Der editierte Text

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Liebe Margot (Details anzeigen)! 99 Claremont-Avenue,
New York 27, N.Y. (Details anzeigen)

Nachdem ich weiss, dass manche von Euch meinen Rundbrief (Details anzeigen) ueber unser Ergehen in den letzten Jahren erhalten haben, moechte ich, unter dem Eindruck des Jahresendes, versuchen, einiges ueber meine Gedanken niederzuschreiben und Euch zu senden.

Der tiefste Eindruck, den wir alle in den letzten Monaten hier erhalten haben, ist die Wiedereroeffnung Europa (Details anzeigen)s und die Wirklichkeit, die dadurch fuer uns sichtbar geworden ist. Es ist eine Wirklichkeit, die im Persoenlichen oft gespensterhaft aussieht, weil sie uns in Perioden unseres Lebens zurueckwirft, die alle Realitaet fuer uns verloren hatten. Entweder hatten wir sie, bis auf gelegentliche wehmuetige Erinnerungen, verdraengt, als wir auswanderten (sonst haetten wir die Auswanderung nicht ueberstanden). Oder wir hatten die Verbindung mit fast allen verloren, die jene Zeiten fuer uns repraesentierten. Nun sind sie wieder da, und es ist psychologisch oft wie eine schwere, unterminierende Analyse, die wir durchmachen. Daher die zoegernden Antworten von hier, die Angst, ins Leere zu reden, das Fehlen der Worte zu dem was von drueben kommt. (Und diejenigen, denen die Worte leicht wurden, haben erfahren muessen, dass kein Widerhall kam, oder dass sie abgelehnt wurden.) Ich bin langsam in allen Reaktionen und es dauerte 1 1/2 Jahre ehe ich fuehlte, dass sich irgend etwas Sagbares in mir entwickelt hat; und auch jetzt rede ich nur mit Furcht und Zittern. Dies Gefuehl wurde verstaerkt durch zwei Briefe. Der eine von ihnen berichtet von dem Eindruck, den mein Beitrag zu dem Buch „The Christian answer (Details anzeigen)“, 1 der in Deutsch in der „Auslese“ erschienen ist, 2 auf eine Leserin gemacht hat: Ein Abgrund trenne uns, obgleich alles, was ich dort gesagt habe, richtig sei. Ich glaube, so ist es. Der andere Brief reagiert heftig gegen die Art, wie manche Emigranten ihr Hierbleibenwollen begruenden. Anstatt klar zu sagen, dass sie Amerikaner geworden sind und es bleiben wollen, sie und ihre Familie, machen sie teils eine Metaphysik daraus, teils suchen sie in sentimentaler Weise nach Kompromissen. Ich stimme mit dem Schreiber auch dieses Briefes ueberein. Umso schwerer wird es dann freilich, selbst zu schreiben oder gar Entscheidungen zu treffen.

Europa (Details anzeigen) sieht von hier aus wie der Titel eines Buches (Details anzeigen), das ich zu Weihnachten bekommen habe: „Kaputt.“ Es ist so Ungeheures, Grauenvolles, Satanisches geschehen, das Gesicht des geliebten Erdteils und aller seiner Teile hat sich so geaendert, dass meine Vorstellungskraft einfach nicht mehr zurueckfindet. Ich habe auch nicht bemerkt, dass das bei denen anders ist, die drueben waren, und das gleiche Entsetzne von dort mitbrachten, das unsere, durch 1000 Berichte genaehrte Einbildungskraft staendig in uns hervorruft. Es ist nicht etwas Bestimmtes, der Hunger, die Armut, die Ruinen, die Ideen, die Blutschuld, das Dunkel der Zukunft. Es ist etwas von alle dem. Und dies Entsetzen verlaesst uns seit Kriegsende nicht. Es wird gemildert durch die tapferen und oft sogar humoristischen Briefe, die wir erhalten, durch die Berichte ueber ein erstaunlich reiches geistiges Leben, durch Artikel, Manuskripte und Briefe, die von einer Tiefe des Erlebens zeugen, deren sich niemand hier ruehmen kann. Aber auf dem Grunde von all dem fuehlen wir eine Verzweiflung, die ansteckend wirkt, weil wir uns ja nicht voellig von der Gemeinsamkeit der Schuld und des Ungluecks losloesen koennen. Ich weiss dass viele von Euch die Situation religioes bewaeltigt haben, oft in Formen, die uns nicht nur als ein Gewinn, sondern auch als ein Verlust erscheinen lassen (z.B. Orthodoxie oder rein jenseitige End- Erwartungen.|

Und doch ist diese „vertikale“ Linie heute vielleicht die einzige, in der die wenigen, die nicht bitter oder stumpf geworden sind, einen Lebenssinn finden koennen. Aber bedeutet das nicht den Verzicht auf jede Gestaltung, das einfache Waltenlassen der Zwangslaeufigkeiten, die aus dem gegenwaertigen Moment das Gegenteil eines Kairos machen? Wir hoeren hier, dass Menschen, die all dies sehen heute, wie vor 25 Jahren, sich als Fremdlinge fuehlen und dass, wie vor 25 Jahren schon wieder die gleichen Kraefte am Werk sind, die das Unheil heraufbeschworen haben. Wir wissen wie viel dazu jene welthistorischen Zwangslaeufigkeiten beitragen, gegen die zu kaempfen sinnlos erscheint. Und doch kann das nicht die letzte Antwort sein, nicht einmal jetzt.

Was ich in diesem Briefe sagen will, ist nur, dass wir nach einer Antwort suchen, nicht fuer Euch – das waere arrogant und ist unmoeglich – aber fuer eine Begegnung von Euch und uns, in der wir uns verstehen und einander etwas geben koennen.

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Liebe Margot (Details anzeigen)!

Hab Dank für Deinen lieben Brief!3 Was habt Ihr alles erlebt, und wie anders sieht die Welt aus als bei unserm letzten Treffen in Völklingen (Details anzeigen). Hier ein paar Gedanken, auf die ich gern eine Antwort von vielen von Euch haette, aber besonders von dem Liebling der Theologischen Fakultaet Berlin (Details anzeigen) 1919! Grüsse Deinen Mann unbekannter Weise


Fußnoten, Anmerkungen

2 Tillich, Paul (Details anzeigen): „Christentum, Wirtschaft und Demokratie“ (Details anzeigen), in: Neue Auslese aus dem Schrifttum der Gegenwart, 1 (7), 2–6.
3liegt nicht vor

Register

aHahl, Margot
bNew York City
c
dEuropa
e
fTillich, Paul
g
hTillich, Paul
iTillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946
jEuropa
k
lTillich, Paul
mHahl, Margot
nVölklingen
oBerlin

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriflichen Einfügungen und handschriftlichem Zusatz

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Margot Faust vom 24. Juli 1933
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vom 11. Oktober 1946

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vom Januar 1946 1946 , in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11525.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11525.pdf