Der editierte Text

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Aug. 16, 1946

Lieber Paulus (Details anzeigen):

Ich weiß meine Glückwünsche kommen zu spät. Aber es ist vielleicht ganz nett ein paar Briefe später zu haben wenn der Tumult vorbei ist.

Ich wünsche Ihnen alles Gute zu Ihrem 60. Geburtstag. Ich kanns ja kaum fassen und Ihnen geht es sicher ähnlich. Hoffentlich hatten Sie einen schönen Tag mit nicht zu viel Aufregung, und hoffentlich bringt Ihnen die Zukunft mehr Schönes als es uns allen bisher beschieden war.

Ich erinnere mich ja noch so gut wie Sie nach Frankfurt (Details anzeigen) kamen – – und die ersten Vorlesungen über Goethe (Details anzeigen) und das Klassisch-Humanistische – – und wie das die ersten Vorlesungen eines Professors waren in denen Literatur und Philosophie lebendig wurden. Damals war ich ein junger frecher Dachs: ich glaube ich war etwa 19 oder 20, und ich dachte ich wüsste sehr viel. Das hat sich gründlich geändert.

Dann weiss ich noch wie Sie in Basel (Details anzeigen) uns besuchen kamen und von Amerika (Details anzeigen) berichteten – – es hat ja damals den Dieter Cunz (Details anzeigen), den Oskar Seidlin-Koplowitz (Details anzeigen) und mich mit bestimmt hierher zu kommen. Alles in Allem sind wir ja nicht verhungert auch wenn's oft nicht einfach war. Im Vergleich zu dem was die in Europa (Details anzeigen) mitgemacht haben, ist es alles nichts.

Ich lege Ihnen die Übersetzung eines Artikels aus einer holländischen Zeitung ein,1 den mir meine Schwester Elisabeth (Details anzeigen), die Sie herzlich grüßen lässt, geschickt hat. Elisabeth (Details anzeigen) erholt sich langsam von 4 Jahren underground. Sie ist dünn, und abgearbeitet, und lebt nur für ihre kleine Tochter (Details anzeigen) (8 Jahre alt) aber sie ist tapfer und unermüdlich. Ich bewundere sie sehr. Man fragt sich immer wie man selber das alles durchgehalten hätte. Sie lebte versteckt bei einer frommen Familie, ging nie aus und hatte falsche Papiere. Doch die Papiere kriegte sie erst spät, und solange sie als nichtarische Frau eines Ariers herumlief, war es sehr brenzlig. Die Nazis haben diese kleinen Schikanen mit halbarisch etc. mit ebenso viel Inbrunst durchgeführt wie ihre großen Gaunereien.

Im Moment ist sie zu Besuch bei meinem Vetter in Schweden (Details anzeigen), der da ein nettes kleines Haus an einem See hat und eine unwahrscheinlich idyllische Existenz führt. Sie erholt sich, und die kleine Barbara (Details anzeigen) kommt aus dem Erstaunen nicht heraus, dass man täglich ein Ei essen darf, und dass es richtige goldgelbe Butter gibt.

Ich weiß nicht, lieber Paulus (Details anzeigen), ob Sie wissen dass ich an einem großen Roman schreibe?2 Und dass ich mich langsam der Zeit nähere in der die Frankfurter Universität in meinem Leben eine große Rolle spielte. Wenn Sie einmal zurück sind, im Herbst, oder irgendwann, würde ich mich freuen mit Ihnen über alte Tage zu plaudern – – ich will ein Bild einer liberalen, fortschrittlichen Universität geben, und den Sturm der Nazis hereinnehmen – – damit endet mein Buch etwa. Riezler (Details anzeigen) fungiert, völlig verkleidet, und eventuell auch Sie, aber das hab ich mir noch nicht ausgedacht.

Im Moment bin ich nicht sehr wohl: ich hab einen Defekt im Blut,| nicht genug Calzium, und das macht mich matt und müde und lebensunlustig. Ich kriege aber Einspritzungen und hoffe dass ich bald wieder einigermaßen auf dem Damm sein werde.

Von Ihren Kindern höre ich hie und da – – das letzte über Erdmuthe (Details anzeigen) von Dora Franc (Details anzeigen) wo ich 2 herrliche Wochen verbrachte. Man verbraucht ja wirklich nur ein Drittel seiner Lebensenergie auf dem Lande ...

Bitte grüßen Sie Hannah (Details anzeigen) und ich hoffe wir können uns einmal wiedersehen nach all den langen Jahren – – ich glaube ich habe Sie seit über drei Jahren nicht mehr gesprochen.

Nochmals alles Gute zu Ihrem Geburtstag

Ihr Richard (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Liegt nicht vor.
2Plaut (Details anzeigen) bezieht sich hier auf seinen autobiographischen Roman „The Dragon in the Forest“ (Details anzeigen).

Register

aTillich, Paul
bFrankfurt am Main
cGoethe, Johann Wolfgang von
dBasel
eVereinigte Staaten von Amerika
fCunz, Dieter
gSeidlin, Oskar
hEuropa
iPlaut, Elisabeth
jPlaut, Elisabeth
kMeter, Barbara
lSchweden
mMeter, Barbara
nTillich, Paul
oPlaut, Richard
pPlant, The Dragon in the Forest, 1948
qRiezler, Kurt
rFarris, Erdmuthe
sFranc, Dora
tTillich, Hannah
uPlaut, Richard

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886–1965. Papers, 1894–1974., bMS 649/208(11)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Richard Plaut an Paul Tillich vom 29. Februar 1946

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Richard Plaut an Paul Tillich vom 16. August 1946, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10973.html, Zugriff am ????.

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