Der editierte Text

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Montag 1

Liebste Hannah (Details anzeigen)!

Heute drei Briefe von Dir.2 Ich danke Dir sehr! Machs weiter so, das ist für alle hiesigen Entscheidungen maßgebend. Ist es wahr, daß das Semester erst am 1. Mai beginnen soll?3 Peter (Details anzeigen) sagte, er hätte es in der Frankfurter Zeitung gelesen. Bitte schreibe gleich; erkundige Dich unter Umständen im Sekretariat. Auch davon hängt ja allerhand ab. Anbei die Quittungen. Sage doch der Siemßen (Details anzeigen) , sie solle alles, was in die Universität kommt, direkt hierher schicken. Wechsle Du mal mit der Adresse ab und schreibe an M. L. (Details anzeigen) ohne Hinzufügung von Seebergers (Details anzeigen). –

Gestern rief Peter (Details anzeigen) aus Wandsbek (Details anzeigen) an. Am Abend war er hier; und zwar mit Elli (Details anzeigen). Ich mußte vom Essen aufstehen und ins Excelsior4 sausen. Er wollte noch vor Beginn der Sperre abfahren.5 Auf meinen Rat hin ist er geblieben, aber vorläufig in Berlin (Details anzeigen). Er kommt heut Mittag zu Elisabeth (Details anzeigen). Inzwischen will Elli (Details anzeigen) die Vermerke für einen Besuch holländischer Freunde in Amsterdam (Details anzeigen) besorgen.| Gelingt das, so könntest du Ähnliches machen. Ich schreibe dann[.] Peter (Details anzeigen) ist schon seit Wochen nicht mehr in der Kant-Gesellschaft.6 Die Vorstände habe ihn und die übrigen Beamten von sich aus gestrichen. Vielleicht ist es bei uns auch schon so. Jedenfalls ist dies das einzig Richtige. Sonst niemand Wichtiges gesprochen. Wedemeyer (Details anzeigen) erst morgen da.

Auf dem Küssel7 war es nicht sehr ermunternd. Beide Brüder L. (Details anzeigen) sind wie alle Berliner Anwälte dieser „Art“ von Ausschluß aus den Gerichten bedroht.8 Damit ist ihre Existenz weitgehend vernichtet. Trotzdem können wir zur Zeit noch dort wohnen. Außerdem ist der Adler9 in ihrem Hause geschutzhaftet worden, nach 2 Tagen wieder frei. Infolgedessen aber Haussuchung und eben „bekannt“ geworden. Die inneren Spannungen sind größer denn je. Entscheidender Gegensatz: Claire (Details anzeigen)Lilly (Details anzeigen). Auflösung des Ganzen schon besprochen aber noch abgelehnt. – Geh doch regelmäßig zu Bea (Details anzeigen). Bis jetzt nichts von Adolf (Details anzeigen).10 Morgen mehr! Grüße Erdmuthe (Details anzeigen)!

Euch beiden Liebsten Gruß und Kuß! Euer (bisher schlafender)

Paul (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Der vorliegende, undatierte Brief steht in inhaltlichem Zusammenhang mit anderen teils undatierten Schreiben Tillichs an seine Frau aus dem April 1933. Der größere Kontext jener Schreiben, verbunden mit der hier vorgenommenen Wochentagsangabe, lässt eine vermutliche Datierung auf den 3. April 1933 zu.
2Liegen nicht vor.
3Laut Vorlesungsverzeichnis der Universität Frankfurt für das Sommersemester 1933 sollte das Semester am Montag, 1. Mai 1933, beginnen; dies wurde nachträglich jedoch auf den 2. Mai 1933 verschoben.
4Gemeint ist das Berliner Hotel Excelsior, das gegenüber vom Anhalter Bahnhof in der Königgrätzer Straße 112/113 stand.
5Hintergrund nicht genau ermittelt. Am Samstag, den 1. April 1933, fand der staatlich organisierte Judenboykott statt, noch am selben Tag wurde angekündigt, dass Juden am Montag (3. April 1933, also das vermutete Datum des vorliegenden Briefes) ihre Pässe registrieren lassen sollten. Adolf Löwe (Details anzeigen) etwa, der enge Freund Heimanns (Details anzeigen) und Tillichs, hatte diese Meldung zum Anlass genommen und war noch am Morgen des 2. April mit seiner Familie in die Schweiz (Details anzeigen) geflüchtet. Womöglich meint Tillich jene Registrierungspflicht, wenn er von einer "Sperre" schreibt – auch wenn es sich strenggenommen nicht um eine Ausreisesperre handelte.
6Die in diesem Brief erwähnte „Kant-Gesellschaft“ steht hier nicht für die gleichnamige wissenschaftliche Gesellschaft, sondern diente als Chiffre für die SPD. Diese Tarnbezeichnung wurde vermutlich aus Vorsicht bzw. aus politischen Gründen verwendet.
8Die Löwenfelds waren Juden.
9Nicht ermittelt.
10Adolf Löwe (Details anzeigen) hatte, wie in der obigen Anmerkung erwähnt, in den Morgenstunden des 2. April 1933 Deutschland (Details anzeigen) verlassen, was Tillich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste.

Register

aTillich, Hannah
bHeimann, Eduard
cSiemsen, Gertrud
dWerner, Marie Luise
eSeeberger, Elisabeth; Seeberger, Erhard
fHeimann, Eduard
gHamburg-Wandsbeck
hHeimann, Elisabeth
iLöwe, Adolf
jHeimann, Eduard
kSchweiz
lBerlin
mSeeberger, Elisabeth
nHeimann, Elisabeth
oAmsterdam
pHeimann, Eduard
qWedemeyer, Hans von
rLöwenfeld, Claire
sLöwenfeld, Günther
tPincus, Fritz
uPincus, Lily
vLöwenfeld, Günther; Löwenfeld, Erwin
wLöwenfeld, Claire
xPincus, Lily
yLöwe, Beatrice
zLöwe, Adolf
aaLöwe, Adolf
abDeutschland
acFarris, Erdmuthe
adTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/3(6)
Typ

Brief, eigenhändig.

Postweg
Berlin - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Postkarte von Paul Tillich an Hannah Tillich vom 1. April 1933 [PS]
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich verm. vom 4. April 1933

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich verm. vom 3. April 1933, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01391.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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