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         <titleStmt>
            <title>Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 19. August 1942</title>
            <author ref="#tillich_person_id__75">Hannah Arendt</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
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            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
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                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
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                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
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            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
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                  <country>Deutschland</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__143">Frankfurt a.M.</settlement>
                  <institution>Goethe-Universität Frankfurt</institution>
                  <repository>Universitätsbibliothek Frankfurt</repository>
                  <collection>UBA Ffm</collection>
                  <idno>Na 1<!-- 	The Hannah Arendt Papers at the Library of Congress, General Correspondence 1938-1976  --></idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, maschinenschriftlich <!-- übernommen von einem bereits veröffentlichten Transskript --></p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
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         </sourceDesc>
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            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
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         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
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         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__75">Hannah Arendt</persName>
               <date when="1942-08-19">19.08.1942</date>
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               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
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         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__75">Korrespondenz mit Hannah Arendt</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__75" target="L10585.xml">Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 22. Juli 1942</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCorrespondence" source="#corresp__tillich_person_id__75" target="L10977.xml">Brief von Hannah Arendt an Paul Tillich vom 18. August 1946</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10589.xml">Brief von Max Horkheimer an Paul Tillich vom 12. August 1942</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10591.xml">Brief von Artur F. Michel an Paul Tillich vom 12. September 1942</ref></correspContext></correspDesc>
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            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="1942-08-19"/></creation></profileDesc>
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         <change who="MI" when="2025-12-14">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
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   <text type="letter">
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            <opener><rs ref="#tillich_person_id__75" type="person">Hannah Arendt</rs><lb/>
               317 West 95th Street <rs ref="#tillich_place_id__319" type="place">New York, N.Y.</rs><lb/>
               den <dateline><date when="1942-08-19">19. August 1942</date></dateline><lb/>
               <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Prof. Paul Tillich</rs><lb/>
               Union Theological Seminary<lb/>
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               <salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herr
                  Tillich</rs> –</salute>
            </opener>
            <p><rs ref="#tillich_person_id__3339" type="person">Frau Fraenkel</rs> hat mich so sehr gedrängt, Ihnen zu schreiben;
            und so tue ich es denn, obwohl ich überzeugt bin, dass Sie für eine Weile von jüdischen Zuschriften
            genug haben werden.</p>
            <p>Ich habe es bedauert, dass Sie nach <rs ref="#tillich_person_id__4324" type="person">Pol</rs>s<!-- Zuordung unklar --> Angriff auf Ihr <q>Unterbewusstsein</q>
               irgendwelche Erregung oder Uebereiltheit zugestanden haben. Sie hatten, meiner
               Meinung nach, auch in der Form recht. Warum sollten Sie von einem Menschen nicht
               sagen dürfen, dass er ein Jude ist? Das Faktum, dass es Juden in der Welt gibt,
               versuchen doch nur Antisemiten aus der Welt zu schaffen; dafür dürfte Totschlagen
               dann das einzig probate Mittel sein. Mit andern Worten: Ich habe es bedauert, dass
               Sie nicht etwa folgendermaßen geantwortet haben: in meinem Mund und in meiner Feder
               können die Worte Jude, jüdisch, deutsch-jüdisch niemals diskriminierend gemeint sein.
               Dem Versuch, die Juden auszurotten, können wir ja nicht dadurch begegnen, dass wir
               erklären es gäbe sie gar nicht. Das wäre genau so ein verhängnisvoller Fehler wie
               wenn wir deswegen, weil <rs ref="#tillich_person_id__910" type="person">Hitler</rs>
               die Demokratien bekämpft, unsererseits die Existenz von Demokratie leugnen würden.
               Alle solche Dinge können nur dem Feind helfen; ihm nämlich helfen, dass was er
               vernichten will, selbst zu liquidieren. Und vielleicht hätten Sie noch versöhnlich
               hinzufügen können, dass es Ihnen leid tut, dass Ihre Landsleute unter anderen so viel
               dazu beigetragen haben, diese unselige Konfusion in jüdischen Köpfen anzustiften.</p>
            <p>Sie werden mir, hoffe ich, diese freimütige Aeusserung nicht übel nehmen. Ich hätte
               <sic>Sie</sic> Ihnen wohl auch nicht geschrieben, wenn mir nicht eine Aeusserung von <rs ref="#tillich_person_id__3339" type="person">Fränkel</rs> nachgegangen wäre, die
               etwa besagte, dass Ihnen die jüdische Empfindlichkeit anfängt auf die Nerven zu
               gehen. Und das kann ich sehr gut verstehen, und ich werde auch nicht versuchen, sie
               zu verteidigen – obwohl wirklich viel dafür spricht, dass wir meistens nicht
               empfindlich genug sind.</p>
            <p>Gegen die jüdische Empfindlichkeit oder das jüdische Misstrauen, die Empfindlichkeit
               des Pariah der gerne ein Parvenu werden möchte, hilft im Grunde nur eine politische
               Ueberzeugung: klar zu erklären, dass solange es Unterdrücker und Unterdrückte gibt,
               man immer noch lieber ein Unterdrückter ist als ein Unterdrücker. Wenn auch jüdische
               sog. Revolutionäre <q>empfindlich</q> sind, so zeigt das an, dass etwas nicht mit
               ihnen in Ordnung ist. Es pflegt sich dann meist herauszustellen, dass diese Herren –
               wie ein jüdischer Revolutionär, <rs ref="#tillich_person_id__4325" type="person">Bernard Lazare</rs> einmal gesagt hat – die Revolution in der Gesellschaft der
               anderen wünschen und in der eigenen, jüdischen irgendwie zu umgehen hoffen. Das ist
               dann eindach eine Form jüdischen Chauvinismus, der sich das Mäntelchen der
               Weltrevolution umgehängt hat.</p>
            <p>Die Menschen aber, mit denen Sie es vermutlich zu tun gehabt haben in dieser
               Angelegenheit, sind nicht politisch. Nach den Erfahrungen, die sie die wir alle von
               unserer Schulzeit an gemacht haben, müssen sie misstrauisch sein. Es sei denn, dass
               sie eine starke ungebrochene Lebensfreude die grosse Dankbarkeit gelehrt hätte, die
               wir ja alle der Tatsache schulden, dass wir überhaupt existieren; gemessen an dieser
               Dankbarkeit würde dann die Frage nach der Farbe unserer Haut oder der Form unserer
               Nasen die richtige und immer etwas humoristische Proportion gewinnen. Vielleicht gibt
               es auch einige, die zu stolz sind, um empfindlich zu sein, die Vertrauen um jeden
               Preis riskieren, weil sie Misstrauen unter keinen Umständen ertrügen und weil sie
               bereit sind, im Falle der Enttäuschung sich niemals auch nur das Allergeringste
               gefallen zu lassen. Aber das sind schon sehr komplizierte Verhaltensweisen, die man
               bei niemanden voraussetzen darf. Die Einen haben ein besonders starkes Temperament,
               die Anderen einen besonders stark ausgeprägten persönlichen Mut; beide stehen
               dadurch, gewissermassen aus psychologischen Gründen, ausserhalb der Gesellschaft.
               Innerhalb der Gesellschaft aber, so wie sie ist, pflegt die jüdische Empfindlichkeit
               sich leider meist als nur zu berechtigt herauszustellen.</p>
            <p>Mit anderen Worten: lieber <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">Herr
                  Tillich</rs>, Sie haben niemals als Pariah am Rande einer Gesellschaft gelebt;
               wollen Sie es einem gelernten Pariah wie mir es erlauben, Ihnen gegenüber ein wenig
               unsere schlechten Nerven zu entschuldigen, die uns so oft dazu verführen, Gespenster
               zu sehen und reale Feinde zu übersehen?</p><closer>
               <salute>Mit den besten Grüßen<lb/>Ihre</salute>
            </closer>
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   <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__910">
                  <persName>Hitler, Adolf</persName>
                  <note type="bio">
                     <p>Adolf Hitler (20. April 1889, Braunau am Inn – 30. April 1945, Berlin) war Vorsitzender der NSDAP, seit 1933 Reichskanzler und ab 1934 als „Führer“ diktatorischer Staats- und Regierungschef des Deutschen Reiches. Er entfesselte 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg, der über 70 Millionen Menschen das Leben kostete, und trug die Hauptverantwortung für den Holocaust an den europäischen Juden. Als oberster Befehlshaber der Wehrmacht führte er eine totalitäre Herrschaft, die Terror, Propaganda und aggressive Expansion vereinte und große Teile Europas verwüstete. Beim Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ beging Hitler am 30. April 1945 in Berlin Suizid; eine Grabstätte gibt es nicht.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__4324">
                  <persName>Polanyi, Karl</persName>
                  <occupation>Wirtschaftswissenschaftler</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118836404</idno>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__4325">
                  <persName>Lazare, Bernard</persName>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__3339">
                  <persName>Fränkel, Hilde</persName>
                  <occupation>Sekretärin von Paul Tillich</occupation>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__75">
                  <persName>Arendt, Hannah</persName>
                  <birth>
                     <date>1906-10-14</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Linden (Hannover)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1975-12-04</date>
                     <settlement>
                        <placeName>New York, NY</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Philosophin</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/11850391X</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Linden geboren. 1933 musste die jüdisch stämmige Philosophin Deutschland zunächst verlassen und ging nach Frankreich. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich emigrierte sie später in die Vereinigten Staaten. Besondere Aufmerksamkeit erlangte sie unter anderem für ihr Werk Eichmann in Jerusalem, das sie nach ihrer Teilnahme am Adolf-Eichmann-Prozess verfasste. Darin prägte sie vor allem das Konzept der „Banalität des Bösen“. Wie Paul Tillich zählt auch Hannah Arendt zu den Public Intellectuals des 20. Jahrhunderts.</p>
                  </note>
               </person>
               </listPerson><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__319">
                  <placeName>New York City</placeName>
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