Der editierte Text

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Lieber Arnold: (Details anzeigen),

Lass mich Dir noch einmal danken fuer Deinen ausfuehrlichen Brief1. Das Peoblem [sic!] , das Du in ihm debattierst, ist im Wesentlichen das Verhältnis von theologischen Prinzipien und praktischem politischem Handeln. Es ist das alte Problem, das wir in genau der gleichen Schwere empfanden, als wir den reliegioesen Sozialismus gründeten. Meine damalige Lösung war, dass es keinen direkten Weg von dem Prinzip der Liebe zu einer bestimmten Form gesellschaftlicher Gestaltung geben kann, dass aber, entsprechend der prophetischen neutestamentlichen Idee der" Zeichen der Zeit " es Forderungen geben kann, die fuer eine bestimmte Zeitsituation aus dem religioesen Prinzip folgen. Wenn die Gesellschaftsordnung faul geworden ist, so hat der prophetische Geist das Recht das im Namen der religioesen Kritik zu sagen. Er hat weiter das Recht bestimmte Richtlinien aufzustellen, die sich aus diesem Prinzip ergeben ( z.B. gerechte Richter, Abschaffung sakraler Daemonien, Wertung der Familie, Vermenschlichung des Herr- Knecht- Verhaeltnisses etc) Genau wie die stoische Philosophie, die in ihren letzten Voraussetzungen die religioese Weltanschauung war, auf die roemischen Kaiser und durch sie auf das roemische Recht einwirkte zum Zwecke der Humanisierung und Emanzipierung, oder wie das Christentum im Mittelalter zahllose Auswuechse der altgermanischen Feudalordnung beschnitten hat, oder wie aus dem protestantischen und sektiererischen Protest gegen die spaet mittelalterliche Zwangseinheit der staatsrechtliche Toleranzgedanke hervorgegangen ist, so hat zur Zeit die Religion das Recht, die Ueberwindung der sich selbst absolut setzenden Souveraenitaeten im sozialen und zwischenstaatlichen Leben zu fordern. Die Zerspaltung in absolut gesetzte Raeume, die letztlich unabhaengig voneinander sind, ist, nachdem sie sich in ihrem Wesen offenbart hat( naemlich als daemonisch zerstoererischer polytheistischer Nationalismus ) nicht mehr ertraeglich von dem Standpunkt der Einheit der Menschheit, die in unseren Zeitalter nicht nur Idee, sondern technisch begruendete Wirklichkeit ist.

Die beiden Prinzipien, die im zweiten Aufsatz entwickelt werden, sind Forderungen die nichts anderes ausdrücken sollen als die Aufhebung dieser zerstoererischen Souverainitaeten [sic!] im oekonomischen wie im politischen Leben. Wie Du weisst, bin ich nicht einmal der Meinung( hier im Unterschied von Niebuhr) (Details anzeigen) dass die Kirche, wenn sie offiziell spricht, ueber die Kritik der Daemonien und die Verkuendigung der Prinzipien hinausgehen darf. | Ich wuerde nie so weit gehen wie es Barth (Details anzeigen) in Reaktion gegen seine fruehere Haltung in seinem Brief an die englischen Christen tut. Aber ich kann mir keine lebendige Religion denken, die es sich gefallen liesse, von einem Urteil ueber ein Prinzip der zukuenftigen Weltgestaltung ausgeschlossen zu werden. Die Frage ist, wie weit eine Religion, vertreten durch einzelne wagende Mitglieder in der Anwendung ihrer Prinzipien auf die konkrete Gestaltung gehen kann. Ich persoenlich wuerde niemals aus religioesen Gruenden eine europaeische Federation der Welt-Federation vorziehen, im Gegenteil. Ich wuerde auch kein religioeses Urteil ueber den Union- Now- Plan faellen. Ich wuerde nicht einmal die Zerschlagung aller Gross- Staaten, ja sogar die angelsaechsische Hegemonie ( oder wenn es so was gaebe die deutsch-russische Hegemonie ) unter allen Umstaenden fuer unchristlich erklaeren. Was aber zur Zeit von der Religion verneint werden muss, ist die Aufrechterhaltung der absoluten und schon durch ihre Absolutheit gottlose Souverainitaet das [sic!] Einzelstaates . Und was sie fordern muss, ist die Herstellung der Einheit des Raumes, fuer die eine Menschheit gegenueber dem polotheistischen [sic!] absoluten Nebeneinander. Wenn in meinen Aufsaetzen nicht klar geworden ist, dass eine religioese Forderung sich nur auf diesen Nein und Ja beziehen kann und nicht auf die technischen Wege seiner Verwirklichung, dann habe ich mich unklar ausgedrueckt und Deine Kritik ist berechtigt.

Das Gleiche gilt für die sozialistische Seite des Problems. Sozialismus im Namen der Religion fordern kann nur das Doppelte heissen : Die Existenz die durch den Profit- Impuls bestimmte unverantwortliche oekonomische Herrenschicht als Quelle der Entmenschlichung des Lebens bekaempfen und positiv die Ordnung fordern in der schoepferische Freiheit aller Einzelnen in die übergreifende Einheit gesichert ist. Dass Leute wie Laski (Details anzeigen) zu aehnlichen Forderungen gekommen sind beunruhigt mich ebensowenig wie es mich je beunruhigt hat, dass Marx (Details anzeigen) zu solchen Forderungen gekommen ist. Der prophetische Geist weht wo er will und ist nicht an die offizielle Religion gebunden. Aber das bedeutet nicht, dass Oekonomen( wie Psychologen, Paedagogen, Mediziner u.s.w. ) Dinge tun oder nicht tun, die von religioesen Belang sind weil sie in direkter Beziehung zu den letzten Prinzipien stehen. Lass mich das am Voelkerbund erlaeutern, dem ich wahrscheinlich viel kritischer gegenueber stehe als Du. Das Prinzip aus dem heraus er concipiert war, naemlich die Einschraenkung der Souveraenitaet zu Gunsten, wenn auch noch so schwachen Einheit, war richtig und es war ein Schritt vorwaerts obgleich die technische Durchfuehrung unzulaenglich und die souveraene Nation als Basis dem Prinzip widersprechend war. Die Europaeische oder Weltfederation ist ein neuerer, vielleicht konsequenterer und vielleicht erfolgreicherer Schritt. Sofern sie aus den gleichen Prinzipien folgt ist sie religioes gefoerdert, sofern sie unzaehlige technische und politische Implikationen hat, ist sie problematisch. |

Ich hoffe, dass Dir dieser Brief wenigstens zeigt, was ich meine, wenn es auch in den 3 Artikeln nicht deutlich zum Ausdruck gekommen ist. Der Gefahr primitiver Identifizierungen bin ich mir genauso bewusst wie Du aber sie werden nicht durch eine Scheidung von religoesem und politischen Handeln ueberwunden. Hier will ich vorlaeufig aufhoeren und hoffe auf Deine Antwort.

Viele, herzliche Grüsse

Paul Tillich (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1liegt nicht vor.

Register

aWolfers, Arnold
bNew Haven (CT)
cWolfers, Arnold
dNiebuhr, Reinhold
eBarth, Karl
fLaski, Harold
gMarx, Karl
hTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/205(45)
Typ

Brief, maschinenschriftlich

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Arnold Wolfers an Paul Tillich vom 10. Januar 1924
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Arnold Wolfers vom 17. April 1946

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Arnold Wolfers vom 29. November 1941, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10538.html, Zugriff am ????.

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L10538.pdf