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         <titleStmt>
            <title>Brief von Adolf Müller an Paul Tillich vom 08. Januar 1934</title>
            <author ref="#tillich_person_id__1358">Adolf Müller</author>
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               <resp>Editor</resp>
               <name key="https://orcid.org/0009-0000-3962-1240">Manuel Inselmann</name>
            </respStmt>
         </titleStmt>
         <editionStmt>
            <edition>
               <title type="editionstitel">Edition der Korrespondenz von Paul Tillich
                  1933-1951</title>
            </edition>
         </editionStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>
               <name>Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft</name>
               <address>
                  <street>Schenkenstraße 8-10</street>
                  <postCode>1010</postCode>
                  <placeName ref="#tillich_place_id__470">
                     <settlement>Wien</settlement>
                     <country>Österreich</country>
                  </placeName>
               </address>
            </publisher>
            <availability>
               <licence target="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons
                  Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)</licence>
            </availability>
         </publicationStmt>
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                  <country>USA</country>
                  <settlement ref="#tillich_place_id__82">Cambridge, MA</settlement>
                  <institution>Harvard University</institution>
                  <repository>Harvard Divinity School Library</repository>
                  <collection>Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974.</collection>
                  <idno>bMS 649/168(2)</idno>
               </msIdentifier>
               <physDesc>
                  <p>Brief, eigenhändig</p>
                  <!-- SIEHE DAZU PHYSDECS-DOKUMENT AUF SERVER -->
               </physDesc>
            </msDesc>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
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         <projectDesc>
            <p>online-Edition: Edition der Korrespondenz von Paul Tillich 1933-1951.</p>
         </projectDesc>
         <editorialDecl>
            <p>Die Ausgabe folgt folgenden Editorischen Richtlinien des DTA-Basisformats. Vgl.
               https://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/</p>
         </editorialDecl>
      </encodingDesc>
      <profileDesc>
         <correspDesc>
            <correspAction type="sent">
               <persName ref="#tillich_person_id__1358">Adolf Müller</persName>
               <date when="1934-01-08">08.01.1934</date>
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            <correspAction type="received">
               <persName ref="#tillich_person_id__1928">Paul Tillich</persName>
            </correspAction>
         <correspContext><ref type="belongsToCorrespondence" target="#corresp__tillich_person_id__1358">Korrespondenz mit Adolf Müller</ref><ref subtype="previous_letter" type="withinCollection" target="L10025.xml">Brief von Paul Tillich an Johannes Tillich vom 06. Januar 1934</ref><ref subtype="next_letter" type="withinCollection" target="L10029.xml">Brief von Paul Tillich an Elisabeth Seeberger vom 1. Februar 1934</ref></correspContext></correspDesc>
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            <language ident="deu">Deutsch</language>
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      <creation><date type="sort" when="1934-01-08"/></creation></profileDesc>
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         <change who="MI" when="2025-04-11">Initiale Auszeichnung des Transkripts</change>
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   <text type="letter">
      <!-- AB HIER GEHT DER EIGENTLICH BRIEF LOS -->
      <body>
         <div type="writingSession">
            <pb n="1"/>
            <opener><dateline><rs ref="#tillich_place_id__743" type="place">Göttingen</rs>, <unclear>Rast</unclear> <rs ref="#tillich_place_id__744" type="place">Langenau, Württ.</rs>, <date when="1934-01-08"> den 8. I. 1934</date></dateline>
               <salute>Lieber <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="person">
                  Konphilister, verehrter Lehrer</rs>,</salute>
            </opener>
            <p>zunächst meinen sehr herzlichen Dank für Deinen lieben Brief<note type="ea">nicht überliefert</note>, überhaupt dafür, dass
               Du noch drüben meiner gedachtest u. unter der verwirrenden Fülle neuer Eindrücke Dir
               die Zeit zum Schreiben nahmst. Ich weiß das wohl zu würdigen. Darüber hinaus tut
               unsereinem heute ein Gruß von einem Gleichgesinnten unendlich gut. Man fühlt sich so
               ungeheuer vereinsamt, mißverstanden, gemieden. Infolge der ungeheuren Enttäuschung,
               die die Bewegung der "Deutschen Christen" innerhalb der Kirche bereitete, ist es
               unter den Kollegen etwas besser geworden: man wird jetzt wenigstens nicht mehr
               diffamiert, als "antireal" verdächtig angesehn, man kommt sogar wieder zu einigem
               Ansehen. Aber außerhalb der Kirche setzt sogar der Druck aufs neue ein. Wenigstens
               kann eine heutige offiziöse Auslassung in der Presse kaum anders verstanden werden.
               Ein geistiges Martyrium steht uns also nach wie vor besser - oder vielmehr: wir
               erleiden es jetzt schon. Unsere Überzeugung wird täglich einer Probe unterworfen u.
               von uns jedenfalls wird "eine herrische Haltung" gefordert. Ich darf Dich bitten, das
               nicht zu vergessen und Deines Glückes zu gedenken, <unclear reason="illegible">da</unclear> sich oft mir die "Stimme eines Predigers in der Wüste" <unclear reason="illegible">vorkommt</unclear>. </p>
            <p>Der i. furchtbare Schlag des neuen Jahrs ist deine Entlassung (unter dem 5.I. in der
               "Frankfurter Zeitung" veröffentlicht.) Die Entscheidung ist also gefallen u. es
               herrscht endlich Klarheit. Unter diesen Umständen war Deine Übersiedlung das einzig
               richtige. Für Dich wie für uns. Für Dich: nachdem die Regierung immer mehr sich von
               einem wirklichen Sozialismus u. Sozialisieren lossagte, der einstige Vorkämpfer bei
               der N.S.D.A.P, <rs ref="#tillich_person_id__687" type="person">Göbbels</rs> jetzt den
                     <unclear><rs ref="#tillich_person_id__1826" type="person">Spenglerischen</rs></unclear> "Sozialismus" (der <unclear>Barschöne</unclear>
               "Preußentum u. Sozialismus" unseligen Angedenkens) für den genuin "Deutschen
               Sozialismus" u. das Regierungsprogramm erklärt, war eine Durchführung meiner
               Gedanken, wie ich sie im August v. J. noch für möglich hielt, ausgeschlossen. Du
               hättest nirgends mehr das Wort erhalten. Auch kein Verlag hätte Dir noch eine Zeile
               gedruckt. Du tatest recht, daß Du gingest. Ich verüble es Dir nicht. Aber bitten
               müssen Deine Schüler, daß Du sie nicht im Stich lässt. <unclear>Jänich</unclear> hat
               vor einiger <pb n="2"/> Zeit gesagt, es sei ein besonderes Privilegium, daß ihnen,
               den Schweizern, noch Zeit zur Besinnung gegönnt sei. So fasse ich auch dein neues
               Domizil auf. Wir haben hier kaum mehr die Ruhe zu wissenschaftlicher Arbeit, kaum zur
               Verarbeitung dessen, was jeder Tag bringt. Und jede Aussprache ist gehindert durch
               das Mißtrauen: Man weiß ja nie, ob der andere bewußter oder unbewußter korrumpiert
               ist. Omnia mea mecum porto – das ist jetzt das i. Gebot.</p>
            <p>Zur Lage: die Kirche hat jetzt das offene u. erstarkte Neuheidentum tatkräftig
               abgewiesen. Man kann sagen: <rs ref="#tillich_person_id__137" type="person">Karl
                  Barth</rs> - der übrigens unermüdlich Flugschriften verfaßt - hat den
               Protestantismus gerettet. Das ist sicher nichts Kleines u. wir danken es ihm. Aber
               das Leidige ist, daß <rs ref="#tillich_person_id__137" type="person">Barth</rs> zwar
               mit gigantischer Härte Nein! sagen kann, aber kein Ja! herausbringt. Die Folge wird
               sein, daß die <unclear reason="illegible"> Neuertheologie</unclear> siegt auf der
               ganzen Linie. Sie ist die religiös Stärkere. Auch ist durch die kirchenpolitische
               Auseinandersetzung jeder Gedanke einer "Kulturtheologie" so verfemt und
               diskreditiert, daß sie von der Theologenschaft von vornherein abgelehnt wird. So wird
               das Schicksal der Kirche das "Emigrantenlos" im äußeren u. inneren Sinn sein: Die
               politische Bewegung flutet jetzt an ihr vorüber u. der Geisteskampf weiß mit dem
                  <unclear reason="illegible">Degenertismus</unclear> nichts anzufangen. In den
               Strudel der politischen Katastrophe der "polit. Romantik", wie Du einst gefürchtet,
               wird sie wahrscheinlich nicht mehr hineingerissen, dafür wird sie zum alten Eisen
               geworfen von den z. Zt. führenden u. Geschichte machenden Schichten. Und auch das
               darf nicht sein. So komme ich wieder auf meine Bitte von Ostern letzten Jahres
               zurück: gib uns, so bald als möglich, Deine Glaubenslehre! Ich spreche hier nicht
               allein. <rs ref="#tillich_person_id__3271" type="person">Dr. Paulus </rs> hat es 
               eben wieder geschrieben: <rs ref="#tillich_person_id__1928" type="place">Tillich</rs>
               darf uns nicht verloren gehen. Er schuldet uns auch viel! Ja, wir erwarten noch
               Großes von Dir. Nämlich nicht Geringeres als die Grundlagen einer neuen
               protestantischen Lehre! </p>
            <p>Im übrigen: wenn Du drüben etwas veröffentlichst, lass es auch mich wissen. Mein
               Bruder ist gewiß bereit, die Übersendung zu besorgen. Sodenn: Ist dein Vortrag vom
               Juli 32 in Frankfurt: "der deutsche Idealismus u. das prolet. Schicksal" irgendwo
               gedruckt worden? Für unsere Studien über den deutschen Idealismus, an dem <rs ref="#tillich_person_id__3271" type="person">Paulus</rs> und ich gleichermaßen interessiert sind, wäre es uns von
               hohem Wert. Endlich: vor ein paar Jahren hast Du eine Ausstellung des "Dresdner
               Kunstdienstes" in <rs ref="#tillich_place_id__37" type="place">Berlin</rs> eröffnet,
               in der Du Grundsätzliches zum protest. Kultus ausgesprochen haben sollst. Nachdem die
               Berneuchener unter <rs ref="#tillich_person_id__1617" type="person">Ritter</rs>'s Führung
               immer mehr archaisieren (1. die eben erschienenen "Gebote f. das Jahr der Kirche"!)
               müssen wir auf Deine Richtlinien zurückkommen. Wo sind sie erschienen?</p>
            <p>Nun ist's schier ein Wunschzettel geworden. Verzeih! Aber daraus darfst Du sehen, daß ich
            u. Deine Schüler Dich nicht entlassen haben, nie entlassen werden.</p>
            <closer>
               <salute><add place="Briefrand oben">Darf ich bitten, meinen Bruder zu grüßen, wenn Du ihn treffen solltest? Und sei selbst aufs beste gegrüßt
               von Deinem Dir verbundenen
               </add></salute>
               <signed><rs ref="#tillich_person_id__1358" type="person">Adolf Müller</rs></signed>
            </closer>
         </div>
      </body>
   <back><listPerson><person xml:id="tillich_person_id__1358">
                  <persName>Müller, Adolf</persName>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1617">
                  <persName>Ritter, Karl Bernhard</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118745476</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Karl Bernhard Ritter (17. März 1890 – 15. August 1968) war ein evangelischer Theologe und Politiker aus Deutschland, der nacheinander der DNVP und der KVP angehörte. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie und der Promotion 1912 nahm er als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Ab 1919 war er Pfarrer in Berlin und saß bis 1924 als DNVP-Abgeordneter im Preußischen Landtag. Er gehörte zu den Gründern der Berneuchener Bewegung und 1931 der Michaelsbruderschaft, deren erster Leiter er wurde. Ab 1925 wirkte er an der reformierten Universitätskirche Marburg. Im Kirchenkampf engagierte er sich gegen die Deutschen Christen und schloss sich der Bekennenden Kirche an. Nach 1945 wurde er Kirchenrat und Dekan in Marburg und setzte sich für das Bischofsamt ein.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__137">
                  <persName>Barth, Karl</persName>
                  <occupation>Theologe</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118506803</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Karl Barth (10. Mai 1886 – 10. Dezember 1968) war ein Schweizer reformierter Theologe und einer der bedeutendsten evangelischen Dogmatiker des 20. Jahrhunderts. Nach dem Studium arbeitete er als Pfarrer, später lehrte er als Professor in Deutschland und Basel. 1935 wies ihn das NS-Regime wegen seiner Gegnerschaft aus. Mit der Auslegung des Römerbriefs begründete er die Dialektische Theologie und wandte sich gegen den liberalen Protestantismus. Hauptwerk blieb die Kirchliche Dogmatik. Mit Paul Tillich verband ihn ein anhaltender theologischer Austausch, in dem beide gegensätzliche Positionen vertraten, etwa zur analogia entis.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1928">
                  <persName>Tillich, Paul</persName>
                  <birth>
                     <date>1886-08-20</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Starzeddel, Niederschlesien (heute Polen)</placeName>
                     </settlement>
                  </birth>
                  <death>
                     <date>1965-10-22</date>
                     <settlement>
                        <placeName>Chicago, Illinois, USA</placeName>
                     </settlement>
                  </death>
                  <occupation>Theologe, Religionsphilosoph und Pfarrer</occupation>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118622692</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Paul Tillich (20. August 1886 – 22. Oktober 1965) war ein deutscher evangelischer Theologe und Religionsphilosoph. Nach seiner Tätigkeit als Feldprediger im Ersten Weltkrieg lehrte er an verschiedenen Universitäten in Deutschland, bis er 1933 emigrieren musste und in den USA wirkte, unter anderem in New York, Harvard und Chicago. Tillich entwickelte eine Theologie der Kultur und verstand Religion als das „was uns unbedingt angeht“. In seiner „Systematic Theology“ formulierte er die Methode der Korrelation und deutete Gott als „Macht des Seins“. Seine Arbeiten verbinden Theologie, Philosophie und Existenzdenken und hatten großen Einfluss auf das religiöse Denken der Moderne.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__687">
                  <persName>Goebbels, Joseph</persName>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__1826">
                  <persName>Spengler, Oswald</persName>
                  <idno type="gnd">https://d-nb.info/gnd/118616110</idno>
                  <note type="bio">
                     <p>Oswald Spengler (29. Mai 1880 – 8. Mai 1936) wirkte als Kulturphilosoph und politischer Schriftsteller. In seinem Werk Der Untergang des Abendlandes (1918/22) verstand er Geschichte als zyklisches Werden und Vergehen von Hochkulturen und sah Europa in einer Phase des Niedergangs. Das Buch wurde trotz Kritik ein Bestseller und prägte die konservative Revolution. Spengler lehnte Liberalismus und Parlamentarismus ab, hielt zum Nationalsozialismus Distanz und wandte sich später anthropologischen Fragestellungen zu.</p>
                  </note>
               </person>
               <person xml:id="tillich_person_id__3271">
                  <persName>Paulus, Dr.</persName>
               </person>
               </listPerson><listPlace><place xml:id="tillich_place_id__744">
                  <placeName>Langenau</placeName>
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