, was aus uns mir wird, wenn ich so oder anders handle, sondern ausschliesslich allein aus der Sorge heraus handelte, seinen Mann zu stehen und das Richtige zu tun. Dies bedeutet keinesfalls irgend einen, wenn auch noch so kleinen Heroismus, sondern nur die Konsequenz der Überlegung |:meiner Überzeugung,:| dass ich ja selber nicht weiss und nicht wissen kann, was für Natascha (Details anzeigen) und mich rein praktisch gesehen besser ist: das Bleiben in Deutschland (Details anzeigen) oder das Flieh|:g:|en aus Deutschland (Details anzeigen). So befinde ich mich in der angenehmen Situation eines innersten Überzeugtseins |:von:| der prästabilierten Harmonie zwischen Anstand und Zweckmässigkeit meiner Handlungsweisen. Mehr kann man wirklich nicht verlangen. In unserer kulturwissenschaftlichen Abteilung ist alles eigentlich sehr anständig vor sich gegangen; die Sache mit Gerich (Details anzeigen) wird sich augenscheinlich wieder ins alte Geleise bringen lassen. Holldak (Details anzeigen) hat man das Prüfungsrecht genommen, worauf er sich entschlossen hat selber zu gehen. Man hat ihm das volle |:Ruhe-:|Gehalt gewährt und er hat sich in sein Landhaus bei München (Details anzeigen) zurückgezogen. Die ganze Familie ist katholisch geworden und er arbeitet zur Zeit über Kirchenrecht und Konkordate. Alles nicht sehr Gesinnungstüchtig, aber doch wohl verständlich. Luchtenberg (Details anzeigen), Kühn (Details anzeigen), im Innersten auch Janentzki (Details anzeigen) ich und Beste (Details anzeigen) bilden bis jetzt ein ganz gut geschütztes aber festes Bollwerk gegen Übergriffe der Zeit: bringen dabei allerdings der Zeit auch ein bestimmtes Verständnis entgegen. |:(Ein historisch-psychologisches, kein politisches):||

Hanna [sic!] (Details anzeigen) möchte ich noch etwas zu dem Punkte Richard Kroner (Details anzeigen) sagen: ich glaube bestimmt, dass sie ihm gegenüber unrecht hat. Man hat ihm eine böse Falle gestellt; da er auf gesetzliche Weise nicht gestürtzt werden konnte, so hat man es – oder so hat es sich – über Studentenkrawalle entwickelt |:gemacht:|. Es kam zu bösen Schlägereien im Auditorium, zu einer Aussprache zwischen Kroner (Details anzeigen) und führenden Männern im Ministerium. Äusserlich hat man Kroner (Details anzeigen) durchaus geschützt: die Schreihälse unter den Studenten wurden entfernt und es schien alles wieder gut werden zu wollen. Doch war das alles nur Schein; nach einiger Zeit hat man ihm im |:vom:| Ministerium |:aus:| den Gedanken nahe gebracht, dass er in Kiel (Details anzeigen) nicht gut bleiben kann. Ihr wisst: es kam zu einer Versetzung nach Frankfurt (Details anzeigen), was meiner Ansicht nach nur eine Veränderung des Zahlungsortes seines Ruhegehaltes bedeuten wird und zu einer Beurlaubung zu Zwecken einer Studienreise nach Italien (Details anzeigen). Das Ganze war für Kroner (Details anzeigen) besonders dank einigen Details, über die ich hier nicht sprechen kann, es würde zu weit führen, sehr bitter. Ich fuhr nach Halle (Details anzeigen) hin, um von ihm dort Abschied zu nehmen und ihn sozusagen nach Italien (Details anzeigen) zu begleiten. Wir waren anderthalb Tage zusammen. Bei Stenzels (Details anzeigen) (Details anzeigen) und dann auf einem langen Spaziergang. Ich habe wieder den Eindruck gehabt, dass er ein sehr wesentlicher Mensch ist. Das grosse an seiner Haltung ist dies, dass er nicht zu einem semitischen Gegenspieler des Nationalsozialismus geworden ist. Er hat sich sein ganzes Leben lang als Deutscher gefühlt und lässt sich durch die äusseren Umstände nicht einreden, dass er Jude ist. Und dies ist bei ihm kein Krampf und |:keine:| physiologische Konjunktur sondern eine ganz einfache Selbstverständlichkeit. Auch verwechselt er nicht, wie die meisten durch das Beamtengesetz gemassregelten, Deutschland (Details anzeigen) mit dem Nationalsozialismus; er fühlt und sagt es (mit gutem Recht), dass er mehr Deutscher ist als Rosenberg (Details anzeigen) oder Goebbels (Details anzeigen). Da ich alle diese Dinge hundertmal an mir selber erlebt und geprüft habe, da auch ich wenn Ihr wollt mein Wahlrussentum |:gegen den russischen Nationalismus:| nicht einmal zu verteidigen hatte, und ganz genau weiss, dass ich russischer bin wie Stalin (Details anzeigen) und andere als es der russische Zarenhof war & wie es Stalin (Details anzeigen) ist, so habe ich wirklich ein sehr tiefes Verhältnis zur Kronerschen Haltung. Auch sieht er das Problem des deutschen Antisemitismus sehr vielseitig und damit vor allen Dingen zweiseitig. Er sieht nicht nur die Schuld Deutschlands (Details anzeigen) gegen| über dem Judentum, sondern auch die umgekehrte Schuld eines bestimmten Judentums gegenüber Deutschland (Details anzeigen). Vor allen Dingen sieht er aber sehr tief den Antisemitismus als eine christliche Sünde und leidet unter diesem Antisemitismus nicht nur als Jude, sondern auch als Christ, |:genauer als ein Denker christlich-idealistischer Haltung.:| Er fühlt sich somit als Opfer und Verfolger zugleich und das ist erst die ganze Tragik seiner menschlichen und philosophischen Situation. An einem fehlt es ihm allerdings; und zwar an Stärke; nicht der inneren Haltung, sondern des unmittelbaren Lebensgefühls. Er ist furchtbar müde geworden und hat keinen Antrieb zur weiteren Arbeit; ich habe ihn zu stärken gesucht und ihm geraten über all die Dinge die wir mit ihm besprochen haben, also über das von mir oben berichtete |:angedeutete:| zu arbeiten.

Seine Frau (Details anzeigen) ist ganz anders; in ihr hat die Zeit alles Deutsche sofort getilgt, sie ist von einem masslosen Hass erfüllt und möchte, wie sie zu mir sagte, jedes blonde Kind an den Ohren nehmen um|:nd:| den Kopf an|:uf:| den Schultern umzudrehen. Natürlich ist das eine furchtbare Überspanntheit des Ausdrucks einer sehr müden und abgespannten Seele, – aber auch so bleibt der Ausdruck |:Wunsch:| charakteristisch. Besonders schwierig ist Alicens (Details anzeigen) Lage zwischen Mann und Tochter. Dass die Tochter (Details anzeigen) die mosaische Konfession wieder angenommen hat und einen Rabiner heiratet ist Richard (Details anzeigen) trotz all den guten Worten, die er zu dem Fall zu sagen hat |:weis [sic!] :|, doch nicht angenehm. Für ihn kommen damit die Ahnengespenster wieder herauf, um die Wirklichkeit seines Deutschtums, wo |:die:| er es so nötig hat zu entwirklichen. All das ist überaus kompliziert.

Nach dem Abendessen kam zu Stenzels (Details anzeigen) (Details anzeigen) der hallenser Kunsthistoriker Fantel (Details anzeigen) |:(?):| und Frau (Details anzeigen) hinüber. Auch dieser Mensch ist entlassen worden wobei bei ihm die Dinge sehr viel schwerer liegen, da er zehn Kinder und eine Schwiegermutter zu ernähren hat. Man sprach über dies und jenes und ging auf die verschiedensten Möglichkeiten des weiteren Lebens ein. Kroner (Details anzeigen) sass wie ein blauäugiges Gespenst schwer |:hoch:| aufgebaut auf einem hohen Stuhl. Alice (Details anzeigen) schlummerte liegend auf einem Diwan. Fantels (Details anzeigen) (Details anzeigen) klagten, jammerten und waren besorgt und unruhig wie Auswanderer auf ihren Bündeln irgendwo auf einer fremden |:fernen:| Station (sie sind gleich noch in Deutschland (Details anzeigen) zu Emigranten geworden), vor dem offenen| Fenster standen blühende Apfelbäume, in das Fenster strömte aber ein furchtbarer Gestank (es wurden auf einer Papierfabrik alte Lumpen gekocht). Man hatte den Eindruck als seien es die blühenden Bäume die so stinken und das gab einen so gespensterhaften und bizarren Eindruck eines deutschen Frühlings. Das Ganze hatte irgendwie einen sehr sonderbaren und symbolischen Sinn.

Ich danke Euch sehr für die lieben Worte über mein Buch (Details anzeigen) und um für die Bemühungen seiner Übersetzung. Ich höre soeben von meinem Verleger, dass die Sache nunmehr endgültig entschieden |:zum Klappen gekommen:| ist und dass es sich nur noch um Einzelheiten der Bedingungen handelt. Es soll eine englische und eine amerikanische Ausgabe erscheinen. Schon lange bemühen sich einige Menschen den Pereslegin (Details anzeigen) englisch |:in Amerika (Details anzeigen):| heraus zu bringen; ich habe keine rechte Einsicht in die Mentalität des Amerikanertums und weiss nicht, ob der Pereslegin (Details anzeigen) in Amerika (Details anzeigen) Erfolg haben könnte. Wenn Ihr der Meinung seid dies könnte der Fall sein, so würde ich überaus dankbar sein, wenn Ihr durch euren Bekanntenkreis die Übertragung und Herausgabe vermitteln könntet. Ich habe das sehr bestimmte Gefühl, dass ich meines Bleibens hier nicht unbedingt sicher sein darf und darum ist es für mich sehr notwendig |:wesentlich:|, meine Fühlhörner nach den anderen Ländern auszustrecken.

Ich bleibe hier in den skandinavischen Ländern evntuell noch bis zum 15. September, wenn Ihr mir etwas schreiben wollt, was sich nach Deutschland (Details anzeigen) nicht schreiben lässt, und etwas von mir beantwortet haben wollt was ich in Deutschland (Details anzeigen) nicht beantworten kann, so schreibt sofort nach Oslo (Details anzeigen) (Dobrowen, Bennechesvei 10, Oslo-Bygdö (Details anzeigen)) wo wir wie ich denke so den 7., 8. September vielleicht aber auch schon einige Tage früher ankommen werden. Dobrowens (Details anzeigen) (Details anzeigen) werden im Winter in New York (Details anzeigen) sein und ich empfehle ihnen euch zu besuchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Ihr euch gegenseitig Freude bereiten werdet. Paulus (Details anzeigen) kennt ja bereits Frau Dobrowen (Details anzeigen), wenn auch nur ganz flüchtig. Es wird uns freuen wenn Ihr bei der Begegnung viel von euch erzählen werdet |:& von dem, wie ihr Deutschland (Details anzeigen) seht:|, denn es ist anzunehmen, dass wir im Frühling Dobrowens (Details anzeigen) (Details anzeigen) wieder sehen. Nun habe ich so ziemlich alles geschrieben was mir Euch zu sagen interessant schien Euch einiges wenige davon mitgeteilt, was mir wesentlich schien. Natürlich könnte ich endlos plaudern doch muss ich an die Arbeit. Ich schreibe zur Zeit an einem Artikel über meinen in Russland (Details anzeigen) ver| storbenen Freund und einen grossen russischen Dichter Bjelji (Details anzeigen).3 Ich habe diesen Winter noch zwei andere Artikel über russische Schriftsteller (Details anzeigen) (Details anzeigen) im Hochland veröffentlicht. Wenn Ihr wollt und Interesse habt, kann ich Euch alles was ich schreibe einschicken.

Mit den herzlichsten Grüssen von uns beiden und in lebendigster Sehnsucht Euch bald einmal |:wieder:| zu umarmen, bleiben |:wir:| in alter Treue und Gesinnung

Eure Natadors (Details anzeigen) (Details anzeigen)

P. S. Ich weiß leider die Adresse von Ulichs (Details anzeigen) (Details anzeigen) nicht & kann an sie nicht schreiben. Wenn ihr sie sehen solltet, oder ¿¿¿ an sie schreiben, so grüßt sie herzlichst. Grüßt vor allem Elsa Brändström (Details anzeigen) von ihrem schönen Lande. Wir sind sehr glücklich hier. Haben Gelegenheit auch das flache Land: die herrschaftlichen Sitze und das Bauerntum kennen zu lernen. Waren unlängst auf einem alten Schloss Grippsholm [sic!] , bei auf einem schönen Sitz des Grafen Rosen (Details anzeigen), auch bei auf einem großen Fest, einem großen Krebsessen mit viel Zeremoniel [sic!] , Trinksprüchen & Tafelgesang. Man saß am Tisch über 2 Stunden. Hier ist noch altes Europa. Überall sieht man Liberal-humanistische Gesichter. Es hat dies alles seinen großen Vorzug.

Sehr aufregend kommt von Russland (Details anzeigen) die Nachricht, dass die Kommunisten eine gr breite Amnestie für die Emigranten vorbereiten.


Fußnoten, Anmerkungen

1 Die erklärenden Anmerkungen zu vorliegendem Brief wurden z. T. (und geringfügig abgewandelt) aus seiner Erstveröffentlichung übernommen.
2Paul von Hindenburg (Details anzeigen) ist am 02. August 1934 gestorben.
3Stepun, Fedor (Details anzeigen): „Pamjati Andreja Belago“ („Zum Gedenken an Andrei Beyi“, in: Sovremennye Zapiski, Bd. LVI, 1934, 257–283.

Register

aTillich, Hannah
bTillich, Paul
cRundbrief von Paul Tillich an Unbekanntvom 2. Februar 1934
dTillich, Hannah
eKroner, Richard
fTillich, Paul
gDeutschland
hDeutschland
iSchweden
jDeutschland
kSchweden
lDeutschland
mRussland
nBärenburg
oHayn, Hans
pMussolini, Benito
qWilhelm II.
rHitler, Adolf
sHindenburg, Paul von
tHindenburg, Paul von
uFrankreich
vKühn, Johannes
wJanentzky, Christian
xDelekat, Friedrich
yKühn, Johannes
zPareto, Vilfredo
aaSorel, Georges
abSchmitt, Carl
acBlankenstein (Rosenthal am Rennsteig)
adBoesler, Felix
aeLeipzig
afGehrig, Hans
agHitler, Mein Kampf, 1930
ahRosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts: Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestal..., 1930
aivan den Bruck, Das Dritte Reich, 1923
ajTillich, Paul
akStepun, Natalja Nikolaevna
alDeutschland
amDeutschland
anGehrig, Hans
aoHolldack, Felix
apMünchen
aqLuchtenberg, Paul
arKühn, Johannes
asJanentzky, Christian
atBeste, Theodor
auTillich, Hannah
avKroner, Richard
awKroner, Richard
axKroner, Richard
ayKiel
azFrankfurt am Main
baItalien
bbKroner, Richard
bcHalle (Saale)
bdItalien
beStenzel, Julius
bfStenzel, Bertha
bgDeutschland
bhRosenberg, Alfred
biGoebbels, Joseph
bjStalin, Josef
bkStalin, Josef
blDeutschland
bmDeutschland
bnKroner, Alice
boKroner, Alice
bpSeligson, Gerda M.
bqKroner, Richard
brStenzel, Julius
bsStenzel, Bertha
btFrankl, Paul
buFrankl, Elsa
bvKroner, Richard
bwKroner, Alice
bxFrankl, Paul
byFrankl, Elsa
bzDeutschland
caStepun, Das Antlitz Russlands und das Gesicht der Revolution, 1934
cbStepun, Die Liebe des Nikolai Pereslegin, 1928
ccVereinigte Staaten von Amerika
cdStepun, Die Liebe des Nikolai Pereslegin, 1928
ceVereinigte Staaten von Amerika
cfDeutschland
cgDeutschland
chOslo
ciOslo-Bygdoy
cjDobrowen, Issay
ckDobrowen, Maria
clNew York City
cmTillich, Paul
cnDobrowen, Maria
coDeutschland
cpDobrowen, Issay
cqDobrowen, Maria
crRussland
csBelyi, Andrej
ctStepun, Fedor
cuStepun, Wjatscheslaw Iwanow. Eine Porträtstudie, 1933
cvStepun, Iwan Bunin, 1933
cwStepun, Fedor
cxStepun, Natalja Nikolaevna
cyUlich, Robert
czBrändström, Elsa
daBrändström, Elsa
dbRosen, Eric von
dcRussland

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/189(42)
Erstpublikation
Alf Christophersen: Journal for the History of Modern Theology / Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte . Band 18 (1). : De Gruyter, 2011, 102-172.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
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Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Fedor Stephun an Paul Tillich vermutlich von August 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10019.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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