Der editierte Text

|
Juni 1947

Liebe Freunde:

Dies ist der dritte Brief, den ich an viele von Euch sende. Ich weiss, ein Rundbrief ist weniger als ein persönlicher Brief, selbst wenn persönliche Worte hinzugefügt sind. Aber ich hoffe, es ist mehr als gar nichts. Und „gar nichts“ wäre die andere Alternative. Es ist schwer für irgend jemand, der es nicht selbst erfahren hat, sich eine Vorstellung von dem Leben in New York (Details anzeigen) zu machen. Mein Studio ist die Verbindung eines deutschen Studierzimmers und des Office eines Privathaushaltes und eines Klub-Hauses. Ich habe eine (stundenweise) deutsche Sekretärin und zwei Assistenten für Kollegs, Examina, wissenschaftliche Arbeiten etc. Schlimm ist, dass Hannah (Details anzeigen) keinerlei Hilfe nehmen kann, statt dessen im Juli und August als Assistentin in ein Kinder-Camp gehen muss (und René (Details anzeigen) mitnimmt). Auf diese Weise spart sie Geld und wir können unser Häuschen in East Hampton (Details anzeigen) (bis auf mein Zimmer) während dieser Monate vermieten. Ich schreibe dies, um zu begründen, warum es mit einem Professoren Gehalt in Amerika (Details anzeigen) schlechterdings unmöglich ist, viele Pakete zu schicken. Uns zerreisst es oft das Herz, wenn wir denken was wir alles tun sollten und nicht tun können. Gelegentlich ist es mir gelungen, Studenten- und andere Gruppen zu veranlassen, bestimmte Freunde zu übernehmen. Aber auch das hat seine Grenze. Also glaubt mir, dass das Ausbleiben von Paketen nicht böser Wille ist!

Viele von Euch haben mir geschrieben, dass sie sich auf mein Kommen in diesem Sommer freuen. Das war eine der beglückendsten Erfahrungen aus der Korrespondenz mit deutschen Freunden. Mir ging das Herz bei jedem einzelnen auf und ich versuchte, mit [sic!] das Wiedersehen auszumalen. Aber es ist nichts daraus geworden. Im April war es so weit, dass ich das Reisegeld von den Kirchen (mit einem kirchlichen Auftrag) bewilligt bekommen hatte. Dann kam die Regulation von den Behörden, die im Augenblick jede derartige „Mission“ unmöglich macht. Wann sich das ändern wird, weiss ich nicht. Man erwartet, im Herbst. Für mich würde das bedeuten, dass ich nicht vor Mai 1948 kommen könnte. Ich werde schon in den nächsten Wochen eine Schiffs-Reservation nehmen und alles, was möglich ist vorbereiten. Ich könnte dann bis Ende September bleiben. Aber es ist unsicher.

In einer Beziehung bin ich trotz aller Enttäuschung mit dem Gang der Dinge einverstanden: Er gibt mir eine ununterbrochene Zeit, von jetzt an bis nach Weihnachten an meiner „Systematischen Theologie“ zu schreiben, die wahrscheinlich in 2 Bänden bei der Chicago University Press herauskommen wird. Ich sitze seit Ende Mai telefonfrei in meinem Zimmer in East Hampton (Details anzeigen) und habe ausser etwas Gartenarbeit keine Verpflichtungen, die mich von der wissenschaftlichen Arbeit abhalten könnten. Auf einem selbstgezimmerten Bücherbord steht eine kleine Bibliothek, darin sämtliche Bände von Barth (Details anzeigen)'s „Dogmatik“, die jetzt zum ersten Mal hier verfügbar ist. Mir ist wie vor einer Fahrt ins Unbekannte, obgleich ein rührender Assistent von mir jedes Wort meines Kollegs über systematische Theologie mitgeschrieben und ausgetippt hat. Aber ich ahne Untiefen und Klippen hinter jedem meiner Leitsätze (die allein 200 Tippseiten ausmachen). Von September an werden Hannah (Details anzeigen) und René (Details anzeigen) mit mir hier sein; René (Details anzeigen) wird für das halbe Jahr in die hiesige, sehr gute Volksschule gehen. Erdmuthe (Details anzeigen) wird mit einer Freundin in unserer (sonst auch vermieteten) New Yorker Wohnung wohnen. Während des Sommers wird sie sich irgendwo Geld verdienen.

Die meisten Antworten auf meinen zweiten Rundbrief (Details anzeigen) haben bestritten, dass eine tiefe Kluft zwischen Euch und uns besteht.| Ich bin sehr froh über diese Feststellung, obgleich ich nicht ganz sicher bin, dass es so ist, und glaube, was einige geschrieben haben, dass man miteinander sprechen muss[,] um zu wissen, inwieweit man zusammen gehört! Inzwischen bleibt nichts übrig als durch Schreiben diesen oder jenen centralen Punkt zu klären. – Am wichtigsten war mir die Reaktion auf meine Frage nach der Möglichkeit eines „horizontalen“ (gestaltenden Denkens in der gegenwärtigen europäischen Situation. Fast durchweg wurde die reine Vertikale (Transcendenz) abgelehnt.1 Auch darüber bin ich sehr froh, und besonders, wenn von vielen Seiten auf unsere Arbeit in den Jahren vor Hitler (Details anzeigen) als wertvoll für die gegenwärtige Lage hingewiesen wurde. Mir war und ist das überraschend, und ich bin auch hier nicht so sicher wie diejenigen, die über Wiederdrucke unserer damaligen Schriften verhandeln. Aber das kann nur von Euch entschieden werden.

Die Frage ist, wie soll die „Horizontale“, das Gestaltungsziel, aussehen? Wie unsere alten Programme, die ja an einem Platz in der Welt, in England (Details anzeigen), wenigstens teilweise in die Praxis übersetzt werden?2 Aber ist so etwas auf dem Kontinent möglich? Ist es die erwünschte Diagonale zwischen den beiden grossen Kraft-Vektoren, die heute über das Schicksal der Welt bestimmen? Oder ist es ein ebenso idealistischer wie schwacher Versuch, der Alternative zu entgehen, die erst zur Entscheidung gebracht werden muss, ehe neue Entwicklungen möglich sind? Ich weiss, dass es für den Handelnden eine solche Betrachtung nicht gibt; er muss ja, wenn er sich nicht einer der beiden Alternativen verschreiben will, ständig „diagonal“ entscheiden. Und das gilt in bescheidenem Masse auch für uns hier. Aber ist nicht ein begleitendes Bewusstsein lebendig, dass die Geschichte, die die schöpferischen Keime nach dem Ersten Weltkrieg zertreten hat, es nach dem Zweiten noch viel mehr tun wird?

Solche Erwägungen würden, trotz ihres Realismus, nicht viel bedeuten, wenn nicht eine religiöse Wendung zur „Vertikalen“ ihr entgegenkäme. Meine ganze systematische Arbeit versucht auch jetzt, dieser Wendung entgegenzutreten. Aber wenn man etwas innerlich überwinden will, muss man ja innerlich auf es eingehen; und dann ist die Gefahr, dass man überwunden wird, statt zu überwinden, immer aktuell. Die Lektüre von Barth (Details anzeigen)'s Dogmatik bringt mir das natürlich besonders stark zum Bewusstsein. Aber es sind Wendungen der Stimmung auch hier im Lande zu beobachten. Die Möglichkeit eines physischen Endes der Welt-Geschichte hat doch aufweckend gewirkt und das „Ende“ im transcendenten Sinne vielen näher gebracht. Die alten fortschrittlichen Phraseologien ziehen nicht mehr, trotz aller Fortschritte und alles Wohlstandes und aller Macht. Gelegentlich taucht der Gedanke auf, dass in der horizontalen Linie nur eine Grösse sichtbar ist – – in absehbarer Zukunft – nämlich die Kirche (in ihrem religiösen und historischen Sinn). Ist dieser Gedanke eine Versuchung zur Resignation, in der Tatsache begründet, dass keine andere historische Gruppe (weder Nation, noch eine Klasse, noch eine Bewegung) als Träger einer schöpferischen Zukunft sichtbar ist? Oder ist der Gedanke einfache Wahrheit, wie er es unter dem Druck der weltgeschichtlichen Situation für die alte Kirche war? Aber wenn die Kirche, welche Kirche? Und kann die Kirche es auf irgendeine andere Weise tun, als dass sie sich mit den Gruppen in der alten Welt verbindet, die Toynbee (Details anzeigen) in seinem grossen weltgeschichtlichen Werk das „innere Proletariat“ nennt?3 So tat sie es in der alten in dem Untergang einer Civilisation. Ist sie fähig, es in der Gegenwart zu tun, oder ist sie zu sehr identifiziert mit der zum Untergang bestimmten Civilisation und den sie tragenden Gruppen? Auf diese Fragen suche ich nach einer Antwort. Sie beunruhigen mich aufs Tiefste, für hier wie für drüben.

In Freundschaft

Euer Paul Tillich (Details anzeigen)

An Harald (Details anzeigen) schreibt er u. a.: Ich muss dir gestehen, dass sich mein Pessimismus über den zwangsläufigen Charakter der gegenwärtigen Geschichte mit jeder meiner New York Times Lektüre vertieft. Vielleicht {seht ihr} der Aufmarsch der Westfront nicht in der Schärfe, in der wir ihn hier sehen (ich meine damit nicht Krieg, [sondern]| kosmische Schizophrenie, die sich durch die Seelejedes einzelnen zieht, der nicht naiv auf der ein oder anderen Seite steht ...


Fußnoten, Anmerkungen

2Tillich (Details anzeigen) bezieht sich hier vermutlich auf die Errichtung eines steuerfinanzierten Gesundheitssystems, das 1948 in England (Details anzeigen) entsprechend der Empfehlungen des Beveridge-Reports eingeführt wurde.
Vgl. hierzu auch den – von Tillich (Details anzeigen) maßgeblich mitverfassten – „Report of the Section on Church, Community and State in Relation to the Economic Order (Details anzeigen)“ von der Weltkirchenkonferenz 1937 in Oxford (Details anzeigen), in dessen Folge der MOOT-Kreis gegründet wurde (vgl. Friedrich L. Schumann (Details anzeigen): Paul Tillich und die Frankfurter Schule (Details anzeigen) (2025), S. 271–273).
3Tillich (Details anzeigen) bezieht sich hier auf das zwölfbändige Werk „A Study of History“ von Arnold J. Toynbee (Details anzeigen), das zwischen 1934–1961 bei der Oxford University Press erschienen ist. Der Begriff des „inneren Proletariats“ wird im fünften Band, The Disintegrations of Civilizations. Part One (Details anzeigen), behandelt.

Register

aNew York City
bTillich, Hannah
cTillich, René Johannes Stefan
dEast Hampton (NY)
eVereinigte Staaten von Amerika
fEast Hampton (NY)
gBarth, Karl
hTillich, Hannah
iTillich, René Johannes Stefan
jTillich, René Johannes Stefan
kFarris, Erdmuthe
lRundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Peter Wolfgang Kleinvom 2. Februar 1947; Rundbrief von Paul Tillich von Dezember 1946
mTillich, Paul
nTillich, Vertical and Horizontal Thinking, 1945
oHitler, Adolf
pEngland
qTillich, Paul
rEngland
sTillich, Paul
tOldham (Hg.), Report of the Section on Church, Community and State in Relation to the Eco..., 1937
uOxford
vSchumann, Friedrich Ludwig
wSchumann, Paul Tillich und die Frankfurter Schule, 2025
xBarth, Karl
yToynbee, Arnold J.
zTillich, Paul
aaToynbee, Arnold J.
abToynbee, The Disintegrations of Civilizations. Part One, 1939
acTillich, Paul
adPoelchau, Harald

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/122(57)
Erstpublikation
Paul Tillich: Ein Lebensbild in Dokumenten. Briefe, Tagebuch-Auszüge, Berichte . Erste Auflage. Frankfurt a. M. : De Gruyter (Evangelisches Verlagswerk), 1980, 303–305. ( Ergänzungs- und Nachlassbände zu den gesammelten Werken von Paul Tillich , V)
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Zusatz eigenhändig

Postweg
New York - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich von Dezember 1946
nächster Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Anneliese von September 1949

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an von Juni 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11537.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11537.html |titel=Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an von Juni 1947 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=06/1947 |abruf=???? }}
L11537.pdf
erwähnte Briefe