Der editierte Text

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February 29, 19461

Lieber Paulus (Details anzeigen),

Ich schreibe dieses auf Deutsch weil es ja doch privat ist. Bitte nehmen Sie mirs nicht übel – – aber wie immer kommt es erstens anders, zweitens als man denkt.

Die Situation bei der NATION ist folgendermassen. Ich sprach mit dem sehr netten King Gordon (Details anzeigen), der mich und meine Schreiberei kennt: seitdem ich den ersten Harper-fellowship gewonnen habe, kennen mich auf einmal ne Menge Leute, und ausserdem war ich ja ein Jahr book editor – – so das ist also das. King Gordon (Details anzeigen) sprach mit Margaret Marshall (Details anzeigen), literary editor der NATION, die zwar erst sagte sie schätze mein Werk ausserordentlich, aber folgendes erklärte:

Sie hat ein „sabbatical year“. D. h. in einem Monat kommt ein junger Poet, Randolf Jarrall (Details anzeigen) (er hat eine irrsinnig reiche Frau, Oil money) und übernimmt ihren Platz. Sie hat all die „kulturellen“ departments unter sich, Film, Musik, Drama. Sie will niemanden nehmen bevor er kommt, das wäre also am ersten April. Ich solle also mit dem reden. Das nennt man auf englisch „to pass the buck“.

Zweitens: der Film kritiker der NATION ist ein sonderlicher junger Mann der bei TIME bis vor kurzem im Film Dept. war. Da hat er einfach die NATION Kritiken als Beiprodukt schreiben können. TIME hat ihn jetzt in das Buch dept. versetzt, sodass er die Filme nicht mehr sieht. Er weiss noch nicht, ob er weitermacht oder nicht. Er wurde kürzlich im NEW YORKER und sonstwo angegriffen, da er erklärte, er könne Stücke besprechen, die er nie gesehen habe – – – typischer, surrealistischer und unsauberer Snobbismus. Natürlich kann er dann weiter Filme besprechen auch wenn er sie NICHT sieht ... erinnert mich an selige Wiesengrund (Details anzeigen)-Zeiten der in unserem Seminar – – – erinnern Sie sich – – einen Druckfehler bei Hegel (Details anzeigen) mit allem metaphysischem Applomb interpretierte, und als Sie entdeckten dass es verdruckt war, mit demselben Eifer das Gegenteil interpretierte.

Drittens: das heisst ich würde nach wie vor gerne Kirchwey (Details anzeigen) sehen. Der Jarrall (Details anzeigen) (der neue, kommende literary editor) wird mich ganz anders behandeln wenn ich seinen boss – – der übrigends nett sein soll? – – kenne. Ein neuer editor nimmt was ihm der Editor-in-Chief vorschlägt. Daher: obwohl Marshall (Details anzeigen) erklärt, sie könne nichts machen, ist es sehr gut wenn die Nation im Fall dass der Film kritiker weggehn muss, einen Ersatz im Feuer hat. Es gibt nämlich wenig gute Filmkritiker die für das Honorar der NATION was gutes machen.

Viertens: vielen Dank. Fünftens: vielleicht sehen wir uns wirklich mal? Sind drei Jahre her ...

Lassen Sie mich via unseren Freund hören

Ihr alter Richard (Details anzeigen)

P. S. Ich habe schon graue Haare. Denken Sie –


Fußnoten, Anmerkungen

1Das Jahr 1946 war kein Schaltjahr, daher hat es keinen 29. Februar 1946 gegeben. Vermutlich wurde der Brief am 01. März 1946 geschrieben.

Register

aTillich, Paul
bGordon, John King
cGordon, John King
dMarshall, Margaret Alice
eJarrell, Randall
fAdorno, Theodor W.
gHegel, Georg Wilhelm Friedrich
hKirchwey, Mary Frederika "Freda"
iJarrell, Randall
jMarshall, Margaret Alice
kPlaut, Richard

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/175(3)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Richard Plaut an Paul Tillich vom 26. Februar 1946
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Richard Plaut an Paul Tillich vom 16. August 1946

Entitäten

Personen

Zitiervorschlag

Brief von Richard Plaut an Paul Tillich vom 29. Februar 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10913.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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