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      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>Brief von Paul Tillich an Max Horkheimer vom September 1947</title>
            <author ref="#tillich_person_id__                1928">Paul Tillich</author>
            <respStmt>
               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
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            <msDesc type="typescript">
               <msIdentifier>
                  <country>Deutschland</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__143">Frankfurt a.M.</settlement>
                  <institution>Goethe-Universität Frankfurt</institution>
                  <repository>Universitätsbibliothek Frankfurt</repository>
                  <collection>UBA Ffm</collection>
                  <idno>Na 1 Nr.</idno> <!-- Horkheimernachlass (Na 1, 53 [5] 6r-[8] 7v) -->
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, eigenhändig</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <encodingDesc>
         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
               <date when="1947-09-01">Anfang 09.1947<!-- es war ein Donnerstag vor dem 16.09, der erste Donnerstag im September 1947 war der 4.09. --></date>
            </correspAction>
            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__931">Max Horkheimer</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__931">Korrespondenz mit Max Horkheimer</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__931" target="L11108.xml">Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 29. August 1947</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__931" target="L11113.xml">Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 7. October 1947</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L11107.xml">Brief von Paul Tillich an Fedor Stepun vom 27. August 1947</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L11110.xml">Brief von Robert Ulich an Paul Tillich von September 1947</ref></correspContext></correspDesc>
         <langUsage>
            <language ident="deu">Deutsch</language>
         </langUsage>
      <creation><date type="sort" when="1947-09-01"/></creation></profileDesc>
      <revisionDesc status="approved">
         <change who="MI" when="2026-02-19">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
      </revisionDesc>
   </teiHeader>
   <text type="letter">
      <body>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline><date><hi rend="underline">Donnerstag</hi></date></dateline>
               <salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__931" type="person">Max</rs>!</salute>
            </opener>
            <p><add place="margin">In der späteren Theologie hat der Joh. Wahrheitsgedanke <hi rend="underline">keine</hi> Rolle gespielt. Er ist durch den Logos-Begriff
                  aufgesogen worden. Und die Alexandriner sprechen von gnosis als mystisches
                  Verstehen. </add>Der Eile wegen schreibe ich gleich und mit Bleistift (bin ohne
               Schreibmaschine und ordentlichen Federhalter).</p>
            <p>Herzlichen Dank für Ihren <rs ref="#L11108" type="letter">Brief</rs>! <rs ref="#tillich_person_id__932" type="person">Maidon</rs>'s Sorge ist rührend, aber
               ich esse täglich frisches Obst. Und am 16<hi rend="above">ten</hi> zieht <rs ref="#tillich_person_id__1923" type="person">Hannah</rs> hier ein. Sie kommt schon
               morgen mit <rs ref="#tillich_person_id__1927" type="person">René</rs>, der hier in
               die Schule geht, kann aber noch nicht hier wohnen.</p>
            <p>Morgen oder Übermorgen fange ich meinen Paragraphen über den Wahrheitsgedanken an.
               Wie schade, dass wir nicht sprechen können.</p>
            <p>Nun schnell Ihre Anfrage:<lb/>Der Gedanke der ἀλήθεια spielt im ganzen
                  Johan-<pb n="2"/> nesevangelium eine grosse Rolle. Eine Monographie von <rs ref="#tillich_person_id__310" type="person">Prof. Fr. Büchsel</rs> über den
               Wahrheitsgedanken im 4<hi rend="overline">ten</hi> Evangelium glaube ich zu besitzen
               (in <rs ref="#tillich_place_id__319" type="place">New York</rs>). <rs ref="#tillich_person_id__1807" type="person">Hans v. Soden</rs> hat eine
               ausgezeichnete Monographie über den Wahrheitsgedanken im Alten und Neuen Testament
               geschrieben. Der beste Kommentar zum Johannesevangelium ist von <hi rend="underline"><rs ref="#tillich_person_id__4703" type="person">Walter Bauer</rs> (in jeder
                  theologischen Bibliothek, z. B. Seminary in <rs ref="#tillich_place_id__815" type="place">Berkeley</rs></hi>. Das neueste grosse Werk über das 4<hi rend="above">te</hi> Evangelium stammt von <rs ref="#tillich_person_id__320" type="person">R. Bultman</rs>, ist aber meines Wissens nur in einem Exemplar hier
               im Land und nicht erhältlich. Nach dem Bericht ist es <hi rend="underline">das</hi>
               Standard-Werk. Er führt die wichtigste der 12 Quellen auf eine syrisch-gnostische
               Tradition zurück.</p>
            <p>Im Johannesevangelium finden sich nicht nur Phrasen wie <q>Ich bin die Wahrheit</q>,
               sondern auch <q>Aus der Wahrheit sein</q>, <q>die Wahrheit <hi rend="underline">tun</hi></q>, <q>von der Wahrheit zeugen</q>,<pb n="3"/>
               <q>voller Gnade und Wahrheit</q>. All das zeigt wahrscheinlich, wie die ganze
               gnostische d.h. spätantik-synkretistische Bewegung eine Verschmelzung des jüdischen
               mit dem griechischen Wahrheitsgedanken. Der griechische Begriff
               ἀληθής bedeutet un-verborgen und bezieht sich auf das wahre
               unveränderliche Sein, der hebräische Begriff héemīn bedeutet sicher sein, vertrauen
               (das Wort Amen = gewisslich; hat denselben Stamm). Es bezieht sich immer auf die
               menschliche oder göttliche Zuverlässigkeit in der Erfüllung von Zielen,
               Versprechungen, kurz, das sich-selbst-gleich-bleiben auf das sich Vertrauen gründen
               kann. Die <q>Wahrheit sein</q> bedeutet dann, das wahre Sein representieren, auf das
               man sich verlassen <add place="supralinear">kann</add> und aus dessen Wesen heraus
               man handeln soll. Dieses wahre Wesen ist Geschichte geworden <pb n="4"/> (wie wir am
               gemässesten σαρξ ἖γένετο übersetzen). Man findet die Wahrheit nicht durch
               Eindringen in ontologische Seinsschichten, sondern durch Sehen der Herrlichkeit
               (δόξα) einer historischen Erscheinung. Und man sieht diese δόξα nur, wenn man ihrem
               Wesen entsprechend handelt (Die Wahrheit <hi rend="underline">tut</hi>), und endlich
               Man kann das nur, wenn man aus dem wahren Wesen stammt (aus der Wahrheit ist). Dies
               scheint mir (auf ersten Anhieb) das Wesentliche des Johanneischen Wahrheitsgedankens
               zu sein, der natürlich nichts mit Äusserungen des <q>historischen</q> Jesus zu tun
               hat.</p>
            <p>Seht doch auch im Kittell's Wörterbuch zum Neuen Testament unter ἀλήθεια
               nach. Es ist das grosse Reifewerk der historisch-kritischen Bewegung seit 200
               Jahren.</p>
            <closer>
               <salute>Alle Guten Wünsche!</salute>
               <signed> Euer <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Paulus</rs></signed>
            </closer>
         </div>
      </body>
   <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__1807">
                  <persName>Soden, Hans Freiherr von</persName>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__4703">
                  <persName>Bauer, Walter</persName>
                  <birth>
                     <date>1877-08-08</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Königsberg in Pr.</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1960-11-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName key="#tillich_place_id__743">Göttingen</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/119513366</idno>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1927">
                  <persName>Tillich, René Johannes Stefan</persName>
                  <birth>
                     <date>1935</date>
                  </birth>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/1168631653</idno>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1923">
                  <persName>Tillich, Hannah</persName>
                  <birth>
                     <date>1896-05-17</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Rotenburg a. d. Fulda</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1988-10-27</date>
                     <settlement>
                        <placeName>East Hampton, NY</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/119096102</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Hannah Tillich (17. Mai 1896 – 27. Oktober 1988) war eine deutsche und später US-amerikanische Zeichenlehrerin, Malerin, Schriftstellerin und Modell. Aufgewachsen im Pfarrhaus ihrer Eltern in Rotenburg an der Fulda, absolvierte sie von 1912 bis 1916 eine Ausbildung an der Königlichen Kunstschule zu Berlin und arbeitete ab 1919 als Zeichenlehrerin in Berlin-Neukölln. 1920 heiratete sie den Maler Albert Gottschow, von dem sie sich nach kurzer Ehe und einem persönlichen Schicksalsschlag wieder trennte. 1924 ging sie die Ehe mit Paul Tillich ein, mit dem sie in Marburg, Dresden und Frankfurt lebte und 1933 in die USA emigrierte. Nach der Geburt zweier Kinder nahm sie Mitte der 1930er Jahre ihre künstlerische und schriftstellerische Tätigkeit wieder auf. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrer autobiographischen Schrift From Time to Time (1973), in der sie offen über ihr Leben und ihre Ehe berichtete; eine deutsche Ausgabe erschien erst 1993.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__931">
                  <persName>Horkheimer, Max</persName>
                  <occupation>Sozialphilosoph</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118553615</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Max Horkheimer (14. Februar 1895 – 7. Juli 1973) war ein deutscher Sozialphilosoph und zentrale Figur der Frankfurter Schule. Nach kaufmännischer Lehre und Kriegsdienst studierte er Philosophie, Psychologie und Nationalökonomie, promovierte 1922 in Frankfurt und habilitierte sich dort 1925. Auf Betreiben Paul Tillichs erhielt er 1930 das Ordinariat für Sozialphilosophie und damit die Leitung des Instituts für Sozialforschung. 1933 emigrierte er über Genf in die USA, wo mit Adorno die Dialektik der Aufklärung entstand. Sein Programm einer interdisziplinären Gesellschaftsforschung nannte er ab 1937 Kritische Theorie. 1949 kehrte er nach Frankfurt zurück und leitete 1951 bis 1953 die Universität.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__310">
                  <persName>Büchsel, Friedrich Hermann Martin</persName>
                  <birth>
                     <date>1883-07-02</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Stücken</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1945-05-05</date>
                     <settlement>
                        <placeName key="#tillich_place_id__370">Rostock</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/138027277</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Friedrich Büchsel (2. Juli 1883 – 5. Mai 1945) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er studierte Theologie in Tübingen und Halle, wurde promoviert und habilitierte sich 1911 in Halle. Nach Tätigkeiten als Dozent und Feldpfarrer im Ersten Weltkrieg erhielt er Professuren in Greifswald und Rostock. Büchsel war politisch nationalkonservativ orientiert und Mitglied entsprechender Organisationen. Er kam am Ende des Zweiten Weltkriegs infolge einer Verwundung ums Leben.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__932">
                  <persName>Horkheimer, Rose Christine</persName>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__320">
                  <persName>Bultmann, Rudolf</persName>
                  <note type="bio">
                     <p>Rudolf Karl Bultmann (20. August 1884 – 30. Juli 1976) war ein deutscher evangelischer Theologe und Professor für Neues Testament in Marburg. Mit seinem Programm der Entmythologisierung suchte er, die Botschaft des Neuen Testaments im existenziellen Sinn der Moderne verständlich zu machen. Bultmann verband historisch-kritische Exegese mit existentialistischer Hermeneutik und wurde zu einer der prägenden Gestalten der protestantischen Theologie des 20. Jahrhunderts.</p>
                  </note>
               </person>
               </listPerson><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__815">
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