Der editierte Text

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Nachdem ich weiß, daß manche von Euch meinen Rundbrief über unser Ergehen in den letzten Jahren (Details anzeigen) erhalten haben, möchte ich, unter dem Eindruck des Jahresendes, versuchen, einiges über meine Gedanken niederzuschreiben und Euch zu senden.

Der tiefste Eindruck, den wir alle in den letzten Monaten hier erhalten haben, ist die Wiedereröffnung Europas (Details anzeigen) und die Wirklichkeit, die dadurch für uns sichtbar geworden ist. Es ist eine Wirklichkeit, die im Persönlichen oft gespensterhaft aussieht, weil sie uns in Perioden des Lebens zurückwirft, die alle Realität für uns verloren hatten. Entweder hatten wir sie, bis auf gelegentliche wehmütige Erinnerungen, verdrängt, als wir auswanderten (sonst hätten wir die Auswanderung nicht überstanden). Oder wir hatten die Verbindung mit fast allen verloren, die jene Zeiten für uns repräsentierten. Nun sind sie wieder da, und es ist psychologisch oft wie eine schwere, unterminierende Analyse, die wir durchmachen. Daher die zögernden Antworten von hier, die Angst, ins Leere zu reden, das Fehlen der Worte zu dem, was von drüben kommt. (Und diejenigen, denen die Worte leicht wurden, haben erfahren müssen, daß kein Widerhall kam oder daß sie abgelehnt wurden.) Ich bin langsam in allen Reaktionen, und es dauerte 1 ½ Jahre, ehe ich fühlte, daß sich irgend etwas Sagbares in mir entwickelt hat; und auch jetzt rede ich nur mit Furcht und Zittern. Dies Gefühl wurde verstärkt durch zwei Briefe.1 Der eine von ihnen berichtet von dem Eindruck, den mein Beitrag zu dem Buch „The Christian Answer“ (Details anzeigen),2 der in Deutsch in der „Auslese“ erschienen ist,3 auf eine Leserin gemacht hat: Ein Abgrund trenne uns, obgleich alles, was ich dort gesagt habe, richtig sei. Ich glaube, so ist es. Der andere Brief reagiert heftig gegen die Art, wie manche Emigranten ihr Hierbleibenwollen begründen. Anstatt klar zu sagen, daß sie Amerikaner geworden sind und es bleiben wollen, sie und ihre Familie, machen sie teils eine Metaphysik daraus, teils suchen sie in sentimentaler Weise nach Kompromissen. Ich stimme mit dem Schreiber auch dieses Briefes überein. Um so schwerer wird es dann freilich, selbst zu schreiben oder gar Entscheidungen zu treffen.

Europa (Details anzeigen) sieht von hier aus wie der Titel eines Buches, das ich zu Weihnachten bekommen habe: „Kaputt“.4 Es ist so Ungeheures, Grauenvolles, Satanisches geschehen, das Gesicht des geliebten Erdteils und aller seiner Teile hat sich so geändert, daß meine Vorstellungskraft| einfach nicht mehr zurückfindet. Ich habe auch nicht bemerkt, daß das bei denen anders ist, die drüben waren und das gleiche Entsetzen von dort mitbrachten, das unsre durch 1000 Berichte genährte Einbildungskraft ständig in uns hervorruft. Es ist nicht etwas Bestimmtes, der Hunger, die Armut, die Ruinen, die Ideen, die Blutschuld, das Dunkel der Zukunft. Es ist etwas von alledem. Und dies Entsetzen verläßt uns seit Kriegsende nicht. Es wird gemildert durch die tapferen und oft sogar humoristischen Briefe, die wir erhalten, durch die Berichte über ein erstaunliches reiches geistiges Leben, durch Artikel, Manuskripte und Briefe, die von einer Tiefe des Erlebens zeugen, deren sich niemand hier rühmen kann. Aber auf dem Grunde von all dem fühlen wir eine Verzweiflung, die ansteckend wirkt, weil wir uns ja nicht völlig von der Gemeinsamkeit der Schuld und des Unglücks loslösen können. Ich weiß, daß viele von Euch die Situation religiös bewältigt haben, oft in Formen, die uns nicht nur als ein Gewinn, sondern auch als ein Verlust erscheinen lassen (z. B. Orthodoxie oder rein jenseitige End-Erwartungen ...

Ich bin sehr froh über diese Feststellung, obgleich ich nicht ganz sicher bin, daß es so ist, und glaube, was einige geschrieben haben, daß man miteinander sprechen muß, um zu wissen, inwieweit man zusammen gehört! Inzwischen bleibt nichts übrig, als durch Schreiben diesen oder jenen zentralen Punkt zu klären. Am wichtigsten war mir die Reaktion auf meine Frage nach der Möglichkeit eines horizontalen (gestaltenden) Denkens in der gegenwärtigen europäischen Situation. Fast durchweg wurde die reine Vertikale (Transzendenz) abgelehnt. Auch darüber bin ich sehr froh, und besonders, wenn von vielen Seiten auf unsere Arbeit in den Jahren vor Hitler (Details anzeigen) als wertvoll für die gegenwärtige Lage hingewiesen wurde. Mir war und ist das überraschend, und ich bin auch hier nicht so sicher wie diejenigen, die über Wiederdrucke unserer damaligen Schriften verhandeln. Aber das kann nur von Euch entschieden werden.

Die Frage ist, wie soll die „Horizontale“, das Gestaltungsziel, aussehen? Wie unsere alten Programme, die ja an einem Platz in der Welt, in England (Details anzeigen), wenigstens teilweise in die Praxis übersetzt werden? Aber ist so etwas auf dem Kontinent möglich? Ist es die erwünschte Diagonale zwischen den beiden großen Kraft-Vektoren, die heute über das Schicksal der Welt bestimmen? Oder ist es ein ebenso idealistischer wie schwacher Versuch, der Alternative zu entgehen, die erst zur Entscheidung gebracht werden muß, ehe neue Entwicklungen möglich sind? Ich weiß, daß es für den Handelnden eine solche Betrachtung nicht gibt; er muß ja, wenn er sich nicht einer der beiden| Alternativen verschreiben will, ständig „diagonal“ entscheiden. Und das gilt in bescheidenem Maße auch für uns hier. Aber ist nicht ein begleitendes Bewußtsein lebendig, daß die Geschichte, die die schöpferischen Keime nach dem Ersten Weltkrieg zertreten hat, es nach dem Zweiten noch viel mehr tun wird?

Solche Erwägungen würden, trotz ihres Realismus, nicht viel bedeuten, wenn nicht eine religiöse Wendung zur „Vertikalen“ ihr entgegenkäme. Meine ganze systematische Arbeit versucht auch jetzt, dieser Wendung entgegenzutreten. Aber wenn man etwas innerlich überwinden will, muß man ja innerlich auf es eingehen; und dann ist die Gefahr, daß man überwunden wird, statt zu überwinden, immer aktuell. Die Lektüre von Barths (Details anzeigen) Dogmatik bringt mir das natürlich besonders stark zum Bewußtsein.5 Aber es sind Wendungen der Stimmung auch hier im Lande zu beobachten. Die Möglichkeit eines physischen Endes der Welt-Geschichte hat doch aufweckend gewirkt und das „Ende“ im transzendenten Sinne vielen näher gebracht. Die alten fortschrittlichen Phraseologien ziehen nicht mehr, trotz aller Fortschritte und alles Wohlstandes und aller Macht. Gelegentlich taucht der Gedanke auf, daß in der horizontalen Linie nur eine Größe sichtbar ist – in absehbarer Zukunft – nämlich die Kirche (in ihrem religiösen und historischen Sinn). Ist dieser Gedanke eine Versuchung zur Resignation, in der Tatsache begründet, daß keine andere historische Gruppe (weder Nation, noch eine Klasse, noch eine Bewegung) als Träger einer schöpferischen Zukunft sichtbar ist? Oder ist der Gedanke einfache Wahrheit, wie er es unter dem Druck der weltgeschichtlichen Situation für die alte Kirche war? Aber wenn die Kirche, welche Kirche? Und kann die Kirche es auf irgendeine andere Weise tun, als daß sie sich mit den Gruppen in der alten Welt verbindet, die Toynbee (Details anzeigen) in seinem großen weltgeschichtlichen Werk das „innere Proletariat“ nennt?6 So tat sie es in der alten in dem Untergang einer Zivilisation. Ist sie fähig, es in der Gegenwart zu tun, oder ist sie zu sehr identifiziert mit der zum Untergang bestimmten Zivilisation und den sie tragenden Gruppen? Auf diese Fragen suche ich nach einer Antwort. Sie beunruhigen mich aufs Tiefste, für hier wie für drüben.

In Freundschaft

Euer Paul Tillich (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Liegen nicht vor.
2Gemeint ist der Artikel: Tillich, Paul (Details anzeigen): „The World Situation“. Auch enthalten in: Main Works/Hauptwerke II (Details anzeigen), 165–194.
3 Tillich, Paul (Details anzeigen): „Christentum, Wirtschaft und Demokratie“ (Details anzeigen), in: Neue Auslese aus dem Schrifttum der Gegenwart, 1 (7), 2–6.
5Gemeint ist hier vermutlich Teilband 3,1, Die Lehre von der Schöpfung (Details anzeigen), der 1945 erschienen ist. Möglich wären jedoch auch die Teilbände 2,1 und 2,2, Die Lehre von Gott (Details anzeigen) (Details anzeigen), die 1940 resp. 1942 erschienen sind.
6Tillich (Details anzeigen) bezieht sich hier auf das zwölfbändige Werk „A Study of History“ von Arnold J. Toynbee (Details anzeigen), das zwischen 1934–1961 bei der Oxford University Press erschienen ist. Der Begriff des „inneren Proletariats“ wird im fünften Band, The Disintegrations of Civilizations. Part One (Details anzeigen), behandelt.

Register

aRundbrief von Paul Tillich vom 12. Oktober 1946
bEuropa
cVan Dusen (Hg.), The Christian Answer, 1946
dTillich, Paul
eTillich, Vol 2/ Bd 2. Writings in the Philosophy of Culture/ Kulturphilosophische Sc..., 1990
fTillich, Paul
gTillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946
hEuropa
iMalaparte, Curzio
jMalaparte, Kaputt, 1946
kHitler, Adolf
lEngland
mBarth, Karl
nBarth, Die Kirchliche Dogmatik. 3. Band, Die Lehre von der Schöpfung, 1. Teil, 1945
oBarth, Die Kirchliche Dogmatik. 2. Band, Die Lehre von Gott, 1. Halbband, 1940
pBarth, Die Kirchliche Dogmatik. 2. Band, Die Lehre von Gott, 2. Halbband, 1942
qToynbee, Arnold J.
rTillich, Paul
sToynbee, Arnold J.
tToynbee, The Disintegrations of Civilizations. Part One, 1939
uTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Erstpublikation
Paul Tillich: Ein Lebensbild in Dokumenten. Briefe, Tagebuch-Auszüge, Berichte . Erste Auflage. Frankfurt a. M. : De Gruyter (Evangelisches Verlagswerk), 1980, 303–305. ( Ergänzungs- und Nachlassbände zu den gesammelten Werken von Paul Tillich , V)
Typ

Brief, als Abschrift überliefert

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Margaret Stern vom 29. Dezember 1945
nächster Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an von Juni 1947

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich von Dezember 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10892.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10892.html |titel=Rundbrief von Paul Tillich von Dezember 1946 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum= |abruf=???? }}
L10892.pdf
erwähnte Briefe