Der editierte Text

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Liebste Hannah (Details anzeigen)!

Nun ist der erste ruhige Nachmittag und ich kann dir ausführlich schreiben: Also ich kam am Montag Nachm. an. Niemand war da und ich hatte Zeit, auszupacken und die Briefe und Drucksachen, die den ganzen Schreibtisch bedeckten, durchzusehen. Dann kam Heinrich (Details anzeigen), frisch und nett und dann Erdmuthe (Details anzeigen), dickbäckig und kalt. Sie sah mich an und lächelte ihr süßestes Lächeln; und doch anders als zum Abschied in Genua (Details anzeigen). Ich habe heut Vormittag und Nachmittag einen langen Spaziergang mit ihr gemacht und habe festgestellt, was es vielleicht ist: Sie hat ihre produktive Selbständigkeit durch die ständige Bezogenheit auf Frl. Mariechen (Details anzeigen) eingebüßt. Aber schon heut Nachmittag wachte sie wieder etwas auf: Wir erfanden zusammen ein Spiel: Blätter auf einen Pfahl legen und herunterpusten – und sie war wieder ganz die alte. Ich konzentriere mich jetzt ganz auf sie und hoffe, es bald zu schaffen. Die| Hauptschwierigkeit ist, daß sie jetzt nicht mehr allein sein will – seit der Reise keinen Augenblick (außer Nachts). Hier muß eine langsame Umgewöhnung eintreten, die ich jetzt in Angriff nehmen will. Mit Gewalt läßt es sich nicht machen, wie ich heut früh feststellte. Sie brüllte zu sehr und zu lange. Körperlich geht es ihr glänzend. Verdauung, Schlaf, Hunger, Körperkraft. Die Wagen sind kaum mehr benutzbar, da sie dauernd geht, und zwar heut Vormittag immer geradeaus ohne jede Kurve. Heut Nachmittag war sie schon gelockerter. Heut kam ein entzückendes Strickjäckchen von deiner Mutter (Details anzeigen). Jedenfalls kannst Du ganz ruhig sein! Heut nannte sie mich plötzlich Hannah! Sonst spricht sich nicht viel mehr als vorher.

So dieses ist die Hauptsache; und nun das andere. Am Dienstag fuhren wir mit Leeses (Details anzeigen), Pfeng (Details anzeigen) und Ninus (Details anzeigen) nach Meißen (Details anzeigen).1 Wobbermin (Details anzeigen) redete, recht schlecht und antiquiert.2 Dann aßen wir Mittag auch mit der Schwester von Pfeng (Details anzeigen), und gingen zur Diskussion, wo ich eine lange und energische| Diskussionsrede zur Verteidigung von Barth (Details anzeigen) hielt.3 Zurück fuhr ich dann mit Leeses (Details anzeigen) im Auto von Globig (Details anzeigen) (der Mann von Ilses Schwester (Details anzeigen)). Am Abend arbeitete ich bis ½ 3 Nachts, während Heinrich (Details anzeigen) (und Fides (Details anzeigen), die gerade durchkam) sich Leeses (Details anzeigen) annahmen. Am Morgen um 8 kam Bienerts (Details anzeigen) und Ilses (Details anzeigen) Auto. Im ersten fuhr ich mit Frau Bienert (Details anzeigen) (Heinrich (Details anzeigen), den sie abholen wollte, hatte verschlafen), im zweiten Leeses (Details anzeigen) Pfeng (Details anzeigen) und Elis (Details anzeigen). Mein Vortrag4 (ca 500 – 600 Menschen5) war sehr schwer. Aber sie hörten atemlos zu. In der Diskussion wurde von den allermeisten über die Form und das Ereignis des Vortrages gesprochen, z.T. überaus nett. Z.T. mit Unwillen über zu schwer.6 – Sachlich war mehr Interpretation als Gegnerschaft. In der Schlußrede hatte ich mehr Erfolg noch als in der Rede selbst – wie immer, wenn ich vital kräftig bin. Der erste Druck (Details anzeigen) soll in der christlichen Welt stattfinden. Ich fuhr dann mit Frau Bienert (Details anzeigen) und Leeses (Details anzeigen) im Auto nach Hause, nachdem wir alle, auch Kroner (Details anzeigen) sehr vergnügt zusammen gegessen hatten. Ich lud dann alle zu nach dem Abendbrot zu uns ein und gab jedem den Auftrag| etwas mitzubringen. Die Vorbereitung machte Frau Leese (Details anzeigen), so daß Mariechen (Details anzeigen) nichts zu tun hatte. Es war sehr entzückend. Der Vergnügteste war Kurt Leese (Details anzeigen). Am entzückendsten die drei Schwestern Pfennigwerth (Details anzeigen), die 5 Fl. Wein mitgebracht hatten. Auch Kroner (Details anzeigen), Globig (Details anzeigen) und die Schwester von Nina (Details anzeigen) waren da. Heinrich (Details anzeigen) telephonierte ich aus dem Bett, wofür er sehr dankbar war. Und dann tanzten wir bis 12, wo alles ging. Ich aber schlief wie ein Stein. Da die Ninus (Details anzeigen) Stenographie und Schreibmaschine kann, bat ich sie, heut früh zu kommen, und ich habe von 11–1 ca. 30 Karten und Briefe diktiert. Ebensoviele sollen morgen folgen. Das ist wirklich glänzend: Sie stenographiert so schnell wie ich rede. Von 10–11 und von ½ 4–½ 6 war ich mit Erdmuthe (Details anzeigen) draußen. Dann habe ich an Arnold (Details anzeigen) geschrieben: die Steuer ist gekommen: 200 M, dazu 50 Vorausbezahlung. Miete höher und viele kleine Dinge. Ich habe um 1000 M gebeten. Das ist nötig, reicht aber auch. – – Schreib bald wieder! Ich bin sehr frisch. Alle staunen, wie erholt und verändert ich bin, besonders Ilse (Details anzeigen).

Ich liebe Dich und freue mich an Deinen Taten!
Dein

Paul

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Fußnoten, Anmerkungen

1In der Meißener (Details anzeigen) Fürstenschule tagte vom 3. Oktober bis zum 5. Oktober 1927 der "Bund für Gegenwartschristentum".
3Die Anschlussdiskussion (Details anzeigen) ist abgedruckt in den "Mitteilungen an die Freunde der Christlichen Welt". Tillichs Wortmeldung in diesem Zusammenhang (ebd., Sp. 1012f.): „Einerseits bin ich aufs innigste verwandt mit der dialektischen Theologie, anderseits habe ich manchen Strauß mit ihr ausgefochten. Die Art der Kritik von Wobbermin (Details anzeigen) ist zu beanstanden. Er stellt eine bestimmte Anzahl von Problemen hin und fragt: Hat die dialektische Theologie diese Probleme gelöst? Nein. Dann kann sie nicht unsere Führerin sein. So zu verfahren ist unmöglich gegenüber einer historischen Erscheinung, wie die dialektische Theologie sie darstellt. Die Geistesgeschichte läßt eine Anzahl von Problemen der älteren Zeit unter den Tisch fallen, wenn eine neue Setzung auftritt.
Zur heutigen Lage ist zu sagen: das Problem des Psychologismus ist als philosophisches Problem seit 1900, dem Sieg der phänomenologischen Philosophie, entschieden; die Blickrichtung auf die Psyche ist immer nur ein Teil der Blickrichtung auf die Gegebenheit. Ebenso ist das Problem des Historismus erledigt; es war nur vorhanden, als eine bürgerliche Auffassung sich als das Ende der Geschichte betrachten konnte. Das ist überwunden, seitdem wir eine Geschichte erlebt haben, die diese Auffassung in ihren tiefsten Wurzeln erschüttert hat. Dem Historismus steht gegenüber das Geschichtsbewußtsein der proletarischen Masse, für die es galt, sich selbst als geschichtliche Potenz zu fühlen.
Was Barth (Details anzeigen) unserer Generation positiv gewesen ist: Er ist hervorgegangen aus der religiös-sozialistischen Bewegung, aus einer Situation, in der es darum ging, eine Gegenwartswirklichkeit religiös zu verstehen. Das Erste ist, daß hier Gott und Welt direkt aufeinander bezogen werden, ohne Kirche, Frömmigkeit oder Anderes als Zwischeninstanz. Hier ist der Gedanke, daß Gott die Welt wandelt in diesem geschichtlichen Augenblick, z. B. durch die sozialistische Bewegung. Dieser Punkt ist unverrückbar. Von da aus sind jene Korrelationen sämtlich fragwürdig geworden: Religion und Gott – warum nicht Profanität und Gott? oder Frömmigkeit und Gott? Ist sie nicht genau so der Dämonie ausgeliefert wie die Nichtfrömmigkeit? Ueberall wird, was bisher als besondere Sphäre herausgestellt war, in Frage gestellt. Wäre das gegen Luther (Details anzeigen), so wäre etwas herausgestellt, was gegen Luther (Details anzeigen) Wahrheit wäre.
Es gibt verschiedene Formen des Radikalismus, aber auch einen, der wesensmäßig verbunden ist mit dem, worum es in der Religion geht, mit Gott. Da ist dann nicht von ihm die Rede in der Form, daß man von unserem Glauben, unserer Frömmigkeit sprechen könnte, die man als etwas Objektives haben könnte. Eine solche Frömmigkeit steht in dem Augenblick nicht mehr vor dem Unbedingten, denn da zerbricht ihre Objektivierung. Dieser Radikalismus wendet sich gegen jede Objektivierung, auch die eines geistig persönlichen Gottes als einer fixierten Größe, vor der unbedingten Majestät des verborgenen Gottes, dessen Offenbarung immer das ist, was fragwürdig ist, was niemals begriffen werden kann, von der man nicht sagen kann: Hier und da ist sie. Vielleicht ist sie da, auch jedes Ausschließen ist ebenso fragwürdig. Sie ist nur da, wo sie mich unbedingt beanspruchen kann. Die Kategorie 'es gibt' ist ausgeschlossen. Dies ist, was ich in der Größe und der prophetischen Kraft dessen erlebt habe, was Karl Barth (Details anzeigen) über Kirche und Kultur (Details anzeigen) gesprochen hat.
Nun zu der positiven Lösung. Der religions-psychologische Zirkel ist nicht ein Ueberwindung des Psychologismus und Historismus und vor allem nicht der dialektischen Theologie. Hier ist die vorphänomenologische Problemlage noch konserviert. Neben diesem Zirkel stand die Schrift. Es ist nur das Eine oder das Andere möglich. Ist der Zirkel radikal gefaßt, so ist die Schrift auch nur eines der Objekte, die von dem Zirkel erfaßt werden.
Die dialektische Seite: Es war richtig und unbedingt notwendig zu fragen: Ist nicht die dialektische Theologie selbst ein Phänomen der Erscheinungswelt und beansprucht Wahrheit zu geben? Dann muß sie Wahrheit haben nicht als ferner Streifen am Horizont, sondern in sich selbst. Das ist das, was mit Recht und notwendiger Weise der Dialektik gegenüber gefragt werden muß, wo sie sich selber aufhebt. Nun tut das Barth (Details anzeigen). Aber wenn er sich nur dialektisch aufhebt, so hebt er sich nicht auf. Er müßte den Mut finden, aus der Gegenwartswirklichkeit heraus neu setzend hervorzutreten, und aus der Gegenwart heraus waren, sich unter das Gericht zu stellen, real schaffend. Statt dessen flüchtet er doch wieder zu einem heiligen Ort, er verfällt einem ganz derben Supranaturalismus, er flüchtet zu heiligen Dingen, die der Stein sind, an denen alle Wirklichkeit zerschellt. Hier ist alle Kritik am Platze. Man muß die Dialektiker auffordern, radikal dialektisch zu werden auch gegen sich selbst, und dann ist die Möglichkeit da, hier und da, wo es sein mag, Offenbarung zu sehen, auch da, wo ein Supranaturalismus es mehr verdeckt als gezeigt hat.
Jede Erscheinung kann aus psychologischen Zuammenhängen erklärt werden, aber das heißt, die Sphäre des Geistigen als Geist überhaupt aufheben. Diese Erklärungen richten den, der erklärt, immer nur selbst. Einzig und allein auf die Sache sehen! Das ist das Größte, was in der Theologie überhaupt vorliegt: die unbedingte Anerkennung des Majestätsrechtes Gottes.“
Wobbermin (Details anzeigen) antwortete im weiteren Verlauf der Diskussion auf Tillichs Wortbeitrag (ebd., Sp. 1014): „Tillichs Ausführungen scheinen der Formulierung nach auf einen beträchtlichen Unterschied hinauszukommen. Die Gesamtbeurteilung berührt sich aber mit der meinigen auf das allerengste, sowohl in der Anerkennung wie in der Kritik. Ich habe nicht eine beliebige Zahl von Problemen herausgegriffen; ich habe immer auf den Gegensatz gegen Psychologismus und Historismus zurückgegriffen, weil dies die entscheidenden Motive sind, wie mir auch die persönlichen Unterhaltungen mit Karl Barth (Details anzeigen) gezeigt haben. Diese Probleme sind nicht antiquiert, sondern erst der Kampf gegen sie kann dazu führen, sie zurückdrängen. Wir haben noch genug Historismus und Psychologismus auch in der Theologie; der Kampf dagegen wird noch recht lange nötig sein.
Der Vorwurf der vorphänomenologischen Problemlage verkennt den Stand der Sache. Für mich selbst ist immer die Blickrichtung auf die Objektbeziehung und den Objektgehalt entscheidend gewesen. Die ganze phänomenologische Denkweise der Philosophie ist durch Schleiermacher (Details anzeigen) mit vorbereitet, der nicht das psychologistische, sondern das phänomenologische Interesse hatte. Aber für das Gebiet des religiösen Glaubens darf dies phänomenologische Interesse nicht das Glauben selbst als 'glauben und vertrauen' ausschalten. Denn fides quae creditur und fides qua creditur (d. h. der objektive und der subjektive Pol der Glaubenswirklichkeit) bedingen sich gegenseitig. Das ist die grundlegende Einsicht Luthers (Details anzeigen) (auch in dem Satz, daß 'Glaube und Gott zuhaufe gehören'), mit der evangelische Theologie genau so steht und fällt, wie evangelisches Christentum mit dem ihr entsprechenden Grundsatz sola fide.“
4Tillich trug am 5. Oktober um 11.00 zum Thema "Eschatologie" vor (siehe den Erstabdruck unter dem Titel "Eschatologie in Geschichte" in: Die Christliche Welt (Details anzeigen), Jg. 41, H. 22 (1927), Sp. 1034-1042; sowie in den "Gesammelten Werken (Details anzeigen)", Bd. VI, S. 72-83).
5Im Rückblick (Details anzeigen) zu Tillichs Vortrag in den "Mitteilungen an die Freunde der Christlichen Welt" heißt es (Sp. 1015): „In der Anwesenheitsliste sind 250 Personen verzeichnet“.
6Die kontroverse Diskussion ist im Rahmen des "Rückblicks (Details anzeigen)" in den "Mitteilungen an die Freunde der Christlichen Welt", Sp. 1015-1019, abgedruckt worden, sowie sehr auszugsweise in der "Christlichen Welt (Details anzeigen)", Jg. 41, H. 22 (1927), Sp. 1018f. Auf eine Wiedergabe wird hier aufgrund ihres Umfangs verzichtet.

Register

aTillich, Hannah
bGoesch, Heinrich
cFarris, Erdmuthe
dGenua
eMariechen
fWerner, Louise
gLeese, Kurt; Leese, Minna Margarethe
hUsener, Ilse
iNinus
jMeißen
kMeißen
lWobbermin, Georg
mWobbermin, Georg
nWobbermin, Der Kampf um die dialektische Theologie. Vortrag beim Bund für Gegenwartsch..., 1928
oGlobig, Camilla Käthe
pBarth, Karl
qo.A., Vortrag von Wobbermin: Der Kampf um die dialektische Theologie., 1927
rWobbermin, Georg
sBarth, Karl
tLuther, Martin
uLuther, Martin
vBarth, Karl
wBarth, Die Kirche und die Kultur (1926), 1994
xBarth, Karl
yWobbermin, Georg
zBarth, Karl
aaSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst
abLuther, Martin
acLeese, Kurt; Leese, Minna Margarethe
adGlobig, Emil Hermann Johannes
aeGlobig, Camilla Käthe
afGoesch, Heinrich
agStietencron, Fides Baronin von
ahLeese, Kurt; Leese, Minna Margarethe
aiBienert, Ida
ajUsener, Ilse
akBienert, Ida
alGoesch, Heinrich
amLeese, Kurt; Leese, Minna Margarethe
anUsener, Ilse
aoKallen, Elisabeth W.
apTillich, Eschatologie und Geschichte, 1927
aqTillich, Eschatologie und Geschichte, 1963
aro.A., Vortrag von Tillich: Eschatologie., 1927
aso.A., Vortrag von Tillich: Eschatologie., 1927
atTillich, Erwiderung auf die Kritiken von: Bach, Wolff, Rade, Mensing und Stephan, 1927
auTillich, Eschatologie und Geschichte, 1927
avBienert, Ida
awLeese, Kurt; Leese, Minna Margarethe
axKroner, Richard
ayLeese, Minna Margarethe
azMariechen
baLeese, Kurt
bbUsener, Ilse; Globig, Camilla Käthe
bcKroner, Richard
bdGlobig, Emil Hermann Johannes
beBaring, Nina
bfGoesch, Heinrich
bgNinus
bhFarris, Erdmuthe
biWolfers, Arnold
bjUsener, Ilse

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Privatsammlung F. W. Graf
Typ

Brief, eigenhändig.

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 6. Oktober 1927, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01593.html, Zugriff am ????.

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L01593.pdf