Der editierte Text

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October 11, 1946

Mrs. Margot Hahl (Details anzeigen)
Muehle Maising
ueber Starnberg m/See (Details anzeigen)
Bayern, Germany (Details anzeigen).

Liebe Margot (Details anzeigen):

Deinen Brief1 habe ich erhalten und ich hoffe, dass die Adresse noch stimmt und mein Brief Dich erreichen wird. Ich schicke Dir heute nur einen Bericht ueber uns alle und moechte mit allem anderen warten, bis ich eine Bestaetigung von Dir habe.

Vieles wachte in mir auf, als Dein Brief kam.

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October 12, 1946

Als wir vor bald 13 Jahren hierher kamen, begann ich in kleinere[n] oder groesseren Abstaenden an Euch Rundbriefe zu schicken. Dann hoerte der Reiz der Neuheit auf, und dann kamen die Jahre des grossen Schweigens. Und nun, wo die Welt wieder geoeffnet ist, moechte ich wenigstens einmal vielen von Euch einen Eindruck davon geben wie wir in den letze[n] Jahren gelebt haben und wie es zur Zeit bei uns aussieht. Nachdem ich 1936 und 1937 in Europa (Details anzeigen) war und manchen von Euch zum letzten Mal gesehen hatte, entdeckten wir mit Hilfe unseres Autos den amerikanischen Westen, die weiten Ebenen (Details anzeigen), die Rocky Mountains (Details anzeigen), die Wuesten, den stillen Ozean und das paradiesische Californien (Details anzeigen). Wir haben seitdem eine staendige Sehnsucht danach, hatten aber keine Moeglichkeit, waehrend des Krieges hin zu gelangen. Statt dessen blieben wir im Osten, im Anfang mit, und nach Pearl Harbor 2, ohne Auto. Wir entdeckten hier die Smoky Mountains (Details anzeigen), ein Gebirge mit fast subtropischem Klima in den Taelern und mitteldeutschem Charakter auf den Hoehen (bis zu 2000 m hoch). Dann gingen wir nach dem noerdlichsten der Staaten, Maine (Details anzeigen), das offenbar viel Aehnlichkeit mit der schwedischen Ostseekueste hat. Unzaehlige Inseln im Ozean, Fjords, unendliche Waelder, rauh und grossartig. Wir waren zwei Sommer da, aber auch das wurde zu schwierig. Wir fanden dann vor drei Jahren einen Ort auf Long Island (Details anzeigen), der fast einer Provinz gleichenden grossen Insel, die in New York (Details anzeigen) anfaengt und weit nach Nordosten hinaufgeht. Unser Ort, einer der schoensten, wenn nicht der schoenste auf Long Island (Details anzeigen), ist eine alte Siedlung aus dem 17. Jahrhundert am offenen Ozean, 2 1/2 - 3 Stunden von New York (Details anzeigen) entfernt. Wir waren dort zwei volle Sommer in denen ich mehr gearbeitet habe als je bevor und wurde durch das grossartige Wellenbaden alle rheumatische[n] Ansaetze los. Als dann im vorigen Jahr die Geldentwertung einsetzte und der Wert unserer schon an sich minimalen Pension voellig zu entschwinden drohte, beschlossen wir, ein Haus, das uns zu sehr guenstigen Bedingungen angeboten wurde, in East Hampton (Details anzeigen) zu kaufen, um auf diese Weise etwas zu haben wo wir im Sommer leben koennen und was nach meiner Pensionierung, die in 8 Jahren spaetestens faellig ist, uns eine Existenzbasis geben kann. Hannah (Details anzeigen) fuehlt sich dort schon ganz zu Haus und wir denken, dass es ein wirklich gut gewaehlter Alterssitz ist.

Unser New Yorker Leben ist immer arbeitsreicher geworden. Ich habe in Union Theological Seminary sehr grosse Kollegs, lese auch in der philosophischen Fakultaet von Columbia University und habe wie immer Committees und Vortragsveranstaltungen. Es ist sehr schwer, in New York (Details anzeigen) wissenschaftlich zu arbeiten. Es ist monatelang ganz unmoeglich, einen persoenlichen Brief zu schreiben. Die Zeit, die zum diktieren von Briefen da ist, geht auf dienstliche Korrespondenz drauf. An manchen Vormittagen ist mein Office in Union Theological Seminary eine Mischung von einem wissenschaftlichen Studio und einem Wall Street Bankiers Office. New York (Details anzeigen) ist voll von Menschen, die wir kennen und lieben und ausserdem eine Bruecke der Welt, ueber die Menschen aus allen Laendern kommen. Und Union Theological Seminary ist ein Welt-Zentrum der Protestantismus, kirchlich und theologisch. Darum bitte ich Euch, seid mir nicht boese, wenn ich lange keine Briefe schreibe. Es ist nie boeser Wille, sondern unsere Existenz im Zentrum der groessten Menschenanhaeufung der Welt.|

Wissenschaftlich habe ich mich weiter in der systematisch-theologischen Richtung entwickelt. Das Politische ist mir unter dem Druck des weltgeschichtlichen Schicksals mehr eine Sache der Beobachtung als der Mitarbeit geworden. Das war nicht so waehrend des Krieges wo ich zweimal das grosse Glueck hatte, mit dem Presidenten (Details anzeigen) und mehrfach mit seiner Frau (Details anzeigen) zusammen zu sein. Ich habe einen ganz grossen Eindruck von ihm empfangen und stehe mit ihr noch jetzt in Verbindung. Leider ist es mir sehr viel weniger moeglich gewesen, in die kulturellen Bewegungen, besonders Kunst und Theater etc. einzudringen. Der Mangel an Zeit und die gewisse Isolierung des theologischen Seminars in dieser Richtung hat ein Eindringen, wie ich es in Berlin (Details anzeigen), Dresden (Details anzeigen) und Frankfurt a/M (Details anzeigen) hatte, verhindert.

Ich habe viele Aufsaetze geschrieben, und viele meiner Vortraege sind gedruckt. Ich bin dabei, ein Buch (Details anzeigen) herauszubringen, das den Titel hat DAS ENDE DER PROTESTANTISCHEN AERA? Es vereinigt aeltere ins englische uebersetzte Aufsaetze mit einer Reihe neuerer aus verschiedenen Jahren meines amerikanischen Aufenthaltes. Ich wuenschte, ich koennte Euch einiges von meinem Schriften schicken. Aber das ist ja vorlaeufig noch nicht moeglich, und hat auch grosse Schwierigkeiten, da ich von meinen Sachen immer nur ein oder zwei Exemplare uebrig habe. Ich habe im Laufe der Jahre hier in Union eine Art System in Leitsaetzen entwickelt, ueber das ich regelmaessig Vorlesungen halte. Die Leitsaetze, die allein schon ein kleines Buch ausmachen, werden von mir kommentiert. Augenblicklich schreibt einer meiner Assistenten meine Kommentare mit und ich hoffe, dieses Material als Grundlage fuer ein oder mehrere Baende systematischer Theologie benutzen zu koennen. Ich betrachte dies als mein Lebenswerk und hoffe, dass ich noch im Stande bin, es zu schreiben. Von Herbst 1947 bis Februar 1948 habe ich mein sogenanntes „sabbatical semester“ und hoffe, dass ich in dieser Zeit viel von meinem Plan verwirklichen kann. Amerika (Details anzeigen) hat ein starkes Beduerfnis nach systematischer Theologie. Es gibt keine solche und die Studenten hier fordern von mir, dass ich sie schreibe. Zu meinem 60. Geburtstag, den ich im August in meinem Haeuschen in East Hampton (Details anzeigen) gefeiert habe, bekam ich viele Briefe, die eine solche Forderung stellten.

Aber auch von vielen unter Euch habe ich Briefe bekommen und ich bin von tiefem Dank erfuellt, dass Ihr an mich gedacht habt. Manche dieser Briefe fordern aehnliches wie die meiner amerikanischen Studenten. Andere wollen mich zurueckhaben oder wollen wenigstens, dass ich etwas zur Lage drueben sage. Zur Zeit ist beides unmoeglich. Ich habe zwar eine Aufforderung bekommen, an der Marburger theologischen Fakultaet Gastvorlesungen zu halten (von Mai bis Juli 1947) und will es tun wenn es technisch moeglich ist. Ich hoffe, dabei Euch zu sehen. Aber das heisst ja noch nicht zurueckkehren. Und was das „Wort zur Lage“ betrifft, so glaube ich, dass nur jemand es sprechen kann, der innerhalb dieser Lage ist, und dass wir Euch nur etwas aus der Lage in andern Teilen der Welt mitteilen koennen. Der Unterschied zwischen Eurem und unserem Schicksal war in den letzten Jahren so gross, dass es uns oft die Worte verschlaegt, und dass, wenn ich diesen Brief diktiere, ich es nur mit Furcht und Zittern tue in dem Gedanken, dass Ihr vielleicht solche Toene aus dem normalen Leben kaum mehr hoeren koennt.

Im Grunde weist alles, was wir jetzt erleben, in die vertikale Richtung. Es ist so ganz anders wie nach dem 1. Weltkrieg wo die horizontale {mass}gebend war und man ueberall an eine neue Welt glaubte. Davon ist hier noch weniger die Rede als bei Euch. Es liegt ein Gefuehl von unentrinnbarem Schicksal, von einer ungeheuren dunklen Drohung ueber allem, was wir denken und tun. Und nachdem was ich von den Freunden hoere, | die Euch gesehen und von drueben zurueckkommen, ist es trotz aller Leidenschaft fuer geistige Rekonstruktion bei Euch nicht viel anders.

Nun noch ein paar Worte ueber unser persoenlichstes Ergehen: René (Details anzeigen) ist jetzt 11 Jahre alt und ein grosser und starker Junge, gut in der Schule, ein Fuehrer unter seinen Freunden, mit einem juristischen Verstand begabt und von einer grossen Leidenschaft besessen. Er geht in eine alte Schule, die von den Hollaendern gegruendet wurde.

Erdmuthe (Details anzeigen) ist eine 20 jaehrige, sehr schoene College Studentin an Banard College auf der andern Seite der Strasse, auf die mein Office sieht. Sie war zwei Sommer hintereinander als Kellnerin taetig, um sich Geld fuer den und einiges Taschengeld fuer den Winter zu verdienen. Ihr Hauotinteresse ist Psychologie und Literaturgeschichte. Sie ist jetzt im 3. Collegejahr und hat noch ein viertes vor sich. Sie moechte dann gerne nach England (Details anzeigen) gehen und wird, wie ich hoffe, von dort aus diesen oder jenen von Euch treffen koennen. Aber das alles ist noch sehr unbestimmt.

Hannah (Details anzeigen) ist die Seele und die tragende Kraft zweier Haeuser und leistet Ungeheures, da es fast unmoeglich ist, Hilfe zu kriegen (Dienstboten gehoeren fuer uns in ein legendaeres Zeitalter). Wir haben natuerlich eine grosse Geselligkeit mit Studenten und Freunden, aber nicht in den ueblichen Formen von Essenseinladungen. So etwas ist aus vielerlei Gruenden ganz unmoeglich. In dieser Beziehung wandeln sich auch hier die alten buergerlichen Formen rapide. Gesundheitlich geht es uns allen vieren recht gut, obgleich wir oft an der Erschoepfungsgrenze angelangt sind. Wir fuehlen uns in Amerika (Details anzeigen) zu Hause, so weit das ueberhaupt moeglich ist, wenn man in unserem Alter einwandert. Die Kinder sind volle Amerikaner, obgleich bei beiden gelegentlich das deutsche Erbe durchkommt. Ich wuenschte, dass Ihr sie sehen koenntet, aber ich sehe wenig Chancen dazu. Wir sind alles so viel aermer geworden, dass die Idee einer Reise nach Europa (Details anzeigen) mit Familie, wie wir sie 1937 machen konnten, schlechthin phantastisch erscheint. Das ist auch einer der Gruende, warum wir Euch allen nicht noch mehr schicken als wir tun. Vieles ist auch hier nicht mehr erhaeltlich und alles ist so teuer, dass wir als Festbezahlte mit den unabweislichen Anspruechen, die hier an uns gemacht werden, kaum selber aus kommen. Wir tun, was wir koennen ubd versuchen, andere Leute zu interessieren und oft mit Erfolg. Aber wir wissen, dass alles nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Und doch ist es oft seelisch ganz unertraeglich zu denken, wie gut wir hier noch leben und in welcher Lage Ihr seid. Auch das traegt viel zu dem tragischen Lebensgefuehl bei, das hier fast alle Menschen in Besitz genommen hat.

Seid herzlich gegruesst und schreibt oft
Euer


Fußnoten, Anmerkungen

1liegt nicht vor

Register

aMarburg an der Lahn
bStarnberg am See
cBayern
dMarburg an der Lahn
eTillich, Paul
fEuropa
gGreat Plains
hRocky Mountains
iKalifornien
jSmoky Mountains
kMaine, USA
lLong Island
mNew York City
nLong Island
oNew York City
pEast Hampton (NY)
qTillich, Hannah
rNew York City
sNew York City
tRoosevelt, Franklin D.
uRoosevelt, Eleanor
vBerlin
wDresden
xFrankfurt am Main
y
zVereinigte Staaten von Amerika
aaEast Hampton (NY)
abTillich, René Johannes Stefan
acFarris, Erdmuthe
adEngland
aeTillich, Hannah
afVereinigte Staaten von Amerika
agEuropa

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vom Januar 1946
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vom 31. Juli 1947

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vom 11. Oktober 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11526.html, Zugriff am ????.

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L11526.pdf