Der editierte Text

|
Sonnabend Abend.

Hannah! Süße Geliebte!

Es ist lieb von Dir, daß Du Deinen Geburtstag mir anzeigst -- aber dieses Mal war es nicht nötig; zu viel bin ich bei Dir, zu eng mit Dir verbunden, als daß ich diesen Tag vergessen könnte, je wieder vergessen könnte. Gestern habe ich etwas für Dich gefunden, und ich hoffe, es wird Dir Freude machen: Eine blaue Tasse aus Rosenthaler Porzellan; sie wird von dort aus geschickt, und kommt hoffentlich rechtzeitig an. Du sollst aus ihr trinken und dabei an mich denken; Du sollst sie nicht wegstellen, aus Furcht, daß sie zerbricht. Es soll mit ihr sein, wie mit den „Unsterblichen“ der französischen Akademie: Nicht der Einzelne, sondern der Platz ist entscheidend. Nicht die Einzeltasse, sondern „die Tasse“, die Du immer wieder kriegen sollst in gleicher Schönheit, soll das Geschenk sein; denn sonst ist Furcht dabei, und das soll nicht sein. Schreib mir, wenn sie ganz angekommen ist! -- Und nun soll ich Dir etwas zum Geburtstag | wünschen! Oh Hannah, meine Seele ist so übervoll von Wünschen für Dich, an heißen, glühenden, betenden Wünschen, an Zittern und Hoffnung, an tiefster Seelenangst und jubelnder Seelenfreude, daß ich nichts, gar nichts in Worte bringen kann. Ich wünsche Leben für Dich, Leben für mich, in- und miteinander, durch- und füreinander; ich wünsche den einzigen, seeligen [sic!] Durchbruch zu der Gewißheit, daß ich Dich nun auch in Wahrheit und Wirklichkeit haben und fühlen und sehen und lieben darf. Ich wünsche Dir, daß ich Dir nichts mehr wünschen kann, weil ich selbst Dir geben kann[,] was Du Dir wünschst. Aber ich wünsche überhaupt nicht, ich bete und warte; damit ich nicht zerbreche in Sehnsucht und Liebe, damit ich stark bleibe in Gott für Dich und mich. Ja Hannah, mein Leben in diesen elenden, müden Tagen, ist ein Gebet zu Dir hin und nichts als das. Es ist so viel Liebe in mir, daß ich mich gleichgültig machen muß gegen alles was geschieht oder vielmehr, daß ich demütig Dich von oben | nehme, nicht als mein Recht, nicht als mein Wille, nicht als Raub, sondern als Gnade, unsägliche Gnade.

Heut früh kam die Nachricht, daß meine Schwester Elisabeth (Details anzeigen) ihr Kind, ein Mädchen, bekommen hat, und daß es ihr gut geht. Folge ihr nach Hannah, Geliebte! Werde Mutter, und sei mir Mutter, bis ich in Deinen Armen sterbe! Ich bin nicht ungeduldig, ich habe warten gelernt; mein ganzes Leben ist in allen Dingen ein einziges Warten gewesen; ich kann Jahre, Monate, Tage warten; aber oft sind Tage schwerer als Monate.

Morgen wird Frede (Details anzeigen) wahrscheinlich in Frankfurt (Details anzeigen) gewählt; und es ist schon ein Plan entstanden, daß auch ich dorthin soll an die Universität. Aber ich hoffe nicht mehr viel. -- Eben hat Margot (Details anzeigen) angeklingelt, daß sie ihr Examen mit „Gut“ bestanden hat, was an der Fakultät sehr viel ist. Ich freue mich für sie; sie ist doch sehr schwach im Körper. -- -- |

Mein Rechtsanwalt Dr. Otto hat mich für morgen auf sein Segelboot geladen; ich freue mich darauf, vor allem aber deswegen, weil ich mit ihm über alles reden will, die Scheidungsmöglichkeiten, Deine Stelle als Sekretärin, vielleicht auch neue Anläufe, die ich zur Möbelbeschaffung machen will. -- Ich habe darum schon heute geschrieben, da ich nicht weiß, ob ich morgen dazukomme, und damit Du Bescheid weißt, wenn die Tasse kommt.

Das Kolleg hat sich beim zweiten Mal auf gleicher Höhe gehalten; ich arbeite aber nicht dazu, sondern verwerte Vergangenes und dazwischen Neugearbeitetes. Jetzt recensiere ich täglich Bücher, die sich seit einem halben Jahr angesammelt haben. -- Wann die Streicherei weiter geht, hängt von M. L.chen (Details anzeigen) ab. --

Leb wohl Geliebte; ich bin Tag u Tag bei Dir, und werde am Mittwoch mir Blumen auf den Tisch stellen und im Geiste bei Dir und in Dir sein!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aSeeberger, Elisabeth
bFritz, Alfred
cFrankfurt am Main
dHahl, Margot
eWerner, Marie Luise
fTillich, Hannah
gTillich, Hannah
hTillich, Hannah

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 13. Mai 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01494.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01494.html |titel=Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 13. Mai 1922 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=13.05.1922 |abruf=???? }}
L01494.pdf