Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Peter Wolfgang Kleinvom 2. Februar 1947

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Der editierte Text

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Lieber Peter (Details anzeigen)!

Nachdem ich weiß, daß manche von Euch meinen Rundbrief über unser Ergehen in den letzten Jahren (Details anzeigen) erhalten haben, möchte ich, unter dem Eindruck des Jahresendes, versuchen, einiges über meine Gedanken niederzuschreiben und Euch zu senden.

Der tiefste Eindruck, den wir alle in den letzten Monaten hier erhalten haben, ist die Wiedereröffnung Europas (Details anzeigen) und die Wirklichkeit, die dadurch für uns sichtbar geworden ist. Es ist eine Wirklichkeit, die im Persönlichen oft gespensterhaft aussieht, weil sie uns in Perioden des Lebens zurückwirft, die alle Realität für uns verloren hatten. Entweder hatten wir sie, bis auf gelegentliche wehmütige Erinnerungen, verdrängt, als wir auswanderten (sonst hätten wir die Auswanderung nicht überstanden). Oder wir hatten die Verbindung mit fast allen verloren, die jene Zeiten für uns repräsentierten. Nun sind sie wieder da, und es ist psychologisch oft wie eine schwere, unterminierende Analyse, die wir durchmachen. Daher die zögernden Antworten von hier, die Angst, ins Leere zu reden, das Fehlen der Worte zu dem, was von drüben kommt. (Und diejenigen, denen die Worte leicht wurden, haben erfahren müssen, daß kein Widerhall kam oder daß sie abgelehnt wurden.) Ich bin langsam in allen Reaktionen, und es dauerte 1 ½ Jahre, ehe ich fühlte, daß sich irgend etwas Sagbares in mir entwickelt hat; und auch jetzt rede ich nur mit Furcht und Zittern. Dies Gefühl wurde verstärkt durch zwei Briefe.1 Der eine von ihnen berichtet von dem Eindruck, den mein Beitrag zu dem Buch „The Christian Answer“ (Details anzeigen),2 der in Deutsch in der „Auslese“ erschienen ist,3 auf eine Leserin gemacht hat: Ein Abgrund trenne uns, obgleich alles, was ich dort gesagt habe, richtig sei. Ich glaube, so ist es. Der andere Brief reagiert heftig gegen die Art, wie manche Emigranten ihr Hierbleibenwollen begründen. Anstatt klar zu sagen, daß sie Amerikaner geworden sind und es bleiben wollen, sie und ihre Familie, machen sie teils eine Metaphysik daraus, teils suchen sie in sentimentaler Weise nach Kompromissen. Ich stimme mit dem Schreiber auch dieses Briefes überein. Um so schwerer wird es dann freilich, selbst zu schreiben oder gar Entscheidungen zu treffen.

Europa (Details anzeigen) sieht von hier aus wie der Titel eines Buches, das ich zu Weihnachten bekommen habe: „Kaputt“.4 Es ist so Ungeheures, Grauenvolles, Satanisches geschehen, das Gesicht des geliebten Erdteils und aller seiner Teile hat sich so geändert, daß meine Vorstellungskraft einfach nicht mehr zurückfindet. Ich habe auch nicht bemerkt, daß das bei denen anders ist, die drüben waren und das gleiche Entsetzen von dort mitbrachten, das unsre durch 1000 Berichte genährte Einbildungskraft ständig in uns hervorruft. Es ist nicht etwas Bestimmtes, der Hunger, die Armut, die Ruinen, die Ideen, die Blutschuld, das Dunkel der Zukunft. Es ist etwas von alledem. Und dies Entsetzen verläßt uns seit Kriegsende nicht. Es wird gemildert durch die tapferen und oft sogar humoristischen Briefe, die wir erhalten, durch die Berichte über ein erstaunliches reiches geistiges Leben, durch Artikel, Manuskripte und Briefe, die von einer Tiefe des Erlebens zeugen, deren sich niemand hier rühmen kann. Aber auf dem Grunde von all dem fühlen wir eine Verzweiflung, die ansteckend wirkt, weil wir uns ja nicht völlig von der Gemeinsamkeit der Schuld und des Unglücks loslösen können. Ich weiß, daß viele von Euch die Situation religiös bewältigt haben, oft in Formen, die uns nicht nur als ein Gewinn, sondern auch als ein Verlust erscheinen lassen (z. B. Orthodoxie oder rein jenseitige End-Erwartungen.|

Und doch ist diese „vertikale“ Linie heute vielleicht die einzige, in der die wenigen, die nicht bitter oder stumpf geworden sind, einen Lebenssinn finden können. Aber bedeutet das nicht den Verzicht auf jede Gestaltung, das einfache Waltenlassen der Zwangsläufigkeiten, die aus dem gegenwärtigen Moment das Gegenteil eines Kairos machen? Wir hören hier, dass Menschen, die all dies sehen heute, wie vor 25 Jahren, sich als Fremdlinge fühlen und dass, wie vor 25 Jahren schon wieder die gleichen Kräfte am Werk sind, die das Unheil heraufbeschworen haben. Wir wissen wie viel dazu jene welthistorischen Zwangsläufigkeiten beitragen, gegen die zu kämpfen sinnlos erscheint. Und doch kann das nicht die letzte Antwort sein, nicht einmal jetzt.

Was ich in diesem Briefe sagen will, ist nur, dass wir nach einer Antwort suchen, nicht für Euch – das wäre arrogant und ist unmöglich – – aber für eine Begegnung von Euch und uns, in der wir uns verstehen und einander etwas geben können.

Dank für Deinen Brief5 und alles was er ergänzend zu dem bringt, was ich schon von Maria (Details anzeigen) gehört habe! An Dox (Details anzeigen) habe ich gleich geschrieben. Ich habe inzwischen ein kleines Haus mit grossem Grundstück nahe dem Meer gekauft und muss meine alten {Umgrabetugenden} mehr als je in die Tat umsetzen. Dass Du schon 47 Jahre alt bist! Antworte auf die Frage, die in diesem Brief enthalten ist!


Fußnoten, Anmerkungen

1Liegen nicht vor.
2Gemeint ist der Artikel: Tillich, Paul (Details anzeigen): „The World Situation“. Auch enthalten in: Main Works/Hauptwerke II (Details anzeigen), 165–194.
3 Tillich, Paul (Details anzeigen): „Christentum, Wirtschaft und Demokratie (Details anzeigen)“, in: Neue Auslese aus dem Schrifttum der Gegenwart, 1 (7), 2–6.
5Liegt nicht vor.

Register

aNew York City
bNew York, USA
cKlein, Peter Wolfgang
dRundbrief von Paul Tillich vom 12. Oktober 1946
eEuropa
fVan Dusen (Hg.), The Christian Answer, 1946
gTillich, Paul
hTillich, Vol 2/ Bd 2. Writings in the Philosophy of Culture/ Kulturphilosophische Sc..., 1990
iTillich, Paul
jTillich, Christentum Wirtschaft und Demokratie, 1946
kEuropa
lMalaparte, Curzio
mMalaparte, Kaputt, 1946
nTillich, Paul
oTillich, Paul
pRhine, Maria
qWegener, Carl Richard

Überlieferung

Signatur
Typ

Brief, maschinenschriftlich; Zusatz und Unterschrift eigenhändig

Postweg
New York - Berlin-Staaken

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Peter Wolfgang Kleinvom 2. Februar 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11041.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11041.html |titel=Rundbrief von Paul Tillich mit Zusatz an Peter Wolfgang Kleinvom 2. Februar 1947 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=02.02.1947 |abruf=???? }}
L11041.pdf
erwähnte Briefe