Der editierte Text

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October 10, 1946

Lieber Fedor (Details anzeigen):

Aus Deinem letzten Brief an Richard (Details anzeigen), mit dem ich seit einigen Jahren in Union Theological Seminary zusammen bin, entnehme ich, dass Deine Adresse dieselbe ist. Ich habe nicht geantwortet, weil es damals noch nicht möglich war und weil ich dann nicht wusste, ob die Adresse noch gültig ist. Ich bin nun froh, zwei lange, unerhört aufschlussreiche Briefe von Dir gelesen zu haben und zu wissen, wie es Dir innerlich und äusserlich geht.1 Was ich von uns zu schreiben habe, findest Du auf den nachfolgenden Seiten.2 Es ist so viel weniger als was jeder Brief, der aus Deutschland (Details anzeigen) kommt, uns bringt. Ich stimme Deiner Analyse des Nationalsozialismus durchaus zu. Aber ich erlebe so manche Erscheinungen hier die mir zeigen, dass die Krankheit keineswegs auf ein Land beschränkt ist und dass wenn die Umstände günstig oder besser ungünstig genug sind, ein akuter Ausbruch der Krankheit unvermeidlich ist. Gern würde ich viel mehr über all diese Dinge schreiben, aber das ist ja zur Zeit noch unmöglich.

Ich freue mich, dass Du wieder in die akademische Arbeit zurückkehrst, wo immer es sein mag, und ich bin wie immer fasziniert von der Kraft des Geistes und Wortes, die aus jedem Deiner Sätze spricht. Vor 10 Jahren haben wir meinen 50. Geburtstag in dem alten Turm oberhalb des Genfer Sees gefeiert.3 Ich werde diesen Tag nicht vergessen. Grüsse Natascha (Details anzeigen) aufs Allerherzlichste. Ich hoffe, dass es ihr besser geht.

Falls Du Frau Bienert (Details anzeigen) siehst, grüsse sie von mir und sage ihr, dass ich den Abschied aus Dresden (Details anzeigen) mit der Gestapo hinter mir nie vergessen werde.4 Und dass Ihr Breughel, den sie mir hierher geschickt hat, noch immer das schönste Buch meiner Bibliothek ist. Gib ihr auch, wenn Du willst, diesen Brief.


Fußnoten, Anmerkungen

1Entsprechende Briefe Stepuns (Details anzeigen) an Tillich (Details anzeigen) lassen sich nicht mehr nachweisen; vgl. allerdings zum Kontakt zwischen Kroner (Details anzeigen) und Stepun (Details anzeigen) im Jahr 1946: Hubert Treiber (Details anzeigen): Fedor Steppuhn in Heidelberg (Details anzeigen) (1995), 84f. Treiber (Details anzeigen) bezieht sich hier auf zwei Briefe Kroners (Details anzeigen) an Stepun (Details anzeigen) vom 21.4.1946 und 18.9.1946; im September betont Kroner (Details anzeigen): „Ich habe alles verloren, was ich besessen habe: Geld, Möbel, Bücher, Briefe, Manuscripte. Am meisten bedaure ich die Briefe, z. B. Deine oder von Bergson (Details anzeigen), Simmel (Details anzeigen), Husserl (Details anzeigen), Münsterberg (Details anzeigen), Rickert (Details anzeigen), Max Weber (Details anzeigen), Wölfflin (Details anzeigen), Windelband (Details anzeigen) etc. etc.“ (ebd., 85).
4Im Oktober 1933 wäre Tillich (Details anzeigen) bei einem Abschiedsbesuch in Dresden (Details anzeigen) fast von der Gestapo verhaftet worden: „Als er zu einem Imbiß bei Bienerts (Details anzeigen) durch einen Wald fahren mußte, wurde er noch vor dem Haus von deren Sekretär angehalten. Er warnte Tillich (Details anzeigen), daß die Gestapo gerade im Haus gewesen sei, um ihn festzunehmen. Tillich (Details anzeigen) hatte nämlich Bienert (Details anzeigen) erzählt, Göring (Details anzeigen) sei rauschgiftsüchtig. Ferner hatte er die Wahlen der Nazis, den Reichstagsbrand und die Bücherverbrennungen hart kritisiert, nur um dann später zu erfahren, daß Frau Bienert (Details anzeigen), damals schon eine ältliche Dame, ihren Friseur fragte, ob denn das alles wahr sei! Der Friseur, einüberzeugter Nazi, hatte daraufhin die Gestapo verständigt.“ Vgl. Wilhelm und Marion Pauck (Details anzeigen): Paul Tillich. Sein Leben und Denken, Bd 1: Leben (Details anzeigen) (1978), 144.

Register

aStepun, Fedor
bKroner, Richard
cStepun, Fedor
dTillich, Paul
eKroner, Richard
fStepun, Fedor
gTreiber, Hubert
ho.A., Fedor Steppuhn in Heidelberg (1903–1955). Über Freundschafts- und Spätbürge..., 1995
iTreiber, Hubert
jKroner, Richard
kStepun, Fedor
lKroner, Richard
mBergson, Henri
nSimmel, Georg
oHusserl, Edmund
pMünsterberg, Hugo
qRickert, Heinrich
rWeber, Max
sWölfflin, Heinrich
tWindelband, Wilhelm
uRundbrief von Paul Tillich vom 12. Oktober 1946
vDeutschland
wTillich, Paul
xAscona
yTillich, Paul
zTillich, My Travel Diary: 1936. Between Two Worlds, 1970
aaPauck, Marion; Pauck, Wilhelm
abPauck, Paul Tillich. Sein Leben und Denken, Bd. 1: Leben, 1978
acStepun, Natalja Nikolaevna
adBienert, Ida
aeDresden
afTillich, Paul
agDresden
ahBienert, Ida; Bienert, Friedrich
aiTillich, Paul
ajTillich, Paul
akBienert, Ida
alGöring, Hermann
amBienert, Ida
anPauck, Marion; Pauck, Wilhelm
aoPauck, Paul Tillich. Sein Leben und Denken, Bd. 1: Leben, 1978
apTillich, Paul
aqTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, New Haven, CT, Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library Repository, Fedor Stepun papers, GEN MSS 172, Series I/ 34 (1163–1164)
Erstpublikation
Alf Christophersen: „Paul Tillich im Dialog mit dem Kultur- und Religionsphilosophen Fedor Stepun. Eine Korrespondenz im Zeichen von Bolschewismus und Nationalsozialismus“ . In: Journal for the History of Modern Theology / Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte Bd. 18, H. 1 (2011), 102–172, hier: 146f.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Undatierter Brief von Fedor Stephun an Paul Tillich vermutlich von August 1934
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Fedor Stepun vom 27. August 1947

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Fedor Stepun vom 10. Oktober 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11013.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11013.html |titel=Brief von Paul Tillich an Fedor Stepun vom 10. Oktober 1946 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=10.10.1946 |abruf=???? }}
L11013.pdf
erwähnte Briefe