Der editierte Text

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Lieber Paulus (Details anzeigen):

Ich weiss nicht, ob Sie ahnen, welche Freude Sie mir mit Ihren „Bemerkungen zu Vernunft und Selbsterhaltung“ bereitet haben. Die Liebe und der Ernst, mit denen Sie durch den Aufsatz gegangen sind, bedeutet mehr Ermutigung als einige der enthusiastischen Aeusserungen, die wir aus dem Munde mancher Leser vernahmen. Ihre Notizen bestärken mich in dem Glauben, dass die freien Bewegungen kleiner Gruppen, von denen Sie auf Seite 15 sprechen, wirklich lebendig sind, und dass ich das Glück habe, in einem solchen Kreis mit Ihnen verbunden zu sein. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.

Gern moechte ich auf jeden einzelnen Punkt ausführlich eingehen, soweit ich nicht einfach einen Irrtum anzuerkennen habe. Ich fuehle jedoch, dass die Arbeit, der ich gegenwaertig jede der allzu wenigen Stunden widme, die mir unvermeidliche Abhaltungen und eine gewisse koerperliche Schwaeche lassen, die einzig wahre Antwort auf die ernsteren Schwierigkeiten darstellt, die es möglicherweise zwischen uns zu klären gibt.

Mein Leben verlaeuft ganz regelmaessig. Morgens mache ich einen kleinen Spaziergang mit Pollock (Details anzeigen), dann schreibe ich im Anschluss an ein ziemlich methodisches Studium Notizen und Entwuerfe, nachmittags sehe ich zumeist Teddie (Details anzeigen), um mit ihm den endgueltigen Text festzustellen. Zuweilen bespreche ich auch mit Marcuse (Details anzeigen) die ihm zufallenden Teile. Der Abend gehoert Pollock (Details anzeigen), manchmal auch Weil (Details anzeigen). Dazwischen liegen Seminare und die Beschäftigung mit den praktischen Fragen des Instituts.

Erst seit kaum zwei Monaten darf ich davon reden, dass |:wir:| am wirklichen Text gearbeitet|:n:| wird. Die ganze Zeit vorher ist mit Studien und anderen Arbeiten dahingegangen, von denen ich freilich keine bedaure. An vorlaeufigen Aufzeichnungen liegt schon eine ganz stattliche Reihe vor, die endgueltige Formulierung wird jedoch noch Jahre beanspruchen. Dies liegt zum kleinen Teil an der |:objektiven:| Schwierigkeit der Aufgabe eine Formulierung der dialektischen Philosophie zu liefern, die den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gerecht wird, zum groesseren Teil an unserer mangelnden Routine, Schwerfaelligkeit des Denkens und der| Unklarheit ueber wichtige Punkte, in der wir immer noch befangen sind. Versprechen Sie sich um Gottes Willen kein grossartiges Ergebnis, am Ende wird nicht vielmehr herauskommen als eine Art Protokoll unserer Ihnen laengst vertrauten Gedanken. Sie werden ohnehin sagen, dass all das in den Diskussionen der und der Sekte im |:4:|6. oder |:5:|7. Jahrhundert schon viel besser formuliert worden sei. Trotzdem erfuellt die Arbeit das Beduerfnis, vor dem wahrscheinlich baldigen Untergang ein bischen klarer zu sehen und etwas |:einiges:| zu hinterlassen, was diesem oder jenem etwas bedeuten mag.

Von der Vorstellung, dass unsere Gedanken „in Amerika (Details anzeigen) durchschlagen“ koennten, wie es in den „Bemerkungen“ auf der ersten Seite heisst, bin ich weit entfernt. Das waere gleichbedeutend mit der Aenderung der Welt. Wir duerfen nicht mehr hoffen, als dass, wenn der Tag einmal anbrechen sollte, das, was wir geschrieben haben, als ein sehr kleines Sternchen erkannt wird, das kaum wahrnehmbar in der grauenhaften Nacht der Gegenwart geschienen hat. Wie sollte der Blick, der in das Feuerwerk der Magazine und der |:anderen:| routinierten Produktionen der wissenschaftlichen und ausserwissenschaftlichen Massenkultur starrt, wenn er sich von dort abwendet, etwas anderes wahrnehmen koennen als eben die Finsternis. Der Vorschlag des „ materialreichen argumentierenden Buchs“ ist gewiss der menschlichste, der uns gemacht werden kann, nicht sowohl wegen der Leser, die dabei „demokratischer“ behandelt würden, als um unserers eigenen aeusseren Schicksals willen. Aber auch Sie selbst werden nicht annehmen, dass eine solche Publikation sich von den literarischen Elementen jener Illumination des Grauens anders unterscheiden koennte, als |:gerade noch:| durch die etwas fremdartige Thesen. Was aber sind Thesen: Die unseren, als |: Leitsätze einer erfolgreichen Publikation:| wuerden dem Bouquet der Raketen noch|:in lautem Fall:| eine neue Farbschattierung hinzufuegen. |:Ich weiss ja wie unendlich gut Sie es meinen:|. Soll es |:aber:| wirklich kein Denken mehr geben, das von der Intention auf Durchschlag so frei ist ! wie von dem, was durchschlaegt, vom menschlichen Anliegen. Ich weiss sehr wohl|:zweifle nicht daran:|, dass es auch |:auch heute:| eine positive |:positive:| Art literarischer Wirksamkeit heute geben kann|:, zu der wir Ja sagen,:| und Sie selbst gehoeren zu den ganz wenigen Beispielen dafuer, aber dazu – mag es an uns oder der Sache liegen – sind wir | einfach|:immer noch:| nicht weit |:stark:| genug.

Ihre Kritik des Stils spricht Gedankengaenge aus, die mir|:uns:| selbst nicht fern liegen. Die Entscheidung zu dem sprachlichen Verfahren, das sie diktatorisch nennen, ist jedoch nicht leichtfaellig getroffen worden. Nur um dies zu belegen und nicht weil darin die massgebenden Gruende entwickelt waeren, zitiere ich eine Stelle aus einer kleinen Abhandlung ueber europaeische Verhaeltnisse, die ich im letzten Jahr geschrieben habe.
„.......(Haupt- und Nebensatz).......“
Bei nicht wenigen kritischen Anmerkungen, in denen Sie Fehler berichtigen und auf Gefahren der Darstellung hinweisen, habe ich nichts anderes zu tun als Ihnen |:kann ich Ihnen nur:| einfach zu danken und beizustimmen |:recht geben:|. Ganz obenan steht natuerlich die Abstempelung von Duns Scotus als eines Dominikaners. Sie haengt damit zusammen, dass ich seit meinen philosophiegeschichtlichen Semestern unter Clemens Baeumker (Details anzeigen) zwar sehr eifrig die Kirchenvaeter aber nicht die Scholastiker gelesen habe. Aus jenen Studienjahren aber hatte sich irgendwo im Unbewussten die Vorstellung erhalten, die Dominikaner wirkten relativ frueh in England (Details anzeigen), vor allem|:besonders:| in Oxford (Details anzeigen). Da sich dort auch ein grosser Teil der Lehrtaetigkeit von Duns Scotus abspielte, so war Duns Scotus|:er:| im Hintergrund meines Kopfes eine truebe Verbindung zu den Dominikanern eingegangen. Gehe|:Bin:| ich uebrigens ganz |:im Irrtum:| fehl, wenn ich glaube, dass auch im Dominikaner-Orden neben den strengen Anti-Scotisten nominalistische und empiristische Stroemungen sich geltend machten? Für d |:D:|ie Ausfuehrungen über Duns (Details anzeigen) und Occam (Details anzeigen)bin ich sehr dankbar |:waren mir jedenfalls willkommen:|.

Dasselbe gilt fuer dass, was Sie ueber Luther (Details anzeigen) sagen. (Meine Erinnerung an das Epitheton „Bestie“ neben dem der „Hure“ und „tollen Naerrin“ truegt mich sicher nicht. Ich habe leider das Material nicht hier, um die Stellen anzugeben. Wenn Sie interessiert sind, werde ich mir jedoch gern die Buecher kommen lassen und sie Ihnen mitteilen.) Ich muss freilich zugeben, dass es mir nicht leichtfaellt, Luther (Details anzeigen) gegenueber die Objektivitaet zu wahren. Wenn Sie ihn patriarchalisch, gesetz- und institutionsfeindlich, wagend, anti-| kapitalistisch, anti-mechanistisch, anti-asketisch nennen, so sprechen Sie damit die Wahrheit aus, aber die Wahrheit implicite. Jeder dieser Begriffe zeigt uns in unserer gegenwaertigen politischen und geographischen Situation die positiven Seiten, aber sie enthalten |:doch:| zugleich das Moment der |:die:| teuflischen Destruktion, das|:die:| wir drueben am Werk sehen. Sie haben mit Recht den Begriff des Patriarchalen an den Anfang gestellt. In der Tat schwingt Luther (Details anzeigen) die maennliche Zuchtrute: er ist der Held des Anti-Semitismus und der Bauernmassaker. Er hat vorweggenommen, was die Goebbels und Streichers sich nur ausdenken konnten und ich habe einschliesslich seiner Bibeluebersetzung kaum eine Zeile von ihm gelesen, bei der ich die Beziehung zu dieser Seite seines Wesens nicht deutlich verspuert haette. Das Patriarchalsche aberist |:ferner:| nicht der einfache Gegensatz zum Buergerlichen, das beweisen gerade die Nazis und ich habe ein Gefuehl, dass wir auch hier noch |:gerade hier in diesem Land einmal:| den |:kühnen:| Wagemut erfahren werden |:können:|, der unter der pazifistischen|:bürgerlichen:|Huelle verborgen ist. Unter dem Legalismus schlummert, kaum fester als drueben von dem Auss|:f:|bruch, die Gesetzesfeindlichkeit, unter dem buergerlichen Puritanismus der Trieb zum Exzess. Die Askese ist doppelsinnig, sie gehoert zur Einrichtung im Schlechten Bestehenden, aber auch zum Widerstand gegen das Unrecht. Wenn man wie wir |:Sie und ich heute:| in einer Atmosphaere sinisterer Sachlichkeit zu existieren hat, erscheint die |:{enthemmte}:| Anti-Askese, |:die:| drueben |:Triumphe feiert:| gerade so lange als das Höhere, bis man sie beim |:das:| frischfroehlichen Morden am Werk sieht |:in nächster Nähe am Werk sieht. Dann sehnt man sich wieder ins mechanistische Bürgertum zurück.:| Mir kommt gerade eine Aufzeichnung ueber Askese in die Hand, die ich vor einiger Zeit notiert habe. Ich hefte sie diesem Brief an 1. Sie ist nichts anderes als eine Art Randbemerkung zur Lektüre der Upanishads, recht einseitig und fragwürdig. Ich sende sie Ihnen bloss als einen Gruss, weil wir gerade darauf zu sprechen kamen.

Ihre Bemerkungen über die Jansenisten wie über Loyola sind mir überaus wertvoll. Ich glaube freilich, dass sich auch für meine Auffassung einiges sagen liesse. Hier handelt es sich wirklich um Auseinandersetzungen im Material und ich hoffe sehr, dass ich den Anteil des Protestantismus bei |:und:| der Gegenreformation an der Erziehung zur industriellen Gesinnung der Massen |:einmal:| deutlicher machen kann, als es in den Behauptungen des Aufsatzes geschah. Sie haben ganz recht, wenn sie diese als ungenügend und fragwürdig bezeichnen. |:Jetzt kann ich leider wieder nur allgemein daherreden – (Gedankenstrich kein Absatz.):| | Die unmittelbare Wirkung des Jesuitismus lässt sich gewiss nur bei den von Ihnen bezeichnetet Gruppen|:der Oberklasse:| feststellen, trotzdem kann sie im Zusammenhang einer|:er ein mächtiges Element der:| geistigen Transformation der Massen gestanden haben, in die alle im|:bildet haben, wie es der Aufsatz:| erwähnten Elemente einzigartige Funktionen ausübten|:unterstellt. Dasselbe gilt für den Protestantismus:|. Auch wenn Ihre Erklärung, der ich gewiss nicht zu widersprechen wage, dass weder die nord- und die ostdeutschen Bauern noch gar das ländliche Proletariat von irgendeiner protestantischen Bewegung je ergriffen worden seien, völlig richtig ist, so will es mir doch scheinen, als ob die religioesen Einflüsse auf die geistige Struktur des europaeischen Industrieproletariats nicht durch die Wirksamkeit der früh- und hochmittelalterlichen Kirche|:nicht:| genügend bezeichnet wären |:seien:|. Gewiss waren im 17. und 18. Jahrhundert in Deutschland (Details anzeigen) |:zusammen:| mit den agrarischen Massen auch die miserabel bezahlten Landpfarrer verwildert, denen zuweilen nicht mehr blieb als der Lohn eines Bauernknechtes. Aber der Einfluss der Religion auf die Verfassung der Massen war nicht bloss ein unmittelbarer, sondern er vollzog sich ebenso sehr durch den Geist der Gesetze und der Verwaltung hindurch, ferner durch das Vorbild der Herren, Bürger und Beamten. Man denke an den Dienst der Burschen und der Mädchen bei den Herrschaften in Stadt und Land und ferner an die Armee. Die europäischen Arbeiter sind durch die Hungerpeitsche und andere Schrecken in die Manufakturen und Fabriken getrieben worden. |:Das duldet keinen Zweifel.:| Dass sie aber nicht immer wieder wegliefen, sobald die Milderung der drakonischen Gesetze eine Chance dazu liess, wie es noch am Anfang der bolschewistischen Industrialisierung in Russland (Details anzeigen) geschah, daran hat, wie ich meine, die neuere Religiositaet ihren mächtigen Anteil. Durch sie ist, wie durch die kulturellen Massnahmen der russischen Bürokratie der Zweckrationalismus des modernen Arbeiters, der ihn zu seinen Leistungen befähigte, |:mit:| entfesselt worden, ähnlich übrigens, wie in Japan (Details anzeigen) durch die Wiedergeburt des Shintoismus und die durch sie veranlasste moderne Restauration des japanischen Buddhismus, asiatische Prozesse, in denen manche Züge der europäischen Religionsentwicklung als Karikatur|:en:| wiederkehren. Übrigens war es eine kleine Genugtuung für mich, dass beim Hinweis auf die diesbezüglichen Behauptungen des Aufsatzes, die zweifelslos der Präzisierung bedarf, auch Ihnen ein Satz unterlaufen ist, wie der über den „ungeheuren Libertinismus| der katholischen Oberschichten der Gegenreformation, des Barok und Rokoko.“|:Sogar Holly Damit nimmt es selbst Hollywood noch auf.:|

Bei der Stelle über die Kleinen in der christlichen Welt und der Aufklärung handelt es sich um ein Missverständnis, an dem der Text des Aufsatzes |:vielleicht:| nicht unschuldig ist. Gemeint ist |:nämlich:| nicht das theologische Problem, in welchen Zustand die ungetauften sterbenden Kinder übergehen, sondern das handgreiflichere, was die christliche Welt nicht sterbenden|:lebendigen:| Kindern angetan hat. Es wird darauf angespielt, dass bis über die Schwelle der Aufklärung das Schicksal der Kleinen, |:von der höchsten Oberklasse abgesehen,:|im allgemeinen |:in der Regel:| unbeschreiblich furchtbar war. Das gilt fürs Mittelalter wie die beginnende Neuzeit, für die katholischen wie für die protestantischen Gegenden. Denken Sie selbst noch an die Jugend von Herder (Details anzeigen) und Fichte (Details anzeigen), welch letzterer einmal den Plan machte|:fasste:|, den Torturen der Erziehung in Schulpfort|:s:| zu entfliehen und wie Robinson (Details anzeigen) auf einer Insel zu leben, ja einen wirklichen Fluchtversuch ausführte. Es versteht sich, dass es den |:Kindern der:| Ärmsten am schlimmsten erging. Das Schicksal der Kinder und Lehrlinge im Mittelalter vollzieht sich auf der Ebene des modernen Konzentrationslagers. Ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich sage, dass bis zum 19. Jahrhundert hin die Sterblichkeit der Kinder nach ihrem 3. und 4. Lebensjahr durch Misshandlung so groß war, wie durch Krankheit und das heisst wirklich nicht wenig. All dies hat nur sehr vermittelt mit der von der Psychoanalyse gemeinten|:{gege??el?}:| individuellen Triebunterdrückung bei den Kindern|:in den Familien:| des 19. Jahrhunderts zu tun, auf die Sie hinweisen. Dies hängt vielmehr direkt mit dem Bild der unschuldigen Kindheit zusammen, das sich die Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts als eine Ausflucht schuf.|:Das |:wirkliche:| Kind musste eben unschuldig sein. :|Im 20. tritt dann die Strukturveränderung des Ödipuskomplexes ein, aufdie der Aufsatz anspielt|:beschreibt:|.

Entscheidend sind die Fragen, die Sie auf Seite 14 und den folgenden „Bemerkungen“ berühren. Ihre Beantwortung, bescheidender gesagt, ihrer Förderung dient im Grund unsere |:meine:| ganze Arbeit hier. Ich |:weiss nicht, ob ich Sie ganz verstanden habe. Mir scheint, in dem was Sie sagen, ??? ein|:wichtiges:| Zugeständnis zu unserer Denkart zu enthalten.:|glaube, dass der Gegensatz |:unserer:| der beiden Auffassungen, im Interesse seiner Aufhebung, zunächst noch radikaler gefasst werden kann, als es in den „Bemerkungen“ geschieht. Indem diese |:Sie:| nämlich die Ansicht von der reinen Entmenschlichung |:verneinen:|, die der Aufsatz übrigens nicht behauptet, | verneinen, setzen Sie zugleich den Begriff der reinen Menschlichkeit, den Sie doch im Interesse der Lehre vom radikal Bösen ablehnen wollen|:, voraus:|. So will es mir wenigstens scheinen. Wenn man aber diesen Begriff oder den der Wahrheit auch nur als theoretische Funktion gelten lässt, geschweige denn als Grundmotiv des Denkens, so wird man finden, dass seine negierende Kraft in der Tat das Leben des Geistes ausmacht. Sie haben Recht, dass man damit „irgendwie ausserhalb“ steht. Aber dieses Draussenstehen lässt sich, wie ich glaube, nicht durch die Angabe irgendeines „Restes“, die Bezeichnung einzelner Gruppen oder Programme als die|:der:| N|:n:|ichtentmenschlichten, bestimmen. Solche Vergegenständlichung scheint mir vielmehr mit der Selbstpreisgabe der Theorie an die ins Unheil verstrickte Praxis identisch zu sein. Ein Beispiel dafür ist der interessante Artikel von Niebuhr (Details anzeigen) „A faith for history's greatest crisis“ in der Juli Nummer von „Fortune“, den ich mit grosser Erschütterung gelesen habe. Schon der Titel zeigt die Waffenstreckung vor dem Pragmatismus an.|:Er begründet aus {dem „Bichn“}, was man sich nur wünschen kann.:|

Wird von jenem Ausserhalb anders gesprochen als durch die sich äussernde Negativität des unbestechlichen Gedankens, so wird das Draussen zum Drinnen, der „Rest“ geht auf und die Gruppen werden aus Zeugen und Kämpfern der Wahrheit zu Apologeten von Gesinnung und Institutionen. Darf ich uns noch einmal selbst zitieren? In |:An:| einer Stelle, an der wir uns mit dem Vorwurf von der Einseitigkeit der Negativität auseinandersetzen, welche |:weil sie:| das Gute an der Macht zu unterschlagen scheint, heisst es
„.....(Die Lüge insinuiert.....“)
Die Vorstellung von der bisherigen Geschichte als Vorgeschichte ist kein Wunderglaube, denn das Denken hängt nicht an den mehr oder minder verifizierbaren Voraussagen einer besseren Gesellschaft. Es vermag jedoch deren, wenn auch noch so schwachen, Garanten zu bilden, indem es der Erfahrung der schlechten Vergangenheit immer wieder die Treue aufsagt. Wenn ich jetzt die letzten Sätze der „Bemerkungen“ wieder lese, so finde ich, dass sie trotz der Widersprüche dem eben Ausgesprochenen gar nicht so fern sind. Diese Identität zur Klarheit zu erheben halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben, deretwegen ich hier bin.

Darf ich Ihnen sagen, dass Ihr Brief2 gegen Ludwig (Details anzeigen) an den Aufbau für mich zu den Lichtblicken im Dunkel| der Emigration gehört.

Ihnen und den Ihrigen sende ich die liebsten Wünsche für einen guten Fortgang der wohlverdienten Erholung, denen sich Maidon (Details anzeigen) aufs wärmste anschliesst.


Fußnoten, Anmerkungen

1liegt nicht vor
2liegt nicht vor

Register

aTillich, Paul
bPollock, Friedrich
cAdorno, Theodor W.
dMarcuse, Herbert
ePollock, Friedrich
fWeil, Felix
gVereinigte Staaten von Amerika
hBaeumker, Clemens
iEngland
jOxford
kDuns Scotus
lWilhelm von Ockham
mLuther, Martin
nLuther, Martin
oLuther, Martin
pDeutschland
qRussland
rJapan
sHerder, Johann Gottfried
tFichte, Johann Gottlieb
u
vNiebuhr, Reinhold
wLudwig, Emil
xHorkheimer, Rose Christine
yHorkheimer, Max

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriflichen Einfügungen

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Max Horkheimer vom 14. Februar 1942
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 13. März 1943

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 12. August 1942, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10589.html, Zugriff am ????.

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