Der editierte Text

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Donnerstag

Lieber Max (Details anzeigen)!

|:In der späteren Theologie hat der Joh. Wahrheitsgedanke keine Rolle gespielt. Er ist durch den Logos-Begriff aufgesogen worden. Und die Alexandriner sprechen von gnosis als mystisches Verstehen. :|Der Eile wegen schreibe ich gleich und mit Bleistift (bin ohne Schreibmaschine und ordentlichen Federhalter).

Herzlichen Dank für Ihren Brief (Details anzeigen)! Maidon (Details anzeigen)'s Sorge ist rührend, aber ich esse täglich frisches Obst. Und am 16ten zieht Hannah (Details anzeigen) hier ein. Sie kommt schon morgen mit René (Details anzeigen), der hier in die Schule geht, kann aber noch nicht hier wohnen.

Morgen oder Übermorgen fange ich meinen Paragraphen über den Wahrheitsgedanken an. Wie schade, dass wir nicht sprechen können.

Nun schnell Ihre Anfrage:
Der Gedanke der ἀλήθεια spielt im ganzen Johan-| nesevangelium eine grosse Rolle. Eine Monographie von Prof. Fr. Büchsel (Details anzeigen) über den Wahrheitsgedanken im 4ten Evangelium glaube ich zu besitzen (in New York (Details anzeigen)). Hans v. Soden (Details anzeigen) hat eine ausgezeichnete Monographie über den Wahrheitsgedanken im Alten und Neuen Testament geschrieben. Der beste Kommentar zum Johannesevangelium ist von Walter Bauer (Details anzeigen) (in jeder theologischen Bibliothek, z. B. Seminary in Berkeley (Details anzeigen). Das neueste grosse Werk über das 4te Evangelium stammt von R. Bultman (Details anzeigen), ist aber meines Wissens nur in einem Exemplar hier im Land und nicht erhältlich. Nach dem Bericht ist es das Standard-Werk. Er führt die wichtigste der 12 Quellen auf eine syrisch-gnostische Tradition zurück.

Im Johannesevangelium finden sich nicht nur Phrasen wie „Ich bin die Wahrheit“, sondern auch „Aus der Wahrheit sein“, „die Wahrheit tun“, „von der Wahrheit zeugen“,| „voller Gnade und Wahrheit“. All das zeigt wahrscheinlich, wie die ganze gnostische d.h. spätantik-synkretistische Bewegung eine Verschmelzung des jüdischen mit dem griechischen Wahrheitsgedanken. Der griechische Begriff ἀληθής bedeutet un-verborgen und bezieht sich auf das wahre unveränderliche Sein, der hebräische Begriff héemīn bedeutet sicher sein, vertrauen (das Wort Amen = gewisslich; hat denselben Stamm). Es bezieht sich immer auf die menschliche oder göttliche Zuverlässigkeit in der Erfüllung von Zielen, Versprechungen, kurz, das sich-selbst-gleich-bleiben auf das sich Vertrauen gründen kann. Die „Wahrheit sein“ bedeutet dann, das wahre Sein representieren, auf das man sich verlassen |:kann:| und aus dessen Wesen heraus man handeln soll. Dieses wahre Wesen ist Geschichte geworden | (wie wir am gemässesten σαρξ ἖γένετο übersetzen). Man findet die Wahrheit nicht durch Eindringen in ontologische Seinsschichten, sondern durch Sehen der Herrlichkeit (δόξα) einer historischen Erscheinung. Und man sieht diese δόξα nur, wenn man ihrem Wesen entsprechend handelt (Die Wahrheit tut), und endlich Man kann das nur, wenn man aus dem wahren Wesen stammt (aus der Wahrheit ist). Dies scheint mir (auf ersten Anhieb) das Wesentliche des Johanneischen Wahrheitsgedankens zu sein, der natürlich nichts mit Äusserungen des „historischen“ Jesus zu tun hat.

Seht doch auch im Kittell's Wörterbuch zum Neuen Testament unter ἀλήθεια nach. Es ist das grosse Reifewerk der historisch-kritischen Bewegung seit 200 Jahren.

Alle Guten Wünsche!

Euer Paulus (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHorkheimer, Max
bBrief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 29. August 1947
cHorkheimer, Rose Christine
dTillich, Hannah
eTillich, René Johannes Stefan
fBüchsel, Friedrich Hermann Martin
gNew York City
hSoden, Hans Freiherr von
iBauer, Walter
jBerkeley (CA)
kBultmann, Rudolf
lTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Frankfurt a.M., Goethe-Universität Frankfurt, Universitätsbibliothek Frankfurt, UBA Ffm, Na 1 Nr.
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 29. August 1947
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 7. October 1947

Entitäten

Personen

Orte

Erwähnte Briefe

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Max Horkheimer vom September 1947, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L11109.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L11109.pdf
erwähnte Briefe