Der editierte Text

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October 12, 1946

Als wir vor bald 13 Jahren hierher kamen, begann ich in kleineren oder größeren Abständen an Euch Rundbriefe zu schicken. Dann hörte der Reiz der Neuheit auf, und dann kamen die Jahre des großen Schweigens. Und nun, wo die Welt wieder geöffnet ist, möchte ich wenigstens einmal vielen von Euch einen Eindruck davon geben, wie wir in den letzten Jahren gelebt haben und wie es zur Zeit bei uns aussieht. Nachdem ich 1936 und 1937 in Europa (Details anzeigen) war und manchen von Euch zum letzten Mal gesehen hatte, entdeckten wir mit Hilfe unseres Autos den amerikanischen Westen, die weiten Ebenen, die Rocky Mountains, die Wüsten, den Stillen [sic!] Ozean und das paradiesische Californien (Details anzeigen). Wir haben seitdem eine ständige Sehnsucht danach, hatten aber keine Möglichkeit, während des Krieges hin zu gelangen. Statt dessen blieben wir im Osten, im Anfang mit, und nach Pearl Harbor, ohne Auto. Wir entdeckten hier die Smoky Mountains, ein Gebirge mit fast subtropischem Klima in den Tälern und mitteldeutschem Charakter auf den Höhen (bis zu 2.000 m hoch). Dann gingen wir nach dem nördlichsten der Staaten, Maine (Details anzeigen), das offenbar viel Ähnlichkeit mit der schwedischen Ostseeküste hat. Unzählige Inseln im Ozean, Fjorde, unendliche Wälder, rauh und großartig. Wir waren zwei Sommer da, aber auch das wurde zu schwierig. Wir fanden dann vor drei Jahren einen Ort auf Long Island (Details anzeigen), der fast einer Provinz gleichenden großen Insel, die in New York (Details anzeigen) anfängt und weit nach Nordosten hinaufgeht. Unser Ort, einer der schönsten, wenn nicht der schönste auf Long Island (Details anzeigen), ist eine alte Siedlung aus dem 17. Jahrhundert am offenen Ozean, 2 ½ — 3 Std. von New York (Details anzeigen) entfernt. Wir waren dort zwei volle Sommer, in denen ich mehr gearbeitet habe als je bevor, und wurde durch das großartige Wellenbaden alle rheumatischen Ansätze los. Als dann im vorigen Jahr die Geldentwertung einsetzte und der Wert unserer schon an sich minimalen Pension völlig zu entschwinden drohte, beschlossen wir, ein Haus, das uns zu sehr günstigen Bedingungen angeboten wurde, in East Hampton (Details anzeigen) zu kaufen, um auf diese Weise etwas zu haben, wo wir im Sommer leben können und was nach meiner Pensionierung, die in 8 Jahren spätestens fällig ist, uns eine Existenzbasis geben kann. Hannah (Details anzeigen) fühlt sich dort schon ganz zu Haus und wir denken, dass es ein wirklich gut gewählter Alterssitz ist.

Unser New Yorker (Details anzeigen) Leben ist immer arbeitsreicher geworden. Ich habe in Union Theological Seminary sehr große Kollegs, lese auch in der Philosophischen Fakultät von Columbia University und habe wie immer Committees und Vortragsveranstaltungen. Es ist sehr schwer, in New York (Details anzeigen) wissenschaftlich zu arbeiten. Es ist monatelang ganz unmöglich, einen persönlichen Brief zu schreiben. Die Zeit, die zum Diktieren von Briefen da ist, geht auf dienstliche Korrespondenz drauf. An manchen Vormittagen ist mein Office in Union Theological Seminary eine Mischung von einem wissenschaftlichen Studio und einem Wall Street Bankiers Office. New York (Details anzeigen) ist voll von Menschen, die wir kennen und lieben und außerdem eine Brücke der Welt, über die Menschen aus allen Ländern kommen. Und Union Theological Seminary ist ein Welt-Zentrum des Protestantismus, kirchlich und theologisch. Darum bitte ich Euch, seid mir nicht böse, wenn ich lange keine Briefe schreibe. Es ist nie böser Wille, sondern unsere Existenz im Zentrum der größten Menschenanhäufung der Welt.|

Wissenschaftlich habe ich mich weiter in der systematisch-theologischen Richtung entwickelt. Das Politische ist mir unter dem Druck des weltgeschichtlichen Schicksals mehr eine Sache der Beobachtung als der Mitarbeit geworden. Das war nicht so während des Krieges[,] wo ich zweimal das große Glück hatte, mit dem Präsidenten (Details anzeigen) und mehrfach mit seiner Frau (Details anzeigen) zusammen zu sein. Ich habe einen ganz großen Eindruck von ihm empfangen und stehe mit ihr noch jetzt in Verbindung. Leider ist es mir sehr viel weniger möglich gewesen, in die kulturellen Bewegungen, besonders Kunst und Theater etc.[,] einzudringen. Der Mangel an Zeit und die gewisse Isolierung des theologischen Seminars in dieser Richtung hat ein Eindringen, wie ich es in Berlin (Details anzeigen), Dresden (Details anzeigen) und Frankfurt/M (Details anzeigen) hatte, verhindert.

Ich habe viele Aufsätze geschrieben, und viele meiner Vorträge sind gedruckt. Ich bin dabei, ein Buch herauszubringen, das den Titel hat DAS ENDE DER PROTESTANTISCHEN ÄRA?1 Es vereinigt ältere, ins Englische übersetzte Aufsätze mit einer Reihe neuerer aus verschiedenen Jahren meines amerikanischen Aufenthaltes. Ich wünschte, ich könnte Euch einiges von meinen Schriften schicken. Aber das ist ja vorläufig noch nicht möglich, und hat auch große Schwierigkeiten, da ich von meinen Sachen immer nur ein oder zwei Exemplare übrig habe. Ich habe im Laufe der Jahre hier in Union eine Art System in Leitsätzen entwickelt, über das ich regelmäßig Vorlesungen halte. Die Leitsätze, die allein schon ein kleines Buch ausmachen, werden von mir kommentiert. Augenblicklich schreibt einer meiner Assistenten meine Kommentare mit und ich hoffe, dieses Material als Grundlage für ein oder mehrere Bände systematischer Theologie benutzen zu können. Ich betrachte dies als mein Lebenswerk und hoffe, dass ich noch im Stande bin, es zu schreiben. Von Herbst 1947 bis Februar 1948 habe ich mein sogenanntes „sabbatical semester“ und hoffe, dass ich in dieser Zeit viel davon verwirklichen kann. Amerika (Details anzeigen) hat ein starkes Bedürfnis nach systematischer Theologie. Es gibt keine solche, und die Studenten hier fordern von mir, dass ich sie schreibe. Zu meinem 60. Geburstag, den ich im August in meinem Häuschen in East Hampton (Details anzeigen) gefeiert habe, bekam ich viele Briefe, die eine solche Forderung stellten.

Aber auch von vielen unter Euch habe ich Briefe bekommen und ich bin von tiefem Dank erfüllt, dass Ihr an mich gedacht habt. Manche dieser Briefe fordern ähnliches wie die meiner amerikanischen Studenten. Andere wollen mich zurückhaben oder wollen wenigstens, dass ich etwas zur Lage drüben sage. Zur Zeit ist beides unmöglich. Ich habe zwar eine Aufforderung bekommen, an der Marburger theologischen Fakultät Gastvorlesungen zu halten (von Mai bis Juli 1947) und will es tun[,] wenn es technisch möglich ist. Ich hoffe dabei, Euch zu sehen.2 Aber das heißt ja noch nicht zurückkehren. Und was das „Wort zur Lage“ betrifft, so glaube ich, dass nur jemand es sprechen kann, der innerhalb dieser Lage ist, und dass wir Euch nur etwas aus der Lage in andern Teilen der Welt mitteilen können. Der Unterschied zwischen Eurem und unserem Schicksal war in den letzten Jahren so groß, dass es uns oft die Worte verschlägt, und dass, wenn ich diesen Brief diktiere, ich es nur mit Furcht und Zittern tue in dem Gedanken, dass Ihr vielleicht Töne aus dem normalen Leben kaum mehr hören könnt.

Im Grunde weist alles, was wir jetzt erleben, in die vertikale Richtung. Es ist so ganz anders wie nach dem 1. Weltkrieg, wo die horizontale maßgebend war und man überall an eine neue Welt glaubte. Davon ist hier noch weniger die Rede als bei Euch. Es liegt ein Gefühl von unentrinnbarem Schicksal, von einer ungeheuren dunklen Drohung über allem, was wir denken und tun. Und nachdem[,] was ich von Freunden höre,| die Euch gesehen und von drüben zurückkommen, ist es trotz aller Leidenschaft für geistige Rekonstruktion bei Euch nicht viel anders.

Nun noch ein paar Worte über unser persönliches Ergehen: René (Details anzeigen) ist jetzt 11 Jahre alt und ein großer und starker Junge, gut in der Schule, ein Führer unter seinen Freunden, mit einem juristischen Verstand begabt und von einer großen Leidenschaft besessen. Er geht in eine alte Schule, die von den Holländern gegründet wurde.

Erdmuthe (Details anzeigen) ist eine 20 jährige, sehr schöne College Studentin an Barnard College auf der andern Seite der Straße, auf die mein Office sieht. Sie war 2 Sommer hintereinander als Kellnerin tätig, um sich Geld für den und [sic!] einiges Taschengeld für den Winter zu verdienen. Ihr Hauptinteresse ist Psychologie und Literaturgeschichte. Sie ist jetzt im 3. Collegejahr und hat noch ein viertes vor sich. Sie möchte dann gerne nach England (Details anzeigen) gehen und wird, wie ich hoffe, von dort aus diesen oder jenen von Euch treffen können. Aber das alles ist noch sehr unbestimmt.

Hannah (Details anzeigen) ist die Seele und die tragende Kraft zweier Häuser und leistet Ungeheures, da es fast unmöglich ist, Hilfe zu kriegen (Dienstboten gehören für uns in ein legendäres Zeitalter). Wir haben natürlich eine große Geselligkeit mit Studenten und Freunden, aber nicht in den üblichen Formen von Essenseinladungen. So etwas ist aus vielerlei Gründen ganz unmöglich. In dieser Beziehung wandeln sich auch hier die alten bürgerlichen Formen rapide. Gesundheitlich geht es uns allen vieren recht gut, obgleich wir oft an der Erschöpfungsgrenze angelangt sind. Wir fühlen uns in Amerika (Details anzeigen) zu Hause, so weit das überhaupt möglich ist, wenn man in unserem Alter einwandert. Die Kinder sind volle Amerikaner, obgleich bei beiden gelegentlich das deutsche Erbe durchkommt. Ich wünschte, dass Ihr sie sehen könntet, aber ich sehe wenig Chancen dazu. Wir sind alle so viel ärmer geworden, dass die Idee einer Reise nach Europa (Details anzeigen) mit Familie, wie wir sie 1937 machen konnten, schlechthin phantastisch erscheint. Das ist auch einer der Gründe, warum wir Euch allen nicht noch mehr schicken, als wir tun. Vieles ist auch hier nicht mehr erhältlich und alles ist so teuer, dass wir als Festbezahlte mit den unabweislichen Ansprüchen, die hier an uns gemacht werden, kaum selber auskommen. Wir tun, was wir können und versuchen, andere Leute zu interessieren und oft mit Erfolg. Aber wir wissen, dass alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Und doch ist es oft seelisch ganz unerträglich zu denken, wie gut wir hier noch leben und in welcher Lage Ihr seid. Auch das trägt viel zu dem tragischen Lebensgefühl bei, das hier fast alle Menschen in Besitz genommen hat.

Seid herzlich gegrüßt und schreibt oft,

Euer


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aEuropa
bKalifornien
cMaine, USA
dLong Island
eNew York City
fLong Island
gNew York City
hEast Hampton (NY)
iTillich, Hannah
jNew York City
kNew York City
lNew York City
mRoosevelt, Franklin D.
nRoosevelt, Eleanor
oBerlin
pDresden
qFrankfurt am Main
rTillich, Paul
sTillich, The Protestant Era, 1948
tVereinigte Staaten von Amerika
uEast Hampton (NY)
vTillich, René Johannes Stefan
wFarris, Erdmuthe
xEngland
yTillich, Hannah
zVereinigte Staaten von Amerika
aaEuropa

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/122 (57)
Erstpublikation
Paul Tillich: Ein Lebensbild in Dokumenten. Briefe, Tagebuch-Auszüge, Berichte. 1. Auflage. Stuttgart: Renate Albrecht und Margot Hahl, 1980, 299–302. (Gesammelte Werke. Ergänzungs- und Nachlaßbände, Band 5)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an National Catholic Welfare Conference vom 22. Januar 1942
nächster Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillichvon Juni 1947

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich vom 12. Oktober 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11015.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11015.pdf