Der editierte Text

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Lieber Konphilister, verehrter Lehrer (Details anzeigen),

zunächst meinen sehr herzlichen Dank für Deinen lieben Brief1, überhaupt dafür, dass Du noch drüben meiner gedachtest u. unter der verwirrenden Fülle neuer Eindrücke Dir die Zeit zum Schreiben nahmst. Ich weiß das wohl zu würdigen. Darüber hinaus tut unsereinem heute ein Gruß von einem Gleichgesinnten unendlich gut. Man fühlt sich so ungeheuer vereinsamt, mißverstanden, gemieden. Infolge der ungeheuren Enttäuschung, die die Bewegung der "Deutschen Christen" innerhalb der Kirche bereitete, ist es unter den Kollegen etwas besser geworden: man wird jetzt wenigstens nicht mehr diffamiert, als "antireal" verdächtig angesehn, man kommt sogar wieder zu einigem Ansehen. Aber außerhalb der Kirche setzt sogar der Druck aufs neue ein. Wenigstens kann eine heutige offiziöse Auslassung in der Presse kaum anders verstanden werden. Ein geistiges Martyrium steht uns also nach wie vor besser - oder vielmehr: wir erleiden es jetzt schon. Unsere Überzeugung wird täglich einer Probe unterworfen u. von uns jedenfalls wird "eine herrische Haltung" gefordert. Ich darf Dich bitten, das nicht zu vergessen und Deines Glückes zu gedenken, {da} sich oft mir die "Stimme eines Predigers in der Wüste" {vorkommt}.

Der i. furchtbare Schlag des neuen Jahrs ist deine Entlassung (unter dem 5.I. in der "Frankfurter Zeitung" veröffentlicht.) Die Entscheidung ist also gefallen u. es herrscht endlich Klarheit. Unter diesen Umständen war Deine Übersiedlung das einzig richtige. Für Dich wie für uns. Für Dich: nachdem die Regierung immer mehr sich von einem wirklichen Sozialismus u. Sozialisieren lossagte, der einstige Vorkämpfer bei der N.S.D.A.P, Göbbels (Details anzeigen) jetzt den {Spenglerischen (Details anzeigen)} "Sozialismus" (der {Barschöne} "Preußentum u. Sozialismus" unseligen Angedenkens) für den genuin "Deutschen Sozialismus" u. das Regierungsprogramm erklärt, war eine Durchführung meiner Gedanken, wie ich sie im August v. J. noch für möglich hielt, ausgeschlossen. Du hättest nirgends mehr das Wort erhalten. Auch kein Verlag hätte Dir noch eine Zeile gedruckt. Du tatest recht, daß Du gingest. Ich verüble es Dir nicht. Aber bitten müssen Deine Schüler, daß Du sie nicht im Stich lässt. {Jänich} hat vor einiger | Zeit gesagt, es sei ein besonderes Privilegium, daß ihnen, den Schweizern, noch Zeit zur Besinnung gegönnt sei. So fasse ich auch dein neues Domizil auf. Wir haben hier kaum mehr die Ruhe zu wissenschaftlicher Arbeit, kaum zur Verarbeitung dessen, was jeder Tag bringt. Und jede Aussprache ist gehindert durch das Mißtrauen: Man weiß ja nie, ob der andere bewußter oder unbewußter korrumpiert ist. Omnia mea mecum porto – das ist jetzt das i. Gebot.

Zur Lage: die Kirche hat jetzt das offene u. erstarkte Neuheidentum tatkräftig abgewiesen. Man kann sagen: Karl Barth (Details anzeigen) - der übrigens unermüdlich Flugschriften verfaßt - hat den Protestantismus gerettet. Das ist sicher nichts Kleines u. wir danken es ihm. Aber das Leidige ist, daß Barth (Details anzeigen) zwar mit gigantischer Härte Nein! sagen kann, aber kein Ja! herausbringt. Die Folge wird sein, daß die { Neuertheologie} siegt auf der ganzen Linie. Sie ist die religiös Stärkere. Auch ist durch die kirchenpolitische Auseinandersetzung jeder Gedanke einer "Kulturtheologie" so verfemt und diskreditiert, daß sie von der Theologenschaft von vornherein abgelehnt wird. So wird das Schicksal der Kirche das "Emigrantenlos" im äußeren u. inneren Sinn sein: Die politische Bewegung flutet jetzt an ihr vorüber u. der Geisteskampf weiß mit dem {Degenertismus} nichts anzufangen. In den Strudel der politischen Katastrophe der "polit. Romantik", wie Du einst gefürchtet, wird sie wahrscheinlich nicht mehr hineingerissen, dafür wird sie zum alten Eisen geworfen von den z. Zt. führenden u. Geschichte machenden Schichten. Und auch das darf nicht sein. So komme ich wieder auf meine Bitte von Ostern letzten Jahres zurück: gib uns, so bald als möglich, Deine Glaubenslehre! Ich spreche hier nicht allein. Dr. Paulus (Details anzeigen) hat es eben wieder geschrieben: Tillich (Details anzeigen) darf uns nicht verloren gehen. Er schuldet uns auch viel! Ja, wir erwarten noch Großes von Dir. Nämlich nicht Geringeres als die Grundlagen einer neuen protestantischen Lehre!

Im übrigen: wenn Du drüben etwas veröffentlichst, lass es auch mich wissen. Mein Bruder ist gewiß bereit, die Übersendung zu besorgen. Sodenn: Ist dein Vortrag vom Juli 32 in Frankfurt: "der deutsche Idealismus u. das prolet. Schicksal" irgendwo gedruckt worden? Für unsere Studien über den deutschen Idealismus, an dem Paulus (Details anzeigen) und ich gleichermaßen interessiert sind, wäre es uns von hohem Wert. Endlich: vor ein paar Jahren hast Du eine Ausstellung des "Dresdner Kunstdienstes" in Berlin (Details anzeigen) eröffnet, in der Du Grundsätzliches zum protest. Kultus ausgesprochen haben sollst. Nachdem die Berneuchener unter Ritter (Details anzeigen)'s Führung immer mehr archaisieren (1. die eben erschienenen "Gebote f. das Jahr der Kirche"!) müssen wir auf Deine Richtlinien zurückkommen. Wo sind sie erschienen?

Nun ist's schier ein Wunschzettel geworden. Verzeih! Aber daraus darfst Du sehen, daß ich u. Deine Schüler Dich nicht entlassen haben, nie entlassen werden.

|:Darf ich bitten, meinen Bruder zu grüßen, wenn Du ihn treffen solltest? Und sei selbst aufs beste gegrüßt von Deinem Dir verbundenen :|

Adolf Müller (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1nicht überliefert

Register

aGöttingen
bLangenau
cTillich, Paul
dGoebbels, Joseph
eSpengler, Oswald
fBarth, Karl
gBarth, Karl
hPaulus, Dr.
iTillich, Paul
jPaulus, Dr.
kBerlin
lRitter, Karl Bernhard
mMüller, Adolf

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/168(2)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Adolf Müller an Paul Tillich vom 08. Januar 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10026.html, Zugriff am ????.

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