Der editierte Text

|
September, 1949

Liebe Freunde:

Wenn ich nicht schreibe werde ich beschimpft, dass ich keinen Rundbrief schreibe. Wenn ich einen Rundbrief schreibe, werde ich beschimpft, dass ich keine privaten Briefe schreibe, und wenn ich private Briefe schreibe werde ich beschimpft, dass meine Systematische Theologie nicht fertig wird. Ich ertrage diese Beschimpfungen gern, da ich weiss, dass sie aus Freundschaft und Liebe kommen, aber ich weiss keine Lösung, und das macht mich oft verzweifelt, manchmal mehr als solch ein Anlass zu rechtfertigen scheint. Dieser Rundbrief ist eine der drei falschen Möglichkeiten, denen gegenüber es keine richtige gibt.

Seit ich im September 1948 hierher zurückkam, hat mich das Leben in einer Weise gepackt wie kaum je zuvor. Ich habe noch nie so viele Vorlesungen und Vorträge gehalten wie im letzten Winter und Frühling. Dann kam der Sommerkurs in New York (Details anzeigen) mit einer alten und einer neuen Vorlesung (über „Geschichte der Protestantischen Theologie seit der Aufklärung“) 6 Wochen, 10 Stunden wöchentlich (eine Woche lang 15) bei tropischer Hitze, Tag für Tag. Von Mitte August an eine Mischung von Ruhe und wissenschaftlicher Arbeit in meinem Häuschen in East Hampton (Details anzeigen), Long Island (Details anzeigen), New York (Details anzeigen), am Atlantischen Ozean. In den nächsten Tagen Rückkehr nach New York (Details anzeigen) mit allem, was das bedeutet. Viele menschliche Probleme nehmen Zeit und Kraft neben all den andern Dingen, und das Problem des Geldverdienens für ein grosses Haus, den Alterssitz in East Hampton (Details anzeigen), Kinder in unvermeidlichen Private Schools und an der Universität, Altersversicherung anstelle der deutschen Pension fügt ein Element der Sorge zu allem andern.

Die wissenschaftliche Arbeit ist in den letzten Wochen gut gegangen. Im letzten Sommer in Deutschland (Details anzeigen) sagte ich oft, dass das Englische meine Sprache vereinfacht und geklärt habe. Und nun hat es sich ereignet, dass aus der Vereinfachung, die sich in Deutschland (Details anzeigen) zeigte, rückwirkend eine Vereinfachung meines Englisch hier erwuchs: Ein „circulus benignus.“

Einige von Euch haben gelesen, dass mein Name auf einer schwarzen Liste der Armee als „unanstellbar für Deutschland (Details anzeigen)“ stände. Die Tatsache ist richtig, aber sie bedeutet nichts. Es ist eine Liste, die im Jahr 1945 von ängstlichen Offizieren aufgemacht ist, und die, als sie bekannt wurde (mit manchen politisch wichtigen Namen) von President Truman (Details anzeigen) ärgerlich verboten wurde. Bedeutung hatte sie schon längst nicht mehr, wie meine Reise nach Deutschland (Details anzeigen) mit Unterstützung der Armee beweist. Anlass war wohl der „Council for a Democratic Germany“ dessen Vorsitzender ich war, und der im Krieg entweder als zu deutsch-national oder als zu kommunistisch angegriffen wurde. Beides war natürlich Unsinn, aber wir konnten nichts dagegen tun. Heute versucht das State Department ungefähr alle unsere damaligen Forderungen durchzudrücken – zu spät. Vielleicht würden unsere damals veröffentlichten Erklärungen heute ein nicht unerhebliches Interesse haben. Der Council löste sich auf nach der Potsdamer Deklaration, etwas früher, als die Amerikanisch-Russische Zusammenarbeit, aber aus ähnlichen Gründen.

Wir verfolgen hier die deutsche politische Entwicklung mit grossem Interesse und fast durchweg tiefem Pessimismus. Die Analogien mit 1919–29 erschrecken jeden, der damals bewusst gelebt hat. Wir wissen, dass es eine Jugend gibt, die mindestens so gut ist wie die 1919. Aber wir haben erlebt, dass sie in den 10 darauffolgenden Jahren bis auf kleine Gruppen ins nationalistisch-faszistische [sic!] Lager herübergezogen| wurde. Und diese Gefahr besteht heute infolge der Ost-West-Spannung mindestens so wie damals. Wir wissen, dass aus der gleichen Ursache viele wichtige Positionen wieder von Leuten besetzt sind, deren historische Schuld es ist, dass sie die Nazis zur Macht brachten; und wir wissen, dass dafür die Deutschen keineswegs allein verantwortlich sind, was die Sache nur noch tragischer macht. Wir wissen, dass es in Deutschland (Details anzeigen) heute Persönlichkeiten von höchster sittlich-religiöser Reife gibt – aber es gab sie auch zwischen den Kriegen, und sie sind zertreten worden. Wir hören mehr und mehr von neuen geistigen Ansätzen oder ausgezeichneter Fortführung alter Ansätze. Aber was für eine überwältigende Fülle gab es in der Zeit der Republik, und sie wurden zum Verdorren gebracht! Sind die Chancen jetzt besser? Das ist unsere ständige Frage.

Ich bin willens einer Einladung der Freien Universität Berlin (Details anzeigen) zu folgen und nächsten Sommer von Mitte Mai bis Ende August in Deutschland (Details anzeigen) zu sein, falls die äusseren Bedingungen es erlauben. Ich habe Sehnsucht Euch alle wiederzusehen nach dem grossen, ersten Wiedersehen vom vorigen Jahr.

Hannah (Details anzeigen) und den Kindern (Details anzeigen) geht es gut. Die Frankfurter Hefte haben einige deutsche Gedichte von Hannah (Details anzeigen) angenommen. Erdmuthe (Details anzeigen) studiert „Dramatics“ an Columbia University und will im Winter oder Frühling ihren „Master of Arts“ machen. Sie kann dann dramatische Lehrerin an High Schools oder Colleges werden, Literatur des Dramas unterrichten und Aufführungen leiten, auch selber spielen. René (Details anzeigen) fängt in diesen Tagen seine 4 Jahre High School in Exeter (Details anzeigen), New Hampshire (Details anzeigen) an. Es ist ein grosses Privileg, dass er dort eine teilweise Freistelle bekommen hat. Exeter (Details anzeigen) ist eine der berühmtesten Boarding-Schools im Lande; aber die Lats für uns ist nicht klein und der Abschied von ihm war nicht leicht.

Es werden jetzt verschiedene meiner englischen Arbeiten ins Deutsche übersetzt. Leider bin ich in dieser Beziehung nicht sehr hilfreich. Abgesehen von dem Zeitmangel wird es mir schwer, mich auf meine alten Sachen zu konzentrieren. Selbst wenn ich sie nicht schlecht finde, sind sie für mich wie ein Fremdkörper, ein Ding für sich selbst, nicht mehr ein Teil meines Lebens. Zu August Rathmann (Details anzeigen), dem Verwalter dieser Dinge und den andern, die dafür interessiert sind oder daran mitarbeiten kann ich nur sagen: „Habt Geduld mit mir, ich will Euch alles bezahlen.“ Und um viel Geduld muss ich Euch alle bitten. Es ist schwer, zwischen zwei Welten zu leben „Auf der Grenze“ wie ich meine Autobiographie überschrieben habe.1

In der Hoffnung auf Wiedersehen,

Euer Paul
Paul Tillich (Details anzeigen)

Liebste Anneliese! Bald schreibe ich persönlich. Versuche Drucksachen zu senden, musslungen. Bitte schreib einmal!


Register

aNew York City
bEast Hampton (NY)
cLong Island
dNew York, USA
eNew York City
fEast Hampton (NY)
gDeutschland
hDeutschland
iDeutschland
jTruman, Harry S.
kDeutschland
lDeutschland
mBerlin
nDeutschland
oTillich, Hannah
pFarris, Erdmuthe; Tillich, René Johannes Stefan
qTillich, Hannah
rFarris, Erdmuthe
sTillich, René Johannes Stefan
tExeter, New Hampshire
uNew Hampshire, USA
vExeter, New Hampshire
wRathmann, August
xTillich, Paul
yTillich, On the Boundary. An Autobiographical Sketch, 1936
zTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Zusatz und Unterschrift eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an von Juni 1947
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Church World Service von 24. Januar 1950

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Anneliese von September 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11297.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11297.html |titel=Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Anneliese von September 1949 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=09.1949 |abruf=???? }}
L11297.pdf