Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich Januar/Februar 1935

Zum TEI/XML DokumentDeprecated PDFAls PDF herunterladen

Der editierte Text

|
Mittwoch Nachm.

Liebste Hannah (Details anzeigen)!

Gestern fühlte ich mich zum ersten Male richtig einsam, was man so Gott- und Menschen-Verlassenheit nennt. Dabei war ich gar nicht so viel allein: Morgens die englische Stunde, Nachmittags das Kolleg und Abends Vortrag mit Diskussion. Aber damit hat ja, wie ich in dem Vortrag selbst sagte, die metaphysische Einsamkeit gar nichts zu tun. Sie tritt auf bei Vitalitätsverlust; und der hatte zwei Gründe: Einmal habe ich wohl etwas Erkältung in mir sitzen, weswegen ich dieses angezogen im Bett liegend mit einem heissen Citronentee im Leibe schreibe. Ausziehen hat ja erst nach dem Abendbrot Sinn. Aber ich glaube nicht einmal, dass es nötig ist. Zweitens hat mich die {???} etwas aufgeregt. Es ist eine ungeheure Stärkung Hitler (Details anzeigen)s obwohl ich die Rückkehr schon um des Friedens willen bejahe! Es zeigt aber, dass niemandem die Erfahrung am eignem Leibe erspart bleibt. Ich halte das typisch für Europa (Details anzeigen). Die Massen stürzen sich selbst in den Abgrund der Diktatur. –– Vorgestern kam Mannheim (Details anzeigen)s Buch (Details anzeigen), uns beiden gewidmet "im Andenken an 1. Mai 1933." Es ist sehr erschütternd, geht sehr conform | mit Löwe (Details anzeigen)s und meinen Ideen und sehr inconform mit Peter (Details anzeigen) und der New-School. Ich brauche es für die Vorbereitung meiner Vorlesungen in Yale (Details anzeigen) zu nötig, um es Dir jetzt schicken zu können. –– Gestern habe ich die Anthropologie vorgetragen, die ich damals bei uns am Abend vorgelesen habe. Einige haben einiges verstanden. Es war eine lebhafte Diskussion; ein wiederholter Diskussionsabend mit einigen Professoren soll sich daran anschliessen. Die Einwände waren ähnlich, wie im Seminary. Es ist gut, dass ich dies alles für Yale (Details anzeigen) berücksichtigen kann. – Die englische Stunde ist sehr gut. Die Lady studiert Beredsamkeit und bereitet sich immer stundenlang vor, was mir sehr zu Gute kommt. Ich merke aber auch, wie wenig ich kann!

Wieso soll ich mich mit Frau P. (Details anzeigen) in Acht nehmen? Meinst Du wegen {Intriganten}? Sonst ist leider auch nicht der Ansatz einer Gefahr; die einzige ist, dass ich dauernd unhöflich bin, was ich dann wieder durch irgend einen Witz gut machen muss. Pauck (Details anzeigen) selbst habe ich sehr gern. Er gibt mir ein Stück guter Regression in die studentische Periode meines Lebens.|

Meine Vorträge in Smith-College (100$) sind auf den Gründonnerstag und Karfreitag gelegt worden, so dass ich im April 2x weg bin.

Meine geistigen Kräfte sind augenblicklich sehr durch einen Antwortbrief1 an Rosenstock (Details anzeigen) in Anspruch genommen in dem ich viel zur Selbstklärung Wichtiges zu durchdenken habe. Du bekommst ihn, sobald er fertig ist. Er wird sehr lang werden und Dir Arbeit machen, weil ich mehrere Druckschläge haben möchte. Wenn Du es nicht kannst, hilft Dir vielleicht Else Loeb (Details anzeigen) so, dass Du ihr diktierst, da ausser Dir es kaum jemand lesen kann. Ist auch das unmöglich, so muss ich es mit Tinte abschreiben. – Sonst lebe ich sehr in dem Thomas Mann (Details anzeigen), den ich doch für ganz gross halte. Diese Typen vergisst man so wenig wie die grossen Dostojewskischen; und dass es biblische Typen sind erhöht für mich nur den Reiz. Begriffe wie 'Segen' und 'Fluch' erhalten einen ganz neuen Sinn. Auch die astrologische Sprache spielt eine Rolle. Joseph ist 'Mond'. Also vergiss nicht den zweiten Band; auch Goldstein (Details anzeigen)s Buch | brauche ich bald. Hast Du mal was vom Institut, von Wendriner (Details anzeigen), von {Boschritz (Details anzeigen)} gehört?

Ich verstehe Dich ja so in Deinem Willen zu schweigen, zu niemand reden müssen, sein Sein in sich so verteilen, dass es trägt und Gleichmut gibt. Etwas davon tue ich jetzt. Aber wir sind keine Götter. Wir haben nicht die Ganzheit unseres Seins in uns, wie der Gott des Parmenides (Details anzeigen), der eine allseitig abgerundete Kugel ungespaltenen, unvermischten Seins darstellt. Wir sind nicht so, unser Sein ist wie Parmenides (Details anzeigen) wusste mit Nicht-Sein gemischt. Darum brauchen wir das 'Andere', nur das 'Nichtende' meines getrennten, der Kugelform notwendig entbehrenden Seins zu überwinden. Und vor allem, wir brauchen den Gott der, wie in Girgente (Details anzeigen), als der unser nicht Bedürftige und insofern Nicht-Sprechende zu uns spricht und uns die 'Kugel' den 'seligen Sphäros' wie der Prophet von Girgente (Details anzeigen)2 es nennt, zeigt.

In viel Liebe und Sehnsucht!

Dein Paulus (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

1Nicht überliefert.

Register

aTillich, Hannah
bHitler, Adolf
cEuropa
dMannheim, Karl
eMannheim, Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus, 1935
fLöwe, Adolf
gHeimann, Eduard
hYale University
iYale University
jPauck, Olga
kPauck, Wilhelm
lRosenstock- Huessy, Eugen
mLoeb, Else
nMann, Thomas
oGoldstein, Kurt
pWendriner, Karl Georg
qBoschritz
rParmenides
sParmenides
tAgrigent
uAgrigent
vEmpedokles
wTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 721/3(6)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Februar 1935

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich Januar/Februar 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10148.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

{{Internetquelle |url=https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10148.html |titel=Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich Januar/Februar 1935 |werk=Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition. |hrsg=Christian Danz, Friedrich Wilhelm Graf |sprache=de | datum= |abruf=???? }}
L10148.pdf