Der editierte Text

| Noch ein Brief an Paul Tillich (Details anzeigen)

I,
Sie haben recht in der Forderung, dass für oder gegen Emil Ludwig (Details anzeigen)s Gleichsetzung von Nazitum und Deutschtum Stellung genommen werden muss. Sachlich stimme ich mit Ihrer Kritik überein. In seinem vor kurzem publizierten Buche „The Germans“ schien Ludwig (Details anzeigen) von einem totalitären Antigermanismus noch entfernt. Er stellte dort deutschen „Geist“ und deutschen „Staat“ einander gegenüber. Wenn er nunmehr in einer stark vergröbernden politischen Propaganda seine eigenen Einsichten zu vergessen scheint, so kann er sich über die Rauhheit der Abwehr nicht beklagen.

Gewiss kann man Ihnen nicht das Recht bestreiten, die Frage auf das Gebiet: Juden und nichtjüdische deutsche Antifaschisten herüberzuspielen. Indessen ... durchaus notwendig scheint mir das nicht zu sein, und es kann Missverständnisse hervorrufen. Es mag sein, dass Ludwig (Details anzeigen)s Stellungnahme bewusst oder unbewusst einem ausufernden jüdischen Vergeltungsbedürfnis entspringt. Und diesem gegenüber ist die Forderung berechtigt, dass der aus Deutschland (Details anzeigen) stammende Jude, von welchem Standpunkt immer, er an die Frage der Zukunft Deutschlands herangeht, seine natürlichen Impulse zügeln sollte. Aber es ist wohl durchaus möglich, dass sowohl Juden, die diese Forderung erfüllen, wie nichtjüdische Deutsche zu ähnlichen Resultaten wie Ludwig (Details anzeigen) gelangen.

Ganz unabhängig von guter oder schlechter Gesinnung, gemässigter oder übertreibender Ausdrucksweise wird von vielen die These vertreten, dass Deutschland als ein politischer Machtkörper immer eine Bedrohung der Welt bleiben muss, und dass der deutsche „Geist“ doch mehr mit der deutschen Angriffslust zu tun hat, als es die „Zwei-Deutschland-These“ wahr haben will. Ich halte die erste Einstellung für falsch und glaube, dass aus der zweiten, die Richtiges enthält, nicht die Folgerung einer Zerschlagung Deutschlands gezogen werden sollte. Aber trotz dieses sachlichen Gegensatzes muss ich dem Nazigegner, der andere Wege bei der Ausrottung der Weltpest gehen will, das Recht seiner ehrlichen Ueberzeugung zugestehen.

Man kann sich eines peinlichen Gefühls nicht ganz erwehren, wenn einem Vertreter dieser These der Mund verboten wird, weil er Jude ist. Man wird das Gefühl nicht los, dass bei einem solchen Verbot in einer sublimierten Form die volle Gleichberechtigung jüdischer und nicht-jüdischer Nazifeinde angetastet wird. Eine politisch fehlerhafte Meinung kann ja wohl von durchaus anständigen Leuten vertreten werden, ob diese nun Nichtjuden oder Juden sein mögen.

II.
Der in der letzten Nummer des „Aufbau“ veröffentlichte v o l l e Wortlaut der Rede Ludwig (Details anzeigen)s macht seinen Fall günstiger. Auch wenn man die Problemstellung mit den erstarrten Schlagworten „Geist“ und „Staat“ für unglücklich hält, kann man ihm kein summarisches Verdammungsurteil gegen das gesamte Deutschtum vorwerfen. Viele werden seine politischen Folgerungen inbezug auf „Erziehung“ und „Regierung“ eines besiegten Deutschlands bekämpfen. Aber der Eindruck, dass er dauernde Versklavung oder die Zerschlagung Deutschlands fordere, war falsch!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aTillich, Paul
bLudwig, Emil
cLudwig, Emil
dLudwig, Emil
eDeutschland
fLudwig, Emil
gLudwig, Emil
hMarck, Siegfried
iChicago, Illinois

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
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Brief von Siegfried Marck an Paul Tillich vom 15. Oktober 1945

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von S. Marck an Paul Tillich vom 7. August 1942, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10587.html, Zugriff am ????.

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