Der editierte Text

| Hannah Arendt (Details anzeigen)
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den
19. August 1942

Prof. Paul Tillich (Details anzeigen)
Union Theological Seminary
New York, N.Y. (Details anzeigen)

Lieber Herr Tillich (Details anzeigen)

Frau Fraenkel (Details anzeigen) hat mich so sehr gedrängt, Ihnen zu schreiben; und so tue ich es denn, obwohl ich überzeugt bin, dass Sie für eine Weile von jüdischen Zuschriften genug haben werden.

Ich habe es bedauert, dass Sie nach Pol (Details anzeigen)s Angriff auf Ihr „Unterbewusstsein“ irgendwelche Erregung oder Uebereiltheit zugestanden haben. Sie hatten, meiner Meinung nach, auch in der Form recht. Warum sollten Sie von einem Menschen nicht sagen dürfen, dass er ein Jude ist? Das Faktum, dass es Juden in der Welt gibt, versuchen doch nur Antisemiten aus der Welt zu schaffen; dafür dürfte Totschlagen dann das einzig probate Mittel sein. Mit andern Worten: Ich habe es bedauert, dass Sie nicht etwa folgendermaßen geantwortet haben: in meinem Mund und in meiner Feder können die Worte Jude, jüdisch, deutsch-jüdisch niemals diskriminierend gemeint sein. Dem Versuch, die Juden auszurotten, können wir ja nicht dadurch begegnen, dass wir erklären es gäbe sie gar nicht. Das wäre genau so ein verhängnisvoller Fehler wie wenn wir deswegen, weil Hitler (Details anzeigen) die Demokratien bekämpft, unsererseits die Existenz von Demokratie leugnen würden. Alle solche Dinge können nur dem Feind helfen; ihm nämlich helfen, dass was er vernichten will, selbst zu liquidieren. Und vielleicht hätten Sie noch versöhnlich hinzufügen können, dass es Ihnen leid tut, dass Ihre Landsleute unter anderen so viel dazu beigetragen haben, diese unselige Konfusion in jüdischen Köpfen anzustiften.

Sie werden mir, hoffe ich, diese freimütige Aeusserung nicht übel nehmen. Ich hätte Sie [sic!] Ihnen wohl auch nicht geschrieben, wenn mir nicht eine Aeusserung von Fränkel (Details anzeigen) nachgegangen wäre, die etwa besagte, dass Ihnen die jüdische Empfindlichkeit anfängt auf die Nerven zu gehen. Und das kann ich sehr gut verstehen, und ich werde auch nicht versuchen, sie zu verteidigen – obwohl wirklich viel dafür spricht, dass wir meistens nicht empfindlich genug sind.

Gegen die jüdische Empfindlichkeit oder das jüdische Misstrauen, die Empfindlichkeit des Pariah der gerne ein Parvenu werden möchte, hilft im Grunde nur eine politische Ueberzeugung: klar zu erklären, dass solange es Unterdrücker und Unterdrückte gibt, man immer noch lieber ein Unterdrückter ist als ein Unterdrücker. Wenn auch jüdische sog. Revolutionäre „empfindlich“ sind, so zeigt das an, dass etwas nicht mit ihnen in Ordnung ist. Es pflegt sich dann meist herauszustellen, dass diese Herren – wie ein jüdischer Revolutionär, Bernard Lazare (Details anzeigen) einmal gesagt hat – die Revolution in der Gesellschaft der anderen wünschen und in der eigenen, jüdischen irgendwie zu umgehen hoffen. Das ist dann eindach eine Form jüdischen Chauvinismus, der sich das Mäntelchen der Weltrevolution umgehängt hat.

Die Menschen aber, mit denen Sie es vermutlich zu tun gehabt haben in dieser Angelegenheit, sind nicht politisch. Nach den Erfahrungen, die sie die wir alle von unserer Schulzeit an gemacht haben, müssen sie misstrauisch sein. Es sei denn, dass sie eine starke ungebrochene Lebensfreude die grosse Dankbarkeit gelehrt hätte, die wir ja alle der Tatsache schulden, dass wir überhaupt existieren; gemessen an dieser Dankbarkeit würde dann die Frage nach der Farbe unserer Haut oder der Form unserer Nasen die richtige und immer etwas humoristische Proportion gewinnen. Vielleicht gibt es auch einige, die zu stolz sind, um empfindlich zu sein, die Vertrauen um jeden Preis riskieren, weil sie Misstrauen unter keinen Umständen ertrügen und weil sie bereit sind, im Falle der Enttäuschung sich niemals auch nur das Allergeringste gefallen zu lassen. Aber das sind schon sehr komplizierte Verhaltensweisen, die man bei niemanden voraussetzen darf. Die Einen haben ein besonders starkes Temperament, die Anderen einen besonders stark ausgeprägten persönlichen Mut; beide stehen dadurch, gewissermassen aus psychologischen Gründen, ausserhalb der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft aber, so wie sie ist, pflegt die jüdische Empfindlichkeit sich leider meist als nur zu berechtigt herauszustellen.

Mit anderen Worten: lieber Herr Tillich (Details anzeigen), Sie haben niemals als Pariah am Rande einer Gesellschaft gelebt; wollen Sie es einem gelernten Pariah wie mir es erlauben, Ihnen gegenüber ein wenig unsere schlechten Nerven zu entschuldigen, die uns so oft dazu verführen, Gespenster zu sehen und reale Feinde zu übersehen?

Mit den besten Grüßen
Ihre


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aArendt, Hannah
bNew York City
cTillich, Paul
dNew York City
eTillich, Paul
fFränkel, Hilde
gPolanyi, Karl
hHitler, Adolf
iFränkel, Hilde
jLazare, Bernard
kTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Frankfurt a.M., Goethe-Universität Frankfurt, Universitätsbibliothek Frankfurt, UBA Ffm, Na 1
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 22. Juli 1942
nächster Brief in der Korrespondenz
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Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 19. August 1942, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10590.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L10590.pdf