Der editierte Text

| Haus Stefan
Davos (Details anzeigen)-Platz
28.7.46

Lieber Paulus (Details anzeigen),

Zehn Jahre sind nun schon seit Ihrem Schweizer Besuch vergangen, und ich kann es kaum fassen, so gegenwärtig und lebendig sind in der Erinnerung die schönen Sommertage in Zürich (Details anzeigen) und Genf (Details anzeigen). Und zu diesen schönen und schon ganz verklärten Erinnerungen gesellt sich das Bewusstsein, dass Sie am 20. August (nicht wahr, es ist der Zwanzigste) Ihren sechzigsten Geburtstag feiern.

Lassen Sie mich Ihnen zu diesem Tag die allerherzlichsten Glück- und Segenswünsche senden, auch Frau Hanna [sic!] (Details anzeigen) und der Kinder (Details anzeigen) (Details anzeigen) gedenke ich mit vielen, guten Wünschen.

Erdmuthe (Details anzeigen) und Stefan (Details anzeigen) sind gewiss echte Amerikaner geworden, aber Sie und Ihre liebe Frau (Details anzeigen), wie geht es Ihnen? Haben Sie ausserhalb Ihrer Arbeit in New York (Details anzeigen) Wurzeln fassen können, und nähert sich Ihr Traum, sich in Californien (Details anzeigen) niederlassen zu können, wohl der Verwirklichung?

Sie wissen nicht, wie sehr es mich freuen würde[,] wieder einmal Ihre steile Handschrift zu sehen und daraus zu lesen, wie es Ihnen geht und wie Sie leben. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass Sie mit Arbeit ewig überhäuft sind und gewiss kaum Zeit für Ihre Familie und Ihr Privatleben finden, fasse ich mich von vornherein in Geduld und erwarte diesen Augenblick erst in fernerer Zukunft. Vielleicht werden Sie bald selbst wieder einmal nach Europa (Details anzeigen) und der Schweiz (Details anzeigen) kommen. Ich hatte dies schon für dieses Jahr angenommen als in Genf (Details anzeigen) eine ökumenische Tagung stattfand,1 doch erhielt ich auf Anfrage den freundlichen Bescheid, dass Sie erst in zwei Jahren zu einer nächstfolgenden Zusammenkunft erwartet werden.

Vielleicht sind Ihre eigenen Erinnerungen an vergangenes Zusammensein schon so wirklichkeitsfern und vague [sic!] geworden, dass Sie über meinen Brief erstaunt sind, und so muss ich wohl erklären, dass ich nun schon geraume Weile in der Vergangenheit lebe und denke, mir alles Gewesene lebendig und nah ist, darin zu verweilen eine Gewohnheit, ja vielleicht ein Laster geworden ist, um die allzulangen Mussestunden der schwachpulsierenden Gegenwart auszufüllen. Seit dreieinhalb Jahren liege ich lungenkrank in Davos (Details anzeigen); zweimal während dieser Zeit war ich daran[,] die Grenze zur geistigen Welt zu überschreiten, kam aber entgegen aller ärztlichen Prognosen und meinem eigenen Erstaunen wieder zurück und kure nun einer bei diesem Leiden ja immer sehr relativen Genesung entgegen. Während meiner Abgeschiedenheit hat sich Europa (Details anzeigen) vollends erschöpft; nur die Schweiz (Details anzeigen) ragt als Oase aus dem Chaos heraus. Oft gedenke ich der pessimistischen und so berechtigten Vorausschau an der Professor Löwe (Details anzeigen) mich einmal in Sils (Details anzeigen) teilhaben liess. Ja, und damit bin ich wieder bei einem Erinnerungsabschnitt angelangt. Wie geht es Familie Löwe? Ist sie noch in Manchester (Details anzeigen)? Wie würde es mich freuen[,] auch von ihr zu wissen. Soweit ich selbst unseren ehemaligen Ferienkreis überblicken kann, haben sich innerhalb dessen keine weltbewegenden Ereignisse zugetragen. Das Ehepaar Salis (Details anzeigen) (Details anzeigen) sitzt ziemlich isoliert, getroffen vom Bannstrahl der öffentlichen Meinung, in seinem Häuschen; es hat das Nazibanner im Engadin hochgehalten. Leni Burri (Details anzeigen) ist zu einer behäbigen Hausfrau und Mutter geworden, geniesst immer noch naiv-egoistisch ihr Dasein, und hat sich so wenig verändert, dass sie Frau Hanna [sic!] (Details anzeigen) noch genau so auf die Nerven gehen würde wie anno dazumal. Meine Schwester Elly (Details anzeigen) hat sich dieses Frühjahr ebenfalls verheiratet. Nachdem sie mit allzustrenger Berufsarbeit ihre nie sehr widerstandsfähige Gesundheit ausgebeutet hatte, kommt sie nun endlich dazu ihre Kräfte zu sammeln. Offenbar ist sie| aber doch zäher als ich.

Nachdem ich ziemlich lange in Sanatorien und Kuranstalten herumlagg, ergab sich meiner Mutter (Details anzeigen) die Möglichkeit[,] unser Haus in Küsnacht (Details anzeigen) zu vermieten, und seither betreut und pflegt sie mich selbst. Wir haben eine kleine Wohnung inne, ein Tag läuft wie der andere ab, es ereignet sich nichts, und ich sehne mich wieder danach etwas leisten zu können. Dies ist wohl ein gutes Zeichen. Die Kräfte beginnen wiederzukehren.

Und nun, lieber Paulus (Details anzeigen), grüsse ich Sie auf das Herzlichste und hoffe halt doch aller sachlichen Überlegungen zum Trotz eine Zeile von Ihnen zu erhalten.

Ihre Salome Boller (Details anzeigen).

Wollen Sie die Maschinenschrift verzeihen. Meine Hand ist durch einen Nervenschaden nicht fähig die Feder anständig zu führen.


Fußnoten, Anmerkungen

1Vom 12.–14. Juni fand in Genf (Details anzeigen) eine Tagung der Flüchtlingskommission des Weltrates der Kirchen statt.

Register

aDavos
bTillich, Paul
cZürich
dGenf
eTillich, Hannah
fFarris, Erdmuthe
gTillich, René Johannes Stefan
hFarris, Erdmuthe
iTillich, René Johannes Stefan
jTillich, Hannah
kNew York City
lKalifornien
mEuropa
nSchweiz
oGenf
pGenf
qDavos
rEuropa
sSchweiz
tLöwe, Adolf
uSils Maria/Engadin
vManchester
w
x
yBurri, Leni
zTillich, Hannah
aaBoller, Ella Magdalena
abBoller, Frieda Christina
acKüsnacht
adTillich, Paul
aeBoller, Frida Salome

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/125 (30)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
Davos, Schweiz - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Salome Boller an Paul Tillich vom 23. April 1933

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Salome Boller an Paul Tillich vom 28. Juli 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10962.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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