Der editierte Text

| |:2.Juli 35?:|1

Lieber Herr Tillich (Details anzeigen),

Beim Wiederlesen finde ich eine Anzahl von Punkten, die zu weiterer Ausführung einladen. Sowohl die methodologischen Fragen drängen zur Klärung. Nämlich: Muss das Denken erlöst werden, bevor die Welt erlöst werden kann, oder kann die Welt erlöst werden, trotzdem „unkairisches“ (schreckliches Wort, aber es ist kurz) Denken, nämlich Philosophie noch existiert und sogar und gerade von den Christen (Barth (Details anzeigen) !!!) nicht perhorresziert wird. Unkairisches Denken ist = Philosophie! Das Wesen der Philosophie von Thales (Details anzeigen) bis Plotin (Details anzeigen) und von Descartes (Details anzeigen) bis Hegel (Details anzeigen) - oder Heidegger (Details anzeigen) und Scheler (Details anzeigen) ist ihre akairosis. Deshalb war es nicht nur ein Bonmot2, dass ich Ihre Theologie für Sie als jetzt konstitutiver denn vorher empfinde. Von 1918 bis 1938 schien es denkbar, dass Deutschland (Details anzeigen) kairotisch zu denken lernen werde, ich meine als Volk. Mit 1933 ist das (– zunächst !) wieder verbaut. Heidegger (Details anzeigen) hat gesiegt, indem er noch einmal das Thalessche und Parmenidessche Sein über den Kairos hat triumphieren machen, aber er hat es immerhin nur mit einem Betrug– dass er scheinbar doch auch von der Zeit spricht tun können. Immerhin, Deutschland (Details anzeigen) hat das Joch seiner Endzeitexistenz noch einmal abgeschüttelt, und denkt nochmals neuzeitlich– räumlich. Damit fällt jener Rahmen fort, der Ihnen gestattete, sich als Philosoph missverstanden sehn zu lassen. Jetzt müssen Sie mittels des Titels Theologia jene Berichtigung anbringen, die in einem kairotisch werdenden. Volksleben weniger wichtig schien als der Verzicht auf das Unrecht des Theologieprivilegs. Es gibt eben beides: ein falsches Privileg der Theologen und ein falsches der Philosophen, und nach 1918 schien es wesentlicher auf das des Theologen zu verzichten, und das des Philosophen zu ertragen. Aber können Sie das jetzt noch?|

Weil Ihr natürlicher Denkstil griechisch ist, müssen Sie sich nunmehr wieder von Ihrer Natur vermutlich distanzieren und das |:":|Wir|:":|, das uns allen des Volk im Interregnum |:des Unglücks:| zur Verfügung stellte, durch Das Wir der Theologie ablösen. Ich hingegen war 1918 verzweifelt und habe nie ganz an die Bekehrung des Volks als Volk |:vielmehr an einen unvermeidlichen:| offenen Ausbruch des Wahnsinns glauben wollen. geglaubt– den ich allerdings für ebenso unvermeidlich wie temporär halte. Das Paradox ist eben die Unvermeidlichkeit des Irrwegs. Deshalb habe ich es nie ganz fertig gebracht|:unterlassen können,:| durch Theologie Missverständnisse zwischen Gottes Volk und deutschem Volk hintanzuhalten. Ich aber werde nunmehr ganz in die Philosophie geworfen, um in ihr selber jene Umdenkung anzubahnen, durch die das scheinbar zeitlose Denken über die Welt zu einem Unterfall des kairotischen Denkens wird. Philosophie kann zeitlos anmuten, weil und insofern auch 2 + 2 = 4 als zeitlos erscheint. In Wahrheit ist |:in 2 x 2 = 4:| die Zeit nur langsamer, und daher vernachlässigbar, aber ein sterblicher Satz ist es doch, und eben diese Fragen behandle ich gerade in der „Human trinity“, meinem Anticomte (Details anzeigen) und Antimarx (Details anzeigen). Aber wenn ich das richtig spüre, so liegt also doch zwischen uns eine gewisse Abtauschung vor. Ich will Sie damit nicht in irgend ein Schema pressen, mir liegt es auch fern, Ihnen von mir aus irgend etwas aufzudrängen. Sondern es scheint mir einfach so zu geschehen, ob wir wollen oder nicht, da das was wir mit uns angefangen haben, uns nun nach dem Wort des Johannes (Details anzeigen) ev. zwingt, dorthin zu gehen, wo wir nicht wollen.

Damit bin ich endlich bei dem „als auch“ des „sowohl“, mit dem dieser Brief begann. In den sozialen Fragen habe ich wenig zu sagen. Die deutschen Arbeiter haben von 1914 bis 1923 den Mittelstand – die Arbeiter im Bunde mit den Unternehmern natürlich !– ausgebeutet und die Kapitalisten exploitiert. Dafür sind sie nun kampfunfähig.|

Da Marx (Details anzeigen) vom Menschen nicht viel wusste und noch weniger von der Offenbarung, so hat er zwei geschichtliche Phasen in eins gezogen, die Diktatur stufe des sterbenden Einzelstaates und die Ansätze zu einer Weltökonomie, jener Una Sancta3, die eben kein Hauptwort Ecclesia mehr in ihrem Namen hat, sondern anonym bleiben muss, um zur Welt kommen zu können. Die neuen Stämme sind Hinweise – dialektische Hinweise auf diese Una Sancta. Staaten sind für die Una sancta dereinst untragbar. Die Oekumenische Oekonomie hat als Gegenspieler die Zahllosigkeit der Stämme. Die Stämme sind die zulässige Form des Polytheismus der Endzeit. Bolschewismus ist Vorsprung, Vor– sprung aus dem Staat heraus, wie Hussitismus4 Vor– springen aus der Kirche im 15. Jahrhundert war. Luther (Details anzeigen) war kein Huss! Da sieht man gut, wie wenig es auf die Worte, Lehren, Theoreme ankommt. Hussitisches Lehrgut macht Luther (Details anzeigen) noch nicht zum Hussiten. Luther (Details anzeigen) gelang es, den Absturz des Staats in reinen Machiavellismus, der schon drohend da war! aufzufangen und abzuwehren. Luthers (Details anzeigen) Tat ist die des Auffängers einer bereits |:":|vis consilii expers|:":| gewordenen staatlichen „Eigengesetzlichkeit“. Luther (Details anzeigen) kam, nachdem ein Papst selber den Satz geschrieben: Nobis persuasum est, ermis regna accuiri, non legibus ! (Pius II. (Details anzeigen)) Da kam Luther (Details anzeigen) im Kairos des letzten Augenblicks, und gehört deshalb in die Staatslehre als der, der dreihundert Jahre lang sowohl Machiavelli (Details anzeigen) wie Bodin (Details anzeigen) nicht zu absoluter Herrschaft hat kommen lassen.

Wir nun sind |:wieder:| in Nikolaus von Cusas (Details anzeigen) Zeiten, |:freilich gegen den Staat statt gegen den Papst:| gegen den Staat und doch auf den liberalen Staat |:(Amerika (Details anzeigen)!):| gegenüber dem machiavellistischen Stamm |:(Hitler (Details anzeigen)!):| angewiesen. Hitler (Details anzeigen) nimmt den Stamm vorweg in ungereinigter Weise, wie Cesare Borgia (Details anzeigen) den Staat vorwegnahm, auch ungereinigt, eben vor Luther (Details anzeigen). Der Principe (Details anzeigen) ist zwei Jahre vor den 95 Thesen (Details anzeigen) geschrieben! An diesem| Verhältnis sieht man, was es mit der sogenannten Evolution auf sich hat, die ein Nacheinander allenthalben als ein weiter missversteht. So, à la Machiavell (Details anzeigen), wäre es weiter gegangen– in der Türkei (Details anzeigen) wurde denn auch 1520 das Abmurksen aller Prinzen des Sul[t]anshauses als Staatsräson eingeführt– das ist nur die Logik ungetaufter Staatlichkeit– wenn nicht Luther (Details anzeigen) gekommen wäre, und mit der Invisibilis einen Ausweg ermöglicht hätte. Auch dann hat es Don Carlos (Details anzeigen) und die Spannung König-Kron-prinz geben müssen (Friedrich II (Details anzeigen) und Katte (Details anzeigen) !). Aber die türkische Praxis blieb Europa (Details anzeigen) durch den Glauben, der ein Verhältnis zwischen den Generationen von Fürst und Nachfolger ermöglichte, erspart. Die vierjährige Wahl des Präsidenten in Amerika (Details anzeigen) ist eine letzte Tat des Protestantismus!|:Mohammed (Details anzeigen) wird nicht reproduziert. Der Glaube an den {Geistus} der Wohlakte ist Reproduktions Kräftig!:|

Für die heraufziehende, unstaatliche Gesellschaftsordnung ist es noch zu früh. Es fehlen die Humanisten, die zu Evangelischen bekehrt werden könnten! (Das Erasmus (Details anzeigen)Luther (Details anzeigen) Problem ist ja nicht, dass Erasmus (Details anzeigen) nicht mitmachte, sondern dass die Jugend dem Erasmus (Details anzeigen) davonlief und zu Luther (Details anzeigen) überlief. Damit das geschehen konnte, musste natürlich Erasmus (Details anzeigen) selber unbewegt stehen bleiben.) Heut fehlen die unstaatlichen Menschen. Wir werden – in Europa (Details anzeigen)– alle aus Staatskassen bezahlt, und wenn es Pensionen sind! Deswegen sehe ich mit Grauen, wie die deutsche Emigration hier die Brain– Truster in Washington (Details anzeigen) unterstützt; Das verhindert – durch Staatskapitalismus– noch einmal den ökumenischen, un–staatlichen Durchbruch auf funfzig Jahre mindestens. Denn in Amerika (Details anzeigen) ist die Politik das Reich des Schwachsinns und der Bestechung, im Business steckt aller Geist, den dieses Land aufzuweisen hat. Aus blosser schlechter Deutscher Beamtenstaatsdenkdmanier wird nun hier alles gefördert, was das Government tut, das doch eben gar nicht Staat ist, statt Reformen nur mit |:den:| Business |:Leuten:| zu machen. Die Trade Unions sind doch nicht nur eben so steril| wie die europäischen, sondern ausserdem auch noch korrupt. Sie haben als also nicht einmal die Honnêteté5 als Basis für Politik, und blosse Ehrlichkeit reicht gewiss nicht aus für ein politisches Wirken. Die New School for Social Research bringt es also vielleicht fertig, auch noch Amerika (Details anzeigen) mit den Segnungen von Staatskapitalismus und Staatssozialismus bekannt zu machen. Aber heilsgeschichtlich bedeutet das noch eine weitere Versteifung und Verlangsamung der schliesslichen Lösung. Diese Zwischenverlangsamung mag unvermeidlich sein. Ich säe aber meine Gedanken in eine Welt zwei Generationen von hier, und das erklärt Ihnen meine derzeitige relative Unzeitgemässheit. Als „Nicht für sofortigen Gebrauch“ wird eben auch Philosophie sinnvoll. Denn 1. hat sie dadurch einmal später ihren vollen Erdentag, und |:2.:| inzwischen kann sie in kleinen Dosen als Schutzimpfung gegen zu viel Aktualität zahllose überhetzte und ungeduldige Seelen darüber trösten, dass es noch immer Grund zu eschatologischer Hoffnung gibt, trotzdem die, die die Eschatologie im Munde führen, sie gerade praktisch zu verhindern sich bemühen.

Also sowohl formal – methodisch wie material– inhaltlich sehe ich uns bedingt durch dieselben Umstände das Gegenteil kraft unserer entgegensetzten Anlage ausbilden, ohne dass ich zu sagen wuesste, wie es anders sein könnte oder sollte. Mir würde es aber viel bedeuten, wenn Sie sagen könnten, dass wir eben beide den selben Dualismus in „Erlösung des Denkens und der Welt“ mit umgekehrten Kräftespiel zu vertreten zu haben scheinen.


Fußnoten, Anmerkungen

1Diese Beifügung könnte auch von dem Archiv gemacht worden sein.
2zur Situation passende witzige, geistreiche Äußerung
3„Una sancta“ bedeutet der deutschen Übersetzung nach „die eine heilige (Kirche)“.
4Hierbei handelt es sich um diverse Reformatorische und Revolutionäre Bewegungen die nach dem Tod des reformatorischen Denkers Jan Hus (Details anzeigen) auf sprangen.
5„Honnêteté“ ist ein französischer Term und lässt sich als „Ehrbarkeit“ übersetzen und war im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts verbreitet una als Beschreibung für ein persönlichkeits Ideal geistreicher Menschen verwendet.

Register

aCambridge, MA
bTillich, Paul
cBarth, Karl
dThales von Milet
ePlotin
fDescartes, René
gHegel, Georg Wilhelm Friedrich
hHeidegger, Martin
iScheler, Max
jDeutschland
kHeidegger, Martin
lDeutschland
mComte, Auguste
nMarx, Karl
oJohannes
pMarx, Karl
qHus, Jan
rLuther, Martin
sLuther, Martin
tLuther, Martin
uLuther, Martin
vLuther, Martin
wPius II.
xLuther, Martin
yMachiavelli, Niccolò di
zBodin, Jean
aaCusanus, Nikolaus
abVereinigte Staaten von Amerika
acHitler, Adolf
adHitler, Adolf
aeBorgia, Cesare
afLuther, Martin
agMachiavelli, Der Fürst, 1513
ahLuther, 95 Thesen, 1517
aiMachiavelli, Niccolò di
ajTürkei
akLuther, Martin
al
amFriedrich II. der Große
anKatte, Hans Hermann von
aoEuropa
apVereinigte Staaten von Amerika
aqMohammed
arDesiderius, Erasmus
asLuther, Martin
atDesiderius, Erasmus
auDesiderius, Erasmus
avLuther, Martin
awDesiderius, Erasmus
axEuropa
ayWashington, D.C.
azVereinigte Staaten von Amerika
baVereinigte Staaten von Amerika
bbRosenstock- Huessy, Eugen

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/180(7)
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriftlichen Beifügungen

Postweg
Camebridge Massachusetts - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Eugen Rosenstock–Huessy an Paul Tillich vom 5. Februar 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Eugen Rosenstock–Huessy an Paul Tillich vom 5. Februar 1935

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Eugen Rosenstock an Paul Tillich vom 7. Februar 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10165.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10165.html |titel=Brief von Eugen Rosenstock an Paul Tillich vom 7. Februar 1935 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=07.02.1935 |abruf=???? }}
L10165.pdf