Der editierte Text

| 317 W 95th Street
New York (Details anzeigen), den
22. Juli 1942

Lieber Herr Tillich (Details anzeigen)

ich muss Ihnen sagen, wie ungeheuer ich mich gefreut habe über Ihren Protest gegen die Ludwig (Details anzeigen)'sche Hetzrede. Ich bin der Meinung, dass Sie den jüdischen Emigranten mit Ihrer Aufforderung, sich zu dieser Frage zu äussern, einen grossen Dienst erwiesen haben. Wir werden vielleicht durch Ihr mutiges Vorgehen es endlich erreichen können, klare Fronten herzustellen.

Sie haben natürlich ganz recht: es handelt sich um nichts anderes als einen auf den Kopf gestellten Antisemitismus. Dieser ist, fürchte ich, viel populärer als wir ahnen. Ludwig (Details anzeigen) jedenfalls gilt als einer der beliebtesten Redner der Emigration; ich habe die von ihm geäusserten Ansichten von vielen Emigranten schon vernommen und obwohl ich nicht glaube, dass viele Leute es wagen werden, Ihnen öffentlich zu widersprechen, habe ich den Eindruck, dass in diesem Streit innerhalb der Emigration nur eine Minorität eindeutig auf Ihrer Seite stehen wird. Ich hörte bereits, dass Sie eben auch ein Antisemit seien, dass eben alle Goien Antisemiten seien und was derartige törichte Redensarten mehr sind.

Nun scheint mir, dass Sie diese Reaktion wie auch den Vorfall selbst nicht allzu tragisch nehmen dürften. Schliesslich ist nur eine schmale Elite von deutscher Intelligenz weggegangen, während die jüdischen Flüchtlingen naturgemaess in ihrer überwältigenden Mehrheit aus verhinderten Gleichgeschalteten bestehen. Sie holen das nach so gut sie immer können. Das trifft auf Ludwig (Details anzeigen) natürlich besonders zu, der mit seinem Kult der Grossen Männer wirklich das seinige für die Vorbereitung deutschen Bürgertums auf den Führerkult getan hat. Es hat ihn dann ja auch prompt in Mussolini (Details anzeigen)s Arme geleitet, nachdem Hitler (Details anzeigen) offenbar für einen jüdischen Biographen keine Verwendung hatte.

Was nun Ihren Protest selbst anlangt, so begrüsse ich ihn aus zwei Gründen: einmal war ich immer der Meinung, dass der Wald- und Wiesenemigrant, der niemals so genau weiss, ob er gerade ein Jude oder ein Deutscher oder sonst wer ist, für die deutsche politische Emigration eine untragbare Belastung darstellt; und erlauben Sie mir zu sagen, dass ich hoffe, Sie werden gezwungen sein, sich von diesen verhinderten Gleichgeschalteten zu trennen. Was nun uns Juden selbst angeht, so sind wir in einer besonders schwierigen Lage. Bei allen andern Völker vollzieht sich im Verlauf dieses Krieges eine unerbittliche Trennung zwischen den Lumpen und den anständigen Menschen. Bei uns ist dies nicht der Fall: der Jude z. B., der gestern noch Franco (Details anzeigen) finanziert hat oder nach Paris (Details anzeigen) zurückgefahren ist, um dort mit den Nazis Geschäfte zu machen, erscheint morgen und erklärt, er sei ein Flüchtling. Das Schlimmste ist, dass er recht hat; er ist wirklich ein Flüchtling ganz egal was er getan oder gewollt hat. Wir sind natürlich nur zu interessiert daran, diese Herren wenigstens politisch loszuwerden. Es pflegen erfahrungsgemäss die Gleichen zu sein, die dann aus enttäuschter „Liebe“ Vernichtungsmassnahmen oder Moralpredigen vorschlagen. Indem Sie die dem Antisemitismus entsprechenden Verhaltungsweisen der Juden aufdecken, helfen Sie uns natürlich, diese Scheidung zu erzwingen.

Mit allen Guten Wünschen für Ihre Ferien bin ich
Ihre

(Hannah Arendt-Bluecher (Details anzeigen))

P.S. Frau Fraenkel (Details anzeigen) erzaehlte mir gerade, dass das Em. Comm. f. displ. Scholars Sie meinetwegen in den Ferien belästigt hat. Das tut mir aufrichtig leid – und ich danke ebenso aufrichtig für Ihre Hilfe.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aNew York City
bTillich, Paul
cLudwig, Emil
dLudwig, Emil
eLudwig, Emil
fMussolini, Benito
gHitler, Adolf
hFranco, Francisco
iParis
jArendt, Hannah
kFränkel, Hilde

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Frankfurt a.M., Goethe-Universität Frankfurt, Universitätsbibliothek Frankfurt, UBA Ffm, Na 1
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 10. November 1941
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 19. August 1942

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 22. Juli 1942, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10585.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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