Der editierte Text

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Liebste Hannah (Details anzeigen)!

Es ist morgens beim Frühstück nach herrlich bei offenem Fenster durchschlafener Nacht. Obgleich im blauen Anzug und ohne Weste beginnt das Geschwitze. Heut früh lag ich eine Stunde im Bett um u Pauck (Details anzeigen) (leider nicht Dich) u nicht zu stören und etwas Süden zu träumen. Es duftete in meiner Nase (mehr als in Wirklichkeit) nach Sorrent (Details anzeigen) und Mentone (Details anzeigen) und meine Seele war mit Deiner ganz vereint. Deine Gedichte sind gekommen und ganz geheim geblieben. Ich liebe sie, wie ich alles liebe was Du schreibst, denkst und fühlst. – Es ist schwierig, hier ordentliche Nachrichten über Deutschland (Details anzeigen) zu kriegen. Nur die Times ist wirklich gut und die ist kaum zu finden. Die allgemeine Wehrpflicht ist einfach die Wiederherstellung der kaiserlichen Armee. Damit ist die alte Feudalschicht wieder völlig obenauf. Die Offiziere der erste Stand. Europa (Details anzeigen) hat seit 1914 nichts gelernt und nichts vergessen. Alle alten Methoden kehren wieder, bis sie zur Selbstvernichtung geführt haben. Das Ganze ist echte Tragödie, unentrinnbar, Ver| flechtung von Schuld und Notwendigkeit, Selbstzerstörung. Während im persönlichen Leben das Christentum das Tragische grundsätzlich überwunden hat, scheint im Völkerleben nichts davon zu wirken. Nur das Leben der Kirche ist nicht tragisch. Es Die Kirche wird immerzu korumpiert; aber sie geht davon nicht zu Grunde, weil sie etwas hat, das nicht aus ihr stammt, sondern immer über ihr ist. Auch das Judentum hat keine tragische Geschichte, sondern eine leidensvolle; tragische Elemente sind es nur, sofern es 'Volk' ist. Es ist aber immer auch mehr als Volk, nämlich sakramentale Gemeinschaft und darin untragisch wie die Kirche. Die Völker aber stehen im tragischen Verhängnis. Darum kann der Jude und der Christ sich nicht mit ihnen identifizieren. Das ist der Sinn der jüdischen und christlichen Emigration zu allen Zeiten.

Vorgestern Abend nach unserer Ankunft bin ich mit Pauck (Details anzeigen) durch die französische Altstadt gebummelt; wir haben hier und da ein Glas Bier getrunken. Auch das ist sehr europäisch. Gestern Vormittag wieder stundenlang; zahllose Althändler; bei einem habe ich eine ganz kleine niedliche Sache für Erdmuthe (Details anzeigen) erstanden. Nachmittag Fahrt | durch die Palmenstrassen der Vorstädte und Parks; durch Neger-Slums unglücklicher Art. Dann 1 1/4 Stunde Radio von Huey Long (Details anzeigen) in dem Raum, wo er sprach: Ein sehr energischer, kluger, aggressiver Typ- Etwas Stupsnase. Aber mehr 'Politician' als politisches Genie...

Ich schicke für Erdmuthe (Details anzeigen) Baumwoll-Frucht mit von den Feldern von Alabama (Details anzeigen) vom vorigen Jahr und einige Blumen. – Ich bin allein hier. Um 5 sind alle abgefahren. In einer halben Stunde fahre ich: Eine Nacht, und einen Tag nach Jacksonville (Details anzeigen)(Florida (Details anzeigen)! Der Schweiss vom Packen fliesst in Strömen, obgleich die Luft Flügel gehen.

Morgen mehr!


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aChicago, Illinois
bTillich, Hannah
cPauck, Wilhelm
dSorrent
eMenton
fDeutschland
gEuropa
hPauck, Wilhelm
iFarris, Erdmuthe
jLong, Huey
kFarris, Erdmuthe
lAlabama
mJacksonville, Florida
nFlorida
oTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 721/3(6)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich von 1935
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich von 1935

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vermutlich 1935, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10149.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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