Der editierte Text

|
November 30, 1941

Lieber Herr Tillich (Details anzeigen),

Ihr Brief1 war mir eine Freude und Sie mögen aus der Tatsache, daß ich mit großem Bedauern lange nichts von Ihnen gehört hatte, ersehen, welchen Wert ich auf unsere Beziehungen lege. Ich habe aus der Ferne einen ungefähren Anhalt dafür gewinnen können, wie überlaufen Sie sind. Solch ein Leben hat seine zwei Seiten und in gewisser Beziehung mag ich ganz froh sein, wenigstens einmal im Leben eine besinnliche Periode durchzumachen. Meine hiesige Arbeit ist getragen vom Vertrauen eines weitsichtigen Präsidenten (Details anzeigen), und die Studenten sind sicherlich im Ganzen erfreulich, wahrscheinlich auch nicht hinter den Durchschnittsstudenten anderer Einrichtungen zurückbleibend. Die Nähe von Chicago (Details anzeigen) hat wenigstens bibliothekarische Vorteile. Ich sehe wohl einige Kollegen da und dort, und wie der Betrieb in den Language Departments nun einmal in Amerika (Details anzeigen) ist, hat sich mein alter Grundsatz: „Je ferner das Fach, je netter der Kollege“ hier in unerwartetem Maße bestätigt. Ich habe Zeit gehabt, so manches auszudenken und bin überhaupt in einer gewissen Welle der Lust am Arbeiten. Meine theologische à la suite Stellung kommt mir nach allen Richtungen jetzt zu Gute. Ich rede auf dem Modern Language Congress dies Jahr und werde im Frühling auch im Osten einmal zu Vorträgen auftauchen. Alles in allem aber ist doch die Atmosphäre namentlich der Kollegen hier trotz menschlich guter Beziehungen reichlich armselig, und eine spätere Zeit, die ich gerne erlebte, wird doch das Bild, das ich in dem großen Amerika (Details anzeigen) nur in Klein Elmhurst (Details anzeigen) Verwendung fand, reichlich seltsam erscheinen lassen. Meiner Natur nach angle ich nicht, aber ich bin doch immer wieder erstaunt, wie die Größe des Landes das Wertgefühl eher schwächt als stärkt. Hätte ich nicht meinen Freund Paul Lehmann (Details anzeigen) gefunden, der einfach für mich die Erlösung war, und hätte ich nicht diesen Präsidenten (Details anzeigen), dann würde ich wirklich nicht so harmonisch leben können, wie ich es tue. Auch in der Familie geht es erfreulich, abgesehen von Krankheiten, die nun einmal zum ständigen Intermezzo gehören. Ich bin öfters auch mit Pauck (Details anzeigen) und Sie haben ja auch eine Reihe von Studenten von uns. Die |:Studenten, die wir schicken, :| sind gewiss nicht immer aller Meister Meister, aber es ist –vertraulich gesprochen – auch sehr wichtig für| unsere Kirche (sehr wichtig), daß hie und da Studenten nach Union (Details anzeigen) gehen und nicht nur in das stickige Eden (Details anzeigen). Der Geist dieser Kirche lässt allerdings zu wünschen übrig. Das Ewig Gestrige, der Alumnengeist ist nun einmal doch die Achillesverse auch unserer Institution und man könnte in dieser Hinsicht eine ganze Erziehungsphilosophie schreiben, auch wohl über die Frage, ob diese Staatlichkeit einiger europäischer Länder nicht doch noch eine größere Aufgeschlossenheit garantierte als die ewig nur zurückdenkende und hemmende Verstocktheit der alten Herren, welche das Schicksal der Jugend in solchen kirchlichen Colleges bestimmen und verlangsamen. Aber das alles kann man nicht schriftlich abhandeln. Mit großem Interesse habe ich Ihre Schriftstücke studiert, die Philosophie und Theologie schon das zweite Mal, da ich sie gedruckt sah. Ich möchte nicht in die üblichen Wiederholungen fallen und Sie, wie schon oft geschehen, wieder mit Schelling (Details anzeigen) und – entschuldigen Sie – Hegel (Details anzeigen) in Beziehung setzen. Aber als ich die Dinge uno tenore las, war ich wieder verblüfft darüber. Ich würde selbst in der Diastase oder Zusammensetzung von Philosophie und Theologie andere Scheidungen machen. Andeuten kann ich dabei nur, daß ich Barth (Details anzeigen) nicht unter das setzen würde, was sie kerygmatische Theologie nennen und damit verschiebt sich mir schon einiges. Ich meine |:aber:|, daß Barth (Details anzeigen) ein lebendiger Beweis für Ihre These ist, daß es eine philosophische Theologie gibt, geben muß. Und obwohl nicht „Barthianer“ muß ich sagen, daß für mich doch seine ganze Theologie |:m:|eine Scheidung|:en:| ergibt. Ich nenne ihn mittelalterlich philosophisch, aber total ahistorisch, oder |:er sagt von sich!:| heilsgeschichtlich. Das sind nun ja alles nur Worte und Trivialitäten und, was ich mir hinsichtlich Ihres Themas denke, könnte ich Ihnen nur mündlich auseinandersetzen an einem Bierabend, von dem Sie sagen, daß er nicht mehr stattfindet. Ihre Dogmatik hat mich außerordentlich gefesselt, Ich bleibe dabei, daß Ihr eigentliches Verdienst die Bemühung um das Dämonische ist, womit ich anderes nicht verkleinern will. Auch Ihre Bemerkungen über revelation, miracle, natural events und historical events würde ich wohl gern einmal ausführlich mit Ihnen durchsprechen. Es wäre so viel, was ich auf dem Herzen habe, daß ich nur versprechen kann, gelegentlich darauf zurückzukommen. Ich schicke Ihnen auch |:später:| weiteres von mir. Antwort nicht erwartet, da ich nun weiß, wie Sie belastet sind.

Und nun noch ein Wort zur Lage, die allen Voraussagen spottet. Ich habe seit 1934 gepredigt, daß, ideengeschichtlich konstruiert, Hitler (Details anzeigen) Stalin (Details anzeigen) mit in die Tiefe reißen würde, so oder so, und habe immer auf den Einbruch des Wunders gewartet, ich nenne es so, weil ja die | äußern schwankenden Geschehnisse den Blick immer wieder verhängten. Ich glaube auch jetzt noch daran, daß es schließlich so kommen wird, wobei ich Mussolini (Details anzeigen) gar nicht weiter mehr rechne. Das heißt natürlich nur, daß diese Systeme verschwinden. Daß sie durch Herrn Pétain (Details anzeigen) noch diskreditiert worden sind und werden, d.h. daß die Diktatur nach einer Niederlage noch aufgerichtet wurde in einem europäischen Land, begrüße ich von diesem Gesichtspunkt aus, auch. Aber all dies ist ja nicht das eigentliche große Problem. Die Welt geht Umwandlungen entgegen, von denen sich die allerwenigsten noch eine Vorstellung machen. Und ob nicht schließlich doch die so einfache, logisch|:(!?):| einfache Zusammenfügung der Demokratie und des Sozialismus, nirgends bisher durchgeführt, die Lösung ist, in der eine total erschöpfte Welt, mindestens ein total erschöpftes Europa (Details anzeigen) ausruht und vielleicht auch für eine Weile müde seine Wunden heilt, das wage ich doch als eine Frage aufzustellen. Denn es |:ist:| doch eben so, daß das, was Rationalismus als das Nächstliegende empfindet, (so in Deutschland sicher nach 1918) in der Geschichte immer erst nach unendlichen Umwegen und einem im Kreise Gehen, erreicht wird. Sie haben recht, es kommt doch immer noch ganz anders, als man es sich konstruiert. Ich hoffe, daß der Krieg nicht noch länger als zwei Jahre dauert, zweifle nicht daran, daß Hitler (Details anzeigen), bevor er verschwände, noch die ganze Welt in Brand setzten wird, zerstören |:wird:|, was immer menschliche Phantasie noch als zerstörungsfähig erachtet. Wenn aber England (Details anzeigen) nicht zusammenbricht und andererseits nicht ganz unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten, dann kann Hitler (Details anzeigen) nicht siegen. So glaube ich. Das freilich heißt noch nicht, daß ich vorläufig ein Übergewicht auf der andern Seite erkennen könnte, das nicht letztlich chaotische Zustände für fast alle Beteiligten, – wenigstens zunächst – zeitigen könnte. Und ich würde nicht einmal für Amerika (Details anzeigen) allzu optimistisch sein, wenn ich anzunehmen hätte, daß die Sache noch länger als etwa zwei Jahre fortgeht. Aber alle diese Ausführungen sind ja doch nur Atemzüge von Menschen, die – Tillichisch zu reden – bedingt sind.

Wenn ich im Frühling nach dem Osten komme, hoffe ich Sie zu sehen. Für heute nehmen Sie meine herzlichen Grüße von Haus zu Haus entgegen und lassen Sie mich hoffen, daß wir weiter in Fühlung bleiben, mein lieber Paulus (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1liegt nicht vor

Register

aTillich, Paul
bLehmann, Timothy
cChicago, Illinois
dVereinigte Staaten von Amerika
eVereinigte Staaten von Amerika
fElmhurst College
gLehmann, Paul Louis
hLehmann, Timothy
iPauck, Wilhelm
jUnion Theological Seminary
kEden Theological Seminary
lSchelling, Friedrich Wilhelm Joseph
mHegel, Georg Wilhelm Friedrich
nBarth, Karl
oBarth, Karl
pHitler, Adolf
qStalin, Josef
rMussolini, Benito
sPétain, Philippe
tEuropa
uHitler, Adolf
vEngland
wHitler, Adolf
xVereinigte Staaten von Amerika
yTillich, Paul
zRichter, Werner

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/178(29)
Typ

Brief, maschinenschriftlich mit handschriflichen Einfügungen

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Werner Richter an Paul Tillich vom 28. März 1929

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Werner Richter an Paul Tillich vom 30. November 1941, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10539.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10539.html |titel=Brief von Werner Richter an Paul Tillich vom 30. November 1941 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum=30.11.1941 |abruf=???? }}
L10539.pdf