Der editierte Text

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Donnerstag.

Hanna (Details anzeigen), Geliebte, Arme!

Ich bin tief beunruhigt über Deinen Brief und möchte Dich mit aller Inbrunst um etwas anflehen, und Dich bitten, es um meinetwillen zu tun: Versäume nichts, was irgend an Deinem Körper getan werden kann. Das kleinste Versäumnis in dieser Zeit hat Wirkung auf Jahre hinaus. Ich weiß, daß solche Bitten völlig wertlos sind, aber ich tue sie doch und füge die Bitte hinzu, daß Du gegen Deine Vernunft, bloß aus Liebe zu mir zum Arzt gehst, sobald Du Dich nicht gut fühlst. Zwingen kann ich Dich nicht, wie ich es täte, wenn ich da wäre; aber ich bitte Dich um deswillen, was ich mit meinem Kind und mit Johanna (Details anzeigen) erlebt habe, überwinde Deinen natürlichen Widerwillen gegen den Arzt und rufe ihn, sobald Dir etwas nicht ganz normal erscheint. Vor allem steh nachher nicht zu früh auf; das läßt Dir auch Frau v. Sydow (Details anzeigen) dringend sagen. Sie hat es getan und ist jetzt in Gefahr, eine Senkung zu kriegen; Hannah (Details anzeigen) liebe Hannah (Details anzeigen), bedenke, daß in dieser Zeit Tage gut machen können, was nachher Jahre zur Qual macht. Sei barmherzig gegen mich und sei -- nicht | nicht vernünftig -- sondern unvernünftig vorsichtig um meinetwillen. -- Ferner läßt Dir Frau v. Sydow (Details anzeigen) dringend sagen: Du sollst Deine Brustwarzen täglich mehrmals mit einer recht weichen, später harten Bürste reiben, damit sie unempfindlich werden; dann nachreiben mit Alkohol oder Franzbranntwein. Ich habe selbst an Greti (Details anzeigen) erlebt, daß sie es schließlich vor Schmerzen und Wundheit lassen mußte, da sie dieses nicht getan hatte. -- Inzwischen sind Deine anderen Briefe gekommen, die mir zeigen, daß Du wieder auf bist. Ich danke Dir von Herzen dafür. Vor allem eins: Bitte sorge Dich jetzt nicht um mich! Ich bin nie ruhiger und glücklicher gewesen, als in dieser Zeit. Ich entbehre gar nichts, sondern habe einen Überreichtum durch die Liebe zu Dir. Mein Körper ist völlig ruhig. Meine Seele ist erfüllt von Dir, und mein Geist arbeitet aufs Intensivste. -- Am Dienstag habe ich einen großen Arbeitstag gehabt. Die erste Vorlesung, die sehr voll war, 60 -- 70 Leute, von denen aber mindestens die Hälfte wegblieben sind, weil es ihnen zu schwer war; es waren vor allem Juristen und Ökonomen. | Eigentlich hatte ich auf dieses Kolleg gar keinen Wert gelegt, wenn aber der Besuch in der zweiten Stunde sich einigermaßen hält, muß ich mich mehr darauf konzentrieren, als mir eigentlich lieb ist; denn eigentlich wollte ich anderes arbeiten. -- -- -- Am Dienstag Abend war wieder Sitzung unseres Kairos-Kreises; wo ich dieses Mal das Referat hatte, und einen entschiedenen Sieg davon trug. Es gelang mir zum ersten Mal, den genial-rhapsodischen Rüstow (Details anzeigen) in die eiserne Konsequenz eines Gedankenganges zu zwingen, der für mich die Grundlage meiner ganzen geistesgeschichtlichen Stellung ist, auch meines „religiösen Sozialismus“. Dadurch kam die ganze Sache einen mächtigen Ruck weiter, während sie die letzten Male sich ziemlich im Kreise gedreht hatte. -- Leider geht so ein Tag nicht ohne das Opfer des folgenden vorüber; ich habe dann am Mittwoch nichts getan, als Vormittag Frau von Sydow (Details anzeigen) packen helfen, und Nachmittag der Schwester von Margot Müller (Details anzeigen), deren Mann über die Grenze muß, ein Zimmer verschaffen; abends hatte ich dann Vortrag in einem palastartigen Hause des Tiergartenviertels und heut bin ich wieder ziemlich | erschöpft; am Abend habe ich Vortrag vor Studenten. -- Wegen der Zukunftspläne bin ich natürlich einverstanden, daß wir den vorsichtigen Weg gehen, besonders wenn es gegenüber Deinen Leuten gut ist; meinen gegenüber würde ich die Sache schon vertreten. Ich habe also ein Zimmer für Dich reserviert, 5 Min. von hier, billig und nett, aber freilich könntest Du dort nicht mit einem Kind wohnen und das ist ja überhaupt unmöglich, wenn Du arbeiten willst. Ich habe aber schon verschiedene Möglichkeiten einer Unterbringung erfragt. -- Die Sache mit Dölzig (Details anzeigen) käme erst Ende August in Betracht, weil mein Vater (Details anzeigen) bis dann dort ist, dann aber bis Ende Oktober. Die ersten drei Augustwochen muß ich ans Meer, um den Winter durchzuhalten; und wenn Du dann kommen könntest, kurz oder lang, so wäre das Seligkeit. -- Wegen der Scheidung will ich mich noch erkundigen[,] ob es nicht eine Art gibt, die kürzer ist, als die „böswillige Verlassung“ und auch das Odium des „Ehebruchs“ nicht hat. -- Liebe Hannah (Details anzeigen); ich ruhe in Dir Tag und Nacht und bin sehr sehr glücklich in aller Angst um Deinen Leib.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Hannah
bFritz, Johanna
cSydow, Gertrud von
dTillich, Hannah
eTillich, Hannah
fSydow, Gertrud von
gTillich, Margarete
hRüstow, Alexander
iSydow, Gertrud von
jHahl, Margot
kDölzig
lTillich, Johannes Oskar
mTillich, Hannah
nTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 04. Mai 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01495.html, Zugriff am ????.

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