Der editierte Text

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Donnerstag Nachm1

Hannah (Details anzeigen)!

Du tiefer Ozean meiner Sehnsucht, meines Friedens, meiner Seeligkeit! Sorge Dich nicht um mich! Es geht mir ja so unsäglich gut, jetzt, wo ich Dich wiederhabe, und wo ich durch Dich mich wiedergefunden habe, und wo die Tage vielleicht nicht mehr fern sind, da Du für immer zu mir kommst. Ich denke jetzt sehr viel wie praktisch über die Dinge nach. Es gibt viele Wege, aber kaum einer kann gegangen werden, ohne daß wir wissen, was Albert (Details anzeigen) tut, sowohl meinet- als auch des Kindes (Details anzeigen) wegen. Immerhin halte ich hier dicht bei ein Zimmer fest, und werde mich nach Unterbringungsmöglichkeiten wegen des Kindes (Details anzeigen) umsehen, und werde die Tendenz haben, Dich spätestens im Herbst als Wirtschafterin mit Kind zu „engagieren“, oder ohne Kind als Mieterin mit voller Pension zu „nehmen“. Die Gespräche mit Deiner Mutter (Details anzeigen) verfolge ich mit höchster Spannung. Ich freue mich, daß alles wieder einen Schritt weiter ist und vertraue auf Deine Kraft der Liebe und des Überzeugens. Für den August ‒ September habe ich in Aussicht genommen, mit Dir und dem| Kind (Details anzeigen) nach Dölzig (Details anzeigen) zu meiner Schwester (Details anzeigen) zu gehen, wo auch ein Kind im Mai ankommen soll und wo Ihr Euch dann gegenseitig helfen könntet, eventuell bis Ende Oktober, wo das Semester anfängt. Du siehst, es ist alles möglich, sobald alles klar ist. Kämst Du an Tonis (Details anzeigen) Stelle, die inzwischen natürlich ein Nest gefunden haben müßte, so könnte ich Dich, wie sie, vollkommen erhalten. ‒ Was macht die Schreibmaschine? Du schreibst gar nicht, ob Du sie hast. Greife ja zu; sie ist unglaublich billig. Wenn Du nebenbei Dein Englisch und Französisch auffrischen könntest, so wäre Dir eine sehr gute Stelle sicher. Aber lieber wäre mir, das alles wäre überflüssig.

Ich habe jetzt mit höchster Energie einen langen Aufsatz über Geschichtsphilosophie (Details anzeigen) fertig gestellt, und bin noch etwas betäubt davon; er ist sehr wich[tig] für mich, da er die Begründung meiner ganzen politischen und überhaupt {aktiven} Stellung gibt; es war eine große Arbeit; denn es mußte jeder Gedanke neu geschaffen werden. Aber ich glaube, daß er für unsere ganze Bewegung| klärend sein wird, und das hat sie dringend nötig.

Heute Abend kommt Toni (Details anzeigen) wieder, die 8 Tage in Stettin (Details anzeigen) war. Sie wurde vertreten von Hedwig Frankenstein (Details anzeigen). Es war mir eigentlich nicht lieb und nicht ganz leicht, daß sie gerade in diese Stimmung herein kam; ich mußte ihr einfach sagen, daß ich innerlich so gebunden wäre, daß ich die Halbheiten nicht ertragen könnte. Sie war im Ganzen natürlich enttäuscht. Aber da sie ein gütiger Mensch ist, so überwand sie es doch. Gestern kurz ehe ich zum Vortrag wegging, kam plötzlich Ilsemargot (Details anzeigen) an und blieb dann bei Hedwig (Details anzeigen). Sie haben, wie mir Hedwig (Details anzeigen) erzählte, auch über Dich gesprochen, und ihren gemeinsamen Unglauben ausgetauscht. Ich habe gerade an diesen beiden ‒ und Margot Müller (Details anzeigen) bestätigte es mir ‒ die Beobachtung gemacht, daß Mädchen, die durch Berlin (Details anzeigen) in erotische Laxheit hereingekommen sind, in den entscheidenden Dingen Spießer bleiben, und ihnen Dinge wie Dein Handeln und Leiden, einfach unzugänglich bleiben. Sie kleben doch am Kleinen, Menschlichen oder bloß| Weiblichen haften, obgleich sie darin, wie Hedwig F. (Details anzeigen), herrisch sein können. ‒

Deine „Eva“ verführt mich täglich zu Dir hin, Dein Kästchen ist mir so lieb, und Dein Mutterbild bewegt mich täglich, es ist schön, daß der Ring angekommen ist; nun hast Du Bibel und Ring, die Symbole der irdischen und göttlichen Gemeinschaft. Einst gab ich den Ring ohne Bibel[,] er kam zurück; nun kann er nicht mehr zurückkommen solange wir leben; denn die Bibel hält ihn. ‒ Den Brief an Margot (Details anzeigen) habe ich sofort mit geschickt; er muß sehr schön gewesen sein; denn sie klingelte heut hier an, nur um mir zu sagen, wie dankbar sie wäre. Sie hat viel schwere Sorgen mit ihrer Schwester, deren Mann2 jetzt als Kommunist vor Gericht gestellt wird wegen aller möglichen Vergehen. ‒ M. L. chen (Details anzeigen) hat angeklingelt. Nächsten Sonnabend soll das Streichen der Zimmer beginnen, damit das Haus festlich werde, wenn Du kommst. Komm bald! Es ist innerlich und äußerlich alles bereit für Dich! Komm bald!

Paul.


Fußnoten, Anmerkungen

1Am oberen Rand des Briefes wurde von fremder Hand (wahrscheinlich Hannah Tillich (Details anzeigen)) „27.4.22“ vermerkt.
2Sowohl die Schwester als auch der Mann der Schwester von Margot Müller konnten nicht ermittelt werden.

Register

aTillich, Hannah
bTillich, Hannah
cGottschow, Albert
dGottschow, Johannes
eGottschow, Johannes
fWerner, Louise
gGottschow, Johannes
hDölzig
iSeeberger, Elisabeth
jWinkler, Toni
kTillich, Kairos, 1922
lWinkler, Toni
mStettin
nFrankenstein, Hedwig
oReutern, Ilsemargot von
pFrankenstein, Hedwig
qFrankenstein, Hedwig
rHahl, Margot
sBerlin
tFrankenstein, Hedwig
uHahl, Margot
vWerner, Marie Luise

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin-Friedenau - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow vom 24. April 1922
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Gottschow vom 4. Mai 1922

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 27. April 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01490.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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