Der editierte Text

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Sehr verehrter Herr Kirchenpraesident (Details anzeigen), lieber Herr Niemoeller (Details anzeigen)!

Haben Sie herzlichen Dank fuer Ihren Brief (Details anzeigen) vom 27. Dezember, 1948. Er gibt mir Gelegenheit, so offen wie ich es in einer persoenlichen Aussprache getan haette, zu Ihnen ueber meine Eindruecke in Deutschland (Details anzeigen) zu sprechen.

Ich kam nach Deutschland (Details anzeigen) unter den Auspizien des Church World Service und fuhr deswegen ueber Genf (Details anzeigen), um mich dort ueber die Situation orientieren zu lassen. Ich hatte sehr freundschaftliche und instruktive Aussprachen mit den dortigen – besonders deutschen – Mitgliedern des World Council of Churches, die mich auf manches von dem vorbereiteten, was ich spaeter selbst sah.

Ich wurde von den Genfern zu Pfarrer Menn (Details anzeigen) in Frankfurt (Details anzeigen) geschickt, dem ich mich fuer jede gewuenschte Aufgabe in der Kirche – neben meinen akademischen Verpflichtungen – zu Verfuegung stellte. Ich habe nie wieder etwas von ihm darueber gehoert, auch nicht als ich ihn im August in Amsterdam (Details anzeigen) kurz traf. – Ich sprach ferner mit meinem alten Bekannten, Oberkirchenrat Fricke (Details anzeigen), der mir etwas in Aussicht stellte, aber nicht mehr darauf zuruekkam. Die Fuelle der Aufforderungen, die ich erhielt, kamen alle von akademischen Gruppen. So nahm ich an, dass die Kirche in ihren leitenden Persoenlichkeiten kein Interesse an meinem Kommen hatte. Ich wurde am Ende meines Aufenthaltes darin bestaetigt durch zwei Unterhaltungen, die eine mit Fricke (Details anzeigen), die andere mir Gerstenmaier (Details anzeigen), den ich in Holland (Details anzeigen) traf. Als ich von Fricke (Details anzeigen) telephonisch Abschied nahm, und etwas in der gesagten Richtung andeutete, antwortete er, dass mich die Kirche „an ihrer Grenze“ gebrauchen koennte. Als ich Gerstenmaier (Details anzeigen) das erzaehlte, sagte er, dass dies den Sachverhalt durchaus traefe, dass eine Theologie wie die meinige (die in America (Details anzeigen) als neo-orthodox gilt) von den kirchlichen Authoritaeten nicht mehr zugelassen wuerde, und dass die Stimme eines Mannes wie Leese (Details anzeigen), meines Schuelers und Freundes, in der Kirche vollstaendig unhoerbar gemacht worden waere.

Es war mir darum nicht ueberraschend, als ich von Leese (Details anzeigen) und anderen Mitgliedern des Frankfurter Kongresses fuer „Freies Christentum“ (ein graesslicher Name!) vor und nach dem Kongress muendlich und brieflich ueberzeugende Bestaetigungen dieses Bildes erhielt. – Die mir eindrucksvollste Bestaetigung aber war eine Rede con Mr. Frey (Details anzeigen), Praesident der Lutherischen Kirchen in Amerika (Details anzeigen), bald nach seiner und meiner Rueckkehr, in unserer Fakultaet. Er erklaerte, dass fuer beide Gruppen in der deutschen Kirche, die Lutheraner und die Barthianer, eins unbestritten gaelte: Die Periode des „Neuprotestantismus“ (von Schleiermacher (Details anzeigen) bis Troeltsch (Details anzeigen)) ist tot und als Irrweg verworfen. Liebrale Ideen haetten nirgends mehr Boden; es handele sich um eine fundamentale Abwendung von der vorhergehenden Periode.

Das fuehrt mich auf die mehr theologischen Erfahrungen in meinem Umgang mit Kollegen, Studenten und juengeren Pfarrern. Sehr wichtig waren fuer mich die Gespraeche mit Bultman (Details anzeigen), von dessen „heresy-trial“ (ein vielleicht zu starker Ausdruck) ich von ihm selbst, von Barth (Details anzeigen) und manchen anderen gehoert habe. Diese Vorgaenge, verbunden mit dem scharfen Widerspruch den seine Schrift ueber die Entmythologisierung des N.T. erfahren hat, haben ihm das Gefuehl der Vereinsamung in der | gegenwaertigen theologischen und kirchlichen Situation gegeben. Er fuehlte sich – und ich mit ihm – als Traeger einer grossen wissenschaftlich-theologischen Tradition, die im Schwinden begriffen ist. Dabei haben wir beide starke Einfluesse von Barth (Details anzeigen) erfahren und koennen keineswegs mit dem alten Liberalismus identifiziert werden. – In einer halboeffentlichen Diskussion mit Schlink (Details anzeigen) und Peter Brunner (Details anzeigen) in Heidelberg (Details anzeigen) war ich erschreckt ueber den biblischen Litteralismus, dem ich begegnete, und dessen Existenz mir von allen Seiten bestaetigt wurde.

Der Satz ueber Unwissenheit und Fanatismus bezieht sich auf juengere Pfarrer und aeltere Studenten, die historische Kritik nicht mehr kennen, sie dafuer aber umso fanatischer ablehnen. In einer Pfarrerkonferenz, auf der ich sprach, wurde von einem Redner historische Kritik als Verrat an Christus (Details anzeigen) bezeichnet. In der Kirchlichen Hochschule von Zehlendorf (Details anzeigen), in der ich mit grosser Freude vor wachsender Zuhoererschaft sprach, erntete ich das einzige Scharren, als ich von dem poetischen Charakter der Weihnachts- und Ostergeschichte sprach, Dinge, die fuer meine Generation von (schon damals von Kierkegaard (Details anzeigen) beeinflussten) Studenten (1905-1910) ebenso selbstverstaendlich waren wie der mythisch-symbolische Charakter der Paradiesgeschichten. Fuer mich ist dieser Punkt so entscheidend, weil es sich hier um die Frage der wissenschaftlichen Ehrlichkeit handelt, die es ablehnen muss, aus dogmatischen Gruenden kritische Moeglichkeiten in der geschichtlichen Forschung auszuschalten. Die Unterdrueckung des methodischen Fragens fuehrt notwendig zu Fanatismus; und Spuren dieses Fanatismus unterdrueckter Fragen habe ich an manchen Stellen gefunden. Dagegen habe ich kaum einen deutschen Beobachter Gefunden, der die Gefahr dieser Entwicklung nicht sehr ernst genommen haette.

Ich war begeistert von all meinen studentischen Hoererschaften, obgleich unter Ihnen ueberall Gruppen waren, auf die die obige Charakteristik passt. Zu meiner Freude hatte ich einen hohen Prozentsatz von Nichttheologen, besonders auch Naturwissenschaftlern selbst in meinen streng theologischen Vorlesungen. In Besprechungen mit diesen Nichttheologen er[g]ab sich nun die Klage, dass die biblicistisch-supranaturalistische Form der kirchlichen Predigt und Lehre ihnen den Zugang zur Kirche fast voellig versperrt – trotz ernstzesten Bemuehens. Sie beriefen sich zum Teil auf ihr wissenschaftliches Gewissen, das sich nicht ohne geistige Selbstzerstoerung opfern koennten. Gleichzeitig bekannten sie, dass ihnen der alte Liberalismus religioes nichts bieten koennte. Viele haben sich deshalb von der Kirche, die sie suchten, wieder abgewandt. In den Briefen, die ich erhalte, wird diese Situation immer und immer wieder beschrieben.

Dies ist der Hintergrund meines Artikels. In den Bemerkungen ueber die B K. wollte ich das Tragisch-Unvermeidliche solcher Verengungen und die Berechtigung der Abstossung gewisser Elemente der liberalen Theologie den Amerikanern verstaendlich machen. – Ich habe es auch sehr bedauert, dass wir uns in Deutschland (Details anzeigen) nicht getroffen haben. Das hatte zum Teil aeussere Gruende. Ich war in Wiesbaden (Details anzeigen) nur zweimal 2 Stunden auf den amerikanischen Aemtern. Laenger konnet ich nicht bleiben, da ich kein eigenes Auto zur Verfuegung hatte. Einen ganzen Tag konnte ich fuer Wiesbaden (Details anzeigen) trotz der Bitten verschiedener Freunde nicht hergeben, da fast jede Stunde der 3 Monate besetzt war. Aber ich muss gestehen, dass ich zoegerte, mich um ein Treffen an einem |:anderen:| Ort zu bemuehen, da ich weder direkt noch indirekt eine Aufforderung erhalten hatte, ein Zoegern, das sich nach unserer sehr freundschaftlichen Begegnung hier natuerlich nicht auf Sie persoenlich, aber auf Ihre Stellung als Kirchenpraesident bezog.|

Ich hoffe, dass dieser Brief Ihnen zeigt, dass ich die in meinem Artikel erwaehnten Dinge nicht ohne recht eindrueckliche Erfahrungen niedergeschrieben habe. Mein Urteil mag zu negativ sein: Mein Beobachtungsfeld war begrenzt. Aber Ihr Brief gab mir das Gefuehl, dass Ihr Urteil zu positiv ist, vielleicht weil Sie den Dingen zu nahe stehen. Jedenfalls wuenschte ich, dass die Fuehrer der deutschen Kirche eine Gefahr schaerfer sehen, die jede Neukonstituierung einer Gruppe in und nach einem Kampf auf Leben und Tod notwendig mit sich bringt.

In freundschaftlicher Verbundenheit,
Ihr,

Paul Tillich (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aNiemöller, Martin
bNiemöller, Martin
cBrief von Martin Niemöller an Paul Tillch vom 27. Dezember 1948
dDeutschland
eDeutschland
fGenf
gMenn, Wilhelm Gustav
hFrankfurt am Main
iAmsterdam
jFricke, Otto
kFricke, Otto
lGerstenmaier, Eugen
mHolland
nFricke, Otto
oGerstenmaier, Eugen
pVereinigte Staaten von Amerika
qLeese, Kurt
rLeese, Kurt
sFry, Franklin Clark
tVereinigte Staaten von Amerika
uSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst
vTroeltsch, Ernst
wBultmann, Rudolf
xBarth, Karl
yBarth, Karl
zSchlink, Edmund
aaBrunner, Peter
abHeidelberg (Deutschland)
acJesus von Nazaret
adBerlin-Zehlendorf
aeKierkegaard, Sören
afDeutschland
agWiesbaden
ahWiesbaden
aiTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 170(41)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Martin Niemöller an Paul Tillch vom 27. Dezember 1948

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Martin Niemöller vom 10. Januar 1949, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11276.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11276.html |titel=Brief von Paul Tillich an Martin Niemöller vom 10. Januar 1949 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=10.01.1949 |abruf=???? }}
L11276.pdf
erwähnte Briefe