Der editierte Text

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Liebste Hannah (Details anzeigen)!1

Nun hast Du Brief (Details anzeigen) und Telegramm (Details anzeigen); hoffentlich ist alles ganz klar geworden. Beeinflußt bin ich von niemand, da es sich zunächst gar nicht um Entscheidungen, sondern um Feststellungen handelt. Von einer Entscheidung kann höchstens insofern die Rede sein, als ich, wenn ich hinausgehe, den Rückweg nicht abschneiden will, aber das ist ja nur die Fortsetzung meiner Grundhaltung. Entscheidungen kann es nur in drei Fällen geben:

1) Wenn wider Erwarten trotz Pensionierung der Urlaub abgelehnt wird. Dann ist klar: Abfahrt!

2) Wenn die Rehabilitierung mit unmöglichen Forderungen verknüpft ist oder schon die Verhandlungen unmögliche Formen annehmen. Dann ist ebenfalls klar: Abfahrt.

3) Wenn die Termine doch in einer solchen Weise zusammenstoßen, daß Columbia rechtlich gefährdet ist. Dann könnte es noch einmal einen wirklichen Konflikt geben. Und dann müßten wir ganz von uns aus entscheiden. Und ich glaube fast: Auch dann: Abfahrt.

Ich hoffe, Du siehst damit, daß meine innere Stimmung mehr als| je in die Weite geht. Aber ich muß mein gutes Gewissen retten.

Gestern mit Grim[me]'s (Details anzeigen) bei Frau Meier-Kuhlenkamp (Details anzeigen), der sich selbst beurlaubt habenden Chefin der staatlichen Augustaschule. Auch sie könnte mit dabei sein, wenn Carolus (Details anzeigen) und Grim[me] (Details anzeigen) ein Landschulheim (ich hatte mich verschrieben)2 gründen würden. Grim[me] (Details anzeigen) denkt sehr über den Plan nach, hält ihn fast für die einzige Möglichkeit für sich; draußen, aber für die drinnen. Carolus (Details anzeigen) soll sofort, wenn er hier ist, bei Grim[me] (Details anzeigen) anrufen, da er die Sache mit ihm und jener (die schon 4 Wochen draußen gereist ist)3 besprechen kann. – In der Sache Emils (Details anzeigen) sind zunächst nur drei Abteilungen vorgesehen: Ökonomie, Recht, Soziologie und als Band Philosophie.4 Die Sache soll aber erweitert werden; und ich halte eine pädagogische Erweiterung für durchaus möglich. – Dieses alles für Carolus (Details anzeigen).5

Heut Nachmittag bei Hans.6 Es geht ihm ein wenig besser; immerhin hat er damals auch eine Rippe gebrochen, was erst jetzt| vom Arzt festgestellt ist(!!) Hans ist völlig überzeugt von der Richtigkeit meines Verhaltens: Nicht von seinen Verfahren weglaufen! Ebenso alle mit denen ich sonst telephoniert habe. Wir (Hans und ich) haben beschlossen, daß ich einen Brief (Details anzeigen) an Emil (Details anzeigen) schreibe mit der dringenden Bitte, sich die Chancen nicht durch Terminstellung zu verderben. Der Brief soll so sein, daß ihn auch Johnson (Details anzeigen) versteht; dann haben wir Freiheit, bis über uns entschieden ist. Denn das gilt ja nicht nur für mich. Hoffentlich hat es Erfolg.

M. L.'chen (Details anzeigen) herzlichen Dank für ihren Brief.7 Anbei eine Karte8 an sie; sonst nur Drucksachen. Zum Englisch reicht die Kraft leider nicht mehr. Eckart (Details anzeigen) wollte heut oder morgen fahren. Jedenfalls wartet er nicht bis Sonnabend. – Über Erdmuthes (Details anzeigen) Ankunftszeit noch keine Nachricht. Ich freue mich so auf sie und auf die Reise mit ihr.9|

Wir müssen also noch den Ort wechseln. Es ist vielerlei dabei zu bedenken. Wir entscheiden uns alle zusammen, wenn ich da bin.10

Heut Nachmittag Einkauf mit Cläre (Details anzeigen). Deine energischen Briefe haben ihr viel Spaß gemacht. Sie wird die Sache schon gut machen. – Später kam Eure komische Karte.11 Die Namen finde ich ausgezeichnet; doch verstehe ich die gelehrte Anspielung nicht ganz.

Deine Fragen, die eben gekommen sind, sind ja durch meinen Brief (Details anzeigen) beantwortet. Über Columbia weiß ich noch nichts Genaues. Da muß ich erst Brief mit offizieller Anfrage und Bedingungen abwarten. In Emils (Details anzeigen) Sache werden Reise und Umzug nicht bezahlt. Ob in der anderen Sache ist unklar. Bald mehr!

Gr{ü}ß herzlich!

Dein

Paul (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Dieser Brief ist mit keinem Datum versehen. Die hier vorgenommene Datierung ergibt sich einerseits aus seinem engen Bezug zum Telegramm (Details anzeigen) Tillichs an seine Frau vom 1. August 1933 bzw. dem dazugehörigen Brief (Details anzeigen), andererseits aus der Erwähnung eines gemeinsamen Einkaufs mit Claire Löwenfeld (Details anzeigen) (siehe die mit Poststempel versehene Karte (Details anzeigen) von ihr und Paul Tillich an Hannah Tillich). Vorliegender Brief wurde demnach am Vormittag des 3. August 1933 verfasst.
2 Tillich (Details anzeigen) hatte in einem vorangehenden Brief (Details anzeigen) die Gründung eines „Volksschulheims“ vorgeschlagen.
3Nicht ermittelt.
4Gemeint ist die im Aufbau befindliche „University in Exile“ im Rahmen der New Yorker School for Social Research.
6Identität nicht gesichert, vermutlich ist jedoch Hans Staudinger (Details anzeigen) gemeint (siehe auch die Briefe vom 29. Juli 1933 (Details anzeigen) und vom 30. Juli 1933 (Details anzeigen)), der etwa einen Monat lang in Schutzhaft gesessen hatte.
7Liegt nicht vor.
8Liegt nicht vor.
9Erdmuthe Tillich (Details anzeigen) hatte einige Monate bei Tillichs Freundin Margot Faust (Details anzeigen) in Saarbrücken (Details anzeigen) verbracht. Von dort reiste sie nach Berlin (Details anzeigen), wo sie am Morgen des 5. August 1933 ankam und gemeinsam mit Paul Tillich weiter nach Sassnitz reiste (siehe auch den diesbezüglichen Brief (Details anzeigen) Tillichs an Margot Faust sowie jenen (Details anzeigen) an Hannah Tillich).
10Die Tillichs verlegten nach dem 8. August 1933 ihren Aufenthaltsort von Sassnitz (Details anzeigen) auf Rügen nach Spiekeroog (Details anzeigen) an der Nordsee.
11Briefe und Karte liegen nicht vor.

Register

aTillich, Hannah
bTelegramm von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. August 1933
cBrief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. oder 2. August 1933
dLöwenfeld, Claire
ePostkarte von Paul Tillich und Claire Löwenfeld an Hannah Tillich vom 3. August 1933 [PS]
fBrief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. oder 2. August 1933
gTelegramm von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. August 1933
hGrimme, Mascha; Grimme, Adolf
iMayer-Kulenkampff, Lina
jMennicke, Carl August
kGrimme, Adolf
lTillich, Paul
mBrief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 30. Juli 1933
nGrimme, Adolf
oMennicke, Carl August
pGrimme, Adolf
qLederer, Emil
rMennicke, Carl August
sMennicke, Carl August
tTillich, Hannah
uSassnitz (Rügen)
vStaudinger, Hans
wPostkarte von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 29. Juli 1933 [PS]
xBrief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 30. Juli 1933
yBriefentwurf von Paul Tillich an Emil Lederer vom 3. oder 4. August 1933
zLederer, Emil
aaJohnson, Alvin
abWerner, Marie Luise
acSydow, Eckart von
adFarris, Erdmuthe
aeFarris, Erdmuthe
afHahl, Margot
agSaarbrücken
ahBerlin
aiBrief von Paul Tillich an Margot Faust vom 24. Juli 1933
ajBrief von Paul Tillich an Hannah Tillich, vermutlich vom 4. oder 5. August 1933
akSassnitz (Rügen)
alSpiekeroog
amLöwenfeld, Claire
anBrief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. oder 2. August 1933
aoLederer, Emil
apTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/3(3)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - Sassnitz (Rügen)
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. oder 2. August 1933
nächster Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 3. August 1933 [PS]

Entitäten

Personen

Orte

Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich verm. vom 3. August 1933, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01244.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L01244.pdf