Undatierter Brief von Paul Tillich an Elisabeth Seeberger vermutlich von August 1934

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Der editierte Text

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Liebe Elisabeth (Details anzeigen)!

Heute kam die Nachricht von Hindenburgs (Details anzeigen) Tod und allem, was darauf folgte.1 Nach hiesiger Zeit ist er Nachts um 3 gestorben. Ich habe kaum an der Stunde gezweifelt, auch ehe ich sie las; denn genau um 3 gingen die Schatten des Todes durch meine Seele; so dass ich aufwachte und Hannah (Details anzeigen) weckte; ich erzählte es ihr dann am Morgen und wir warteten auf die Bestätigung; die kam heut – –

Es war wohl die alte Verbundenheit aus 4 Kriegsjahren und das alte Gefühl, das ich immer im Krieg und nachher bis heute hatte: Dass wir eine zum Tode verurteilte Generation sind; und wer zufällig dem Krieg entgangen ist, hat zu büssen, so oder so – – Meine Seele ist dunkler denn je; und wenn ich| noch weinen könnte, ich täte es jede Nacht. Denn ich kann mich nicht loslösen von Euch und allem anderen; ich war mit Euch in Eurer schweren Nacht, von der ich innerlich wusste, seitdem jemand schrieb, dass Ihr in Euren „wohlverdienten“ Urlaub abgereist seid; ich weiss nicht, warum mich dies Wort so traf, aber Du weisst ja, ich bin eine gute „Antenne“... Leider ist die Berichterstattung betreffend Eure Branche infolge der anderen Dinge sehr schlecht. Auch die Branche-Zeitschrift kann nun nichts mehr bringen. So bitte ich Euch, da dies lebenswichtig für mich ist, schreibt gleich nach Eintreffen dieses Briefes einen ungezeichneten Bericht in Schreibmaschine an die Adresse unseres Freundes, dessen Mutter Euch die schönen Sachen mitgebracht hat...2 bitte; so lang und so schnell wie möglich. Vor allem ist| mir wichtig zu erfahren, wie es Euch geschäftlich geht und |:dann:| vor allem, ob die Inhaber der Aktien-Minderheit ihre Opposition aufrecht erhalten und in welcher Form.

Von uns ist abgesehen von jenen nächtlichen Träumen – nur indirekt um meinet- direkt um Euretwillen – nur Gutes zu berichten: Wir waren nach den 4 Wochen auf den „1000 Islands“ (Details anzeigen) 10 Tage in New York (Details anzeigen) in einer der grössten Hitze-Wellen; es war toll, schlimmer als wir Sizilien (Details anzeigen) im August erlebt haben. Dann fuhren wir – und sind jetzt seit 156 Juli bis etwa 15. Sept. auf Marthas Vinyard Island (Details anzeigen), südöstlich von Boston (Details anzeigen), eine Nachtfahrt von New-York (Details anzeigen) entfernt, eine Vereinigung von Kampen (Details anzeigen), Hiddensee (Details anzeigen) und {Korsika (Details anzeigen)}, der offene Ozean, gross in den Wellen und der Weite, aber viel wärmer und südlicher als die| Nordsee und nicht so wild-aggressiv wie sie. Wir haben eine Hütte, die nur einen Raum für Kochen, Schlafen, Wohnen hat, am Abhang eines hohen Hügels mit Blick auf Ozean, Land und Innenbuchten, mitten in {Haide}, bestehend aus dem Bay-Strand (daher der Bay-{Rum}), wunderbar riechend, Brombeeren, wilde Rosen in Feldern wie Alpenrosen, Gras |:{¿¿¿}:| niedrige Kiefern, Kliff, Dünen, weiterhin Eichenwälder, 15 Min im Auto ein Fischerhafen für Hummern in unbegrenzter Menge, Schwertfischen, die sehr gut schmecken; auch Haie werden hier gefunden, die aber verhältnismässig ungefährlich sein sollen. Neulich auf der Holzterasse im Nachbarhaus, wo ich immer arbeite und wo nächstens Ulichs (Details anzeigen) (Details anzeigen) einziehen, trat ich auf eine gross gelb-braune Schlange, die dann unter den Holzplanken verschwand. Und das störte mich nicht mal! Ausser Ulichs (Details anzeigen) (Details anzeigen) (früher Dresden (Details anzeigen); die Frau ist die berühmte Elsa Brandström (Details anzeigen)); die von 15 Aug – 20 Sept. hier sein werden, sind noch| {¿¿¿} hier, ferner Prof. Friess (Details anzeigen) von Columbia, mit dem ich damals in Heidelberg (Details anzeigen) zusammen war, und bei denen wir die ersten Tage eingeladen waren, ehe wir unsere Hütte fanden. Es gibt hier weder Gas noch Wasserleitung noch Elektrizität. Abends sitzen wir um die Petroleumlampe herum, während Erdmuthe (Details anzeigen) hinter dem Vorhang schläft. Das Waschwasser kommt aus einer Cisterne, das Trinkwasser aus einer Quelle, oder in großen Flaschen vom Kaufmann, der jeden Morgen und Mittag mit seinem Wagen den Berg heraufkommt. Der Fischmann ist, wie die meisten Fischer auf der Insel indianische Urbevölkerung, z. T. sehr schöne Gesichter; aber nicht mehr ganz wie in Indianer-Geschichten. – Jedes Haus ist 5–10 Min vom anderen entfernt, die Gäste meistens Professoren, Verleger, Maler, also wie in Kampen (Details anzeigen) und Hiddensee (Details anzeigen). Am Strand {nie} mehr als 20–30 Leute, ausser uns niemand den wir kennen ohne Auto (ich glaube überhaupt niemand) Strandleben wie in {¿¿¿} nicht vorhanden. Man liegt eine bis 2 Stunden im Sand, badet und ist sonst auf den| {Hügeln}. Nur die von weiter kommen, bringen Lunch mit und liegen den ganzen Tag da herum. Burgen gibt es nicht. Wir haben fast immer warmes sonniges Wetter, dazwischen mal einen Nebeltag, wo unser Hügel völlig isoliert ist und man sich wie auf einer Alp fühlt. Hannah (Details anzeigen) hat viel mit der Wirtschaft zu tun, da es hier keine Hülfe gibt. Die schwere Arbeit mache ich natürlich, Wasser schleppen, {Müll-} und andere Gruben graben. Im übrigen arbeite ich den ganzen Tag. Eben habe ich eine grosse Auseinandersetzung mit Emmanuel Hirschs Buch (Details anzeigen) fertig (nichts davon sagen!). Jetzt Vorbereitung eines schweren Kollegs: Die Lehre vom Menschen. Dazwischen Englisch lesen. – Nun bitte ich nur: Haltet mich genau auf dem Laufenden, über Euch, Euren Betrieb und Eure Branche. Den Kirchen, besonders Hans Jürgen (Details anzeigen), dem ich herzlich für seine Briefe3 danke, viele Grüsse. – Dieser Brief ist auch für Vaterchen (Details anzeigen) und Frede (Details anzeigen)!

Lebt wohl und schreibt bald.

Euer Paul (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Hindenburg (Details anzeigen) ist am 02. August 1934 gestorben. Am 01. August 1934 erließ das Kabinett-Hitler ein Gesetz, das die Zusammenlegung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in der Person Hitler (Details anzeigen) anordnete, wodurch Hitler (Details anzeigen) nach dem Tod Hindenburgs (Details anzeigen) als Führer und Reichskanzler regieren konnte.
2Nicht ermittelt.
3Liegen nicht vor.

Register

aSeeberger, Elisabeth
bHindenburg, Paul von
cHindenburg, Paul von
dHitler, Adolf
eHitler, Adolf
fHindenburg, Paul von
gTillich, Hannah
hThousand Islands
iNew York City
jSizilien
kMartha's Vineyard Island
lBoston
mNew York City
nKampen
oHiddensee
pKorsika
qBrändström, Elsa
rUlich, Robert
sBrändström, Elsa
tUlich, Robert
uDresden
vBrändström, Elsa
wFriess, Horace
xHeidelberg (Deutschland)
yFarris, Erdmuthe
zKampen
aaHiddensee
abTillich, Hannah
acHirsch, Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer..., 1933
adSeeberger, Hans-Jürgen
aeTillich, Johannes Oskar
afFritz, Alfred
agTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/184(7)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Elisabeth Seeberger vom 7. Juni 1934
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Elisabeth Seeberger vom 24. November 1934

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Paul Tillich an Elisabeth Seeberger vermutlich von August 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10012.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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