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      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vom Januar 1946<!-- der Brief besteht aus einem Rundbrief
            und einem Zusatz an Margot Hahl, die erste Seite des Rundbriefes ist identisch mit L10892
            die zweite nicht - wahrscheinlich liegt hier oder dort eine falsche Zuordnung der zweiten Seite vor. Vermutlich in
            L10892, da in L10893 derselbe Text wie hier vorliegt -->
               <!-- warscheinlich fehldatiert. Eher Dezember 1946 (1 1/2 Jahre nach Kriegsende --> 1946 </title>
            <author ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
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            <msDesc type="typescript">
               <msIdentifier>
                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno><!-- Archiv der Universitätsbibliothek Marburg, Tillichiana 1, Ms. 1041/46 --></idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich mit handschriflichen Einfügungen und handschriftlichem Zusatz</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
               <date when="1946-01-01">01.01.1946</date>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__757">Margot Hahl</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__757">Korrespondenz mit Margot Hahl</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__757" target="L01553.xml">Brief von Paul Tillich an Margot Faust vom 24. Juli 1933</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__757" target="L11526.xml">Brief von Paul Tillich an Margot Hahl vom 11. Oktober 1946</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10894.xml">Undatierter Brief von Horst Baerensprung an Paul Tillich von Januar 1946</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10896.xml">Brief von Paul Tillich an Andor De Paal vom 03. Januar 1946</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
         </langUsage>
      <creation><date type="sort" when="1946-01-01"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
         <change who="MI" when="2026-07-10">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text type="letter">
      
      <body>
         <div type="writingSession">
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            <opener>
               <salute><hi rend="hand">Liebe <rs ref="#tillich_person_id__757" type="person">Margot</rs>! 99 Claremont-Avenue,<lb/>
               <rs ref="#tillich_place_id__319" type="place">New York 27, N.Y.</rs></hi></salute>
            </opener>
            <p>Nachdem ich weiss, dass manche von Euch meinen <rs ref="#" type="letter">Rundbrief</rs> ueber unser Ergehen in den letzten Jahren erhalten haben, moechte
               ich, unter dem Eindruck des Jahresendes, versuchen, einiges ueber meine Gedanken
               niederzuschreiben und Euch zu senden.</p>
            <p>Der tiefste Eindruck, den wir alle in den letzten Monaten hier erhalten haben, ist
               die Wiedereroeffnung <rs ref="#tillich_place_id__736" type="place">Europa</rs>s und
               die Wirklichkeit, die dadurch fuer uns sichtbar geworden ist. Es ist eine
               Wirklichkeit, die im Persoenlichen oft gespensterhaft aussieht, weil sie uns in
               Perioden unseres Lebens zurueckwirft, die alle Realitaet fuer uns verloren hatten.
               Entweder hatten wir sie, bis auf gelegentliche wehmuetige Erinnerungen, verdraengt,
               als wir auswanderten (sonst haetten wir die Auswanderung nicht ueberstanden). Oder
               wir hatten die Verbindung mit fast allen verloren, die jene Zeiten fuer uns
               repraesentierten. Nun sind sie wieder da, und es ist psychologisch oft wie eine
               schwere, unterminierende Analyse, die wir durchmachen. Daher die zoegernden Antworten
               von hier, die Angst, ins Leere zu reden, das Fehlen der Worte zu dem was von drueben
               kommt. (Und diejenigen, denen die Worte leicht wurden, haben erfahren muessen, dass
               kein Widerhall kam, oder dass sie abgelehnt wurden.) Ich bin langsam in allen
               Reaktionen und es dauerte 1 1/2 Jahre ehe ich fuehlte, dass sich irgend etwas
               Sagbares in mir entwickelt hat; und auch jetzt rede ich nur mit Furcht und Zittern.
               Dies Gefuehl wurde verstaerkt durch zwei Briefe.
               <!-- unklar, welche gemeint sind und ob sie vorlieegen --> Der eine von ihnen
               berichtet von dem Eindruck, den mein Beitrag zu dem Buch
               <q><rs ref="#tillich_work_id__814" type="work">The Christian answer</rs></q>, <note type="ea">Gemeint ist der Artikel: <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Tillich, Paul</rs>: <q><rs ref="#tillich_work_id__815" type="work">The World Situation</rs></q>.</note> der in
               Deutsch in der <q>Auslese</q> erschienen ist, <note type="ea">
                  <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Tillich, Paul</rs>: <rs ref="#tillich__ZR5SRAXS" type="work"><q>Christentum, Wirtschaft und
                        Demokratie</q></rs>, in: Neue Auslese aus dem Schrifttum der
                  Gegenwart, 1 (7), 2–6.</note> auf eine Leserin gemacht hat: Ein
               Abgrund trenne uns, obgleich alles, was ich dort gesagt habe, richtig sei. Ich
               glaube, so ist es. Der andere Brief reagiert heftig gegen die Art, wie manche
               Emigranten ihr Hierbleibenwollen begruenden. Anstatt klar zu sagen, dass sie
               Amerikaner geworden sind und es bleiben wollen, sie und ihre Familie, machen sie
               teils eine Metaphysik daraus, teils suchen sie in sentimentaler Weise nach
               Kompromissen. Ich stimme mit dem Schreiber auch dieses Briefes ueberein. Umso
               schwerer wird es dann freilich, selbst zu schreiben oder gar Entscheidungen zu
               treffen.</p>
            <p><rs ref="#tillich_place_id__736" type="place">Europa</rs> sieht von hier aus wie der
               Titel eines <rs ref="#tillich_work_id__813" type="work">Buches</rs><!-- Zuordnung unklar -->, das ich zu Weihnachten bekommen habe: <q>Kaputt.</q> Es ist so
               Ungeheures, Grauenvolles, Satanisches geschehen, das Gesicht des geliebten Erdteils
               und aller seiner Teile hat sich so geaendert, dass meine Vorstellungskraft einfach
               nicht mehr zurueckfindet. Ich habe auch nicht bemerkt, dass das bei denen anders ist,
               die drueben waren, und das gleiche Entsetzne von dort mitbrachten, das unsere, durch
               1000 Berichte genaehrte Einbildungskraft staendig in uns hervorruft. Es ist nicht
               etwas Bestimmtes, der Hunger, die Armut, die Ruinen, die Ideen, die Blutschuld, das
               Dunkel der Zukunft. Es ist etwas von alle dem. Und dies Entsetzen verlaesst uns seit
               Kriegsende nicht. Es wird gemildert durch die tapferen und oft sogar humoristischen
               Briefe, <!-- liegen nicht vor --> die wir erhalten, durch die Berichte ueber ein
               erstaunlich reiches geistiges Leben, durch Artikel, Manuskripte und Briefe, die von
               einer Tiefe des Erlebens zeugen, deren sich niemand hier ruehmen kann. Aber auf dem
               Grunde von all dem fuehlen wir eine Verzweiflung, die ansteckend wirkt, weil wir uns
               ja nicht voellig von der Gemeinsamkeit der Schuld und des Ungluecks losloesen
               koennen. Ich weiss dass viele von Euch die Situation religioes bewaeltigt haben, oft
               in Formen, die <hi rend="underline">uns</hi> nicht nur als ein Gewinn, sondern auch
               als ein Verlust erscheinen lassen (z.B. Orthodoxie oder rein jenseitige End-
                  Erwartungen.<pb n="2"/></p>
            <p>Und doch ist diese <q>vertikale</q> Linie heute vielleicht die einzige, in der die
               wenigen, die nicht bitter oder stumpf geworden sind, einen Lebenssinn finden koennen.
               Aber bedeutet das nicht den Verzicht auf jede Gestaltung, das einfache Waltenlassen
               der Zwangslaeufigkeiten, die aus dem gegenwaertigen Moment das Gegenteil eines Kairos
               machen? Wir hoeren hier, dass Menschen, die all dies sehen heute, wie vor 25 Jahren,
               sich als Fremdlinge fuehlen und dass, wie vor 25 Jahren schon wieder die gleichen
               Kraefte am Werk sind, die das Unheil heraufbeschworen haben. Wir wissen wie viel dazu
               jene welthistorischen Zwangslaeufigkeiten beitragen, gegen die zu kaempfen sinnlos
               erscheint. Und doch kann das nicht die letzte Antwort sein, nicht einmal jetzt.</p>
            <p>Was ich in diesem Briefe sagen will, ist nur, dass wir nach einer Antwort suchen,
               nicht fuer Euch – das waere arrogant und ist unmoeglich – aber fuer eine Begegnung
               von Euch und uns, in der wir uns verstehen und einander etwas geben koennen.</p>
            <closer>
           
               <signed><rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Dein <hi rend="hand">Paul</hi><lb/>Paul Tillich</rs></signed>
            </closer>
         </div>
         <div type="writingSessionZusatz">
            <pb n="1"/>
            <opener>
               <salute>Liebe <rs ref="#tillich_person_id__757" type="person">Margot</rs>!</salute>
            </opener>
         <p>Hab Dank für Deinen lieben Brief!<note type="ea">liegt nicht vor</note> Was habt Ihr
               alles erlebt, und wie anders sieht die Welt aus als bei unserm letzten Treffen in <rs ref="#tillich_place_id__637" type="place">Völklingen</rs>. Hier ein paar Gedanken,
               auf die ich gern eine Antwort von vielen von Euch haette, aber besonders von dem
               Liebling der Theologischen Fakultaet <rs ref="#tillich_place_id__37" type="place">Berlin</rs> 1919! Grüsse Deinen Mann unbekannter Weise</p></div>
      </body>
   <back><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__736">
                  <placeName>Europa</placeName>
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                  <placeName>Völklingen</placeName>
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                  <placeName>Berlin</placeName>
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                  <placeName>New York City</placeName>
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               </listPlace><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__757">
                  <persName>Hahl, Margot</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/1160519838</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Margot Hahl (geb. 1900), geborene Müller, war eine deutsche Theologin. Seit 1917 studierte sie in Berlin Evangelische Theologie, Ägyptologie und Philosophie und legte 1922 ihr Examen ab. Sie besuchte Vorlesungen von Paul Tillich und Ernst Troeltsch und stand seit ihrer Berliner Studienzeit in engem Kontakt zu Paul und Hannah Tillich; mit Paul Tillich verband sie zeitweise eine persönliche Beziehung. 1922 heiratete sie Erich Faust, von dem sie sich 1937 scheiden ließ. 1938 ging sie die Ehe mit Hans Hahl ein. Die freundschaftliche Verbindung zu den Tillichs bestand bis zu deren Tod fort.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               </listPerson><listBibl><biblStruct type="journalArticle" xml:id="tillich__ZR5SRAXS" corresp="http://zotero.org/groups/5701116/items/ZR5SRAXS" n="Tillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946">
          <analytic>
            <title level="a">Christentum Wirtschaft und Demokratie</title>
            <author>
              <forename>Paul</forename>
              <surname>Tillich</surname>
            </author>
          </analytic>
          <monogr>
            <title level="j">Neue Auslese aus dem Schrifttum der Gegenwart.</title>
            <imprint>
              <biblScope unit="volume">1</biblScope>
              <biblScope unit="issue">7</biblScope>
              <biblScope unit="page">2–6</biblScope>
              <date>1946</date>
            </imprint>
          </monogr>
        </biblStruct>
        </listBibl></back></text>
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