Undatierter Brief von Paul Tillich an Herrmann Schafft vermutlich Frühjahr 1934

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Der editierte Text

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12Lieber Hermann (Details anzeigen)!

Deine beiden Briefe3 habe ich erhalten. Sie kamen ziemlich kurz nacheinander an. Nicht nur ich, sondern alle unsere Freunde sind Dir zu großem Dank für Deinen zweiten Brief verpflichtet. Während wir die Tatsachen hier meistens besser wissen, als die drin, sind uns solche Schilderungen, wie Du sie gibst, etwas völlig Neues. Erst durch Deinen Brief habe ich die reale ungeheuere Gefahr der Paganisierung, von der ich hier oft gesprochen habe, kennengelernt. In meinem hiesigen ersten Vortrag über die religiöse Lage in Deutschland (Details anzeigen) sprach ich als mögliche Zukunftsperspektive von einer kleinen Insel orthodoxer Kirchlichkeit in einem Ozean von Heidentum. Ich wußte damals noch nicht, da ich Deinen Brief noch nicht hatte, wie sehr diese Vision die Wirklichkeit war. Ich bitte Dich darum, schreibe, soviel Du irgend kannst. Es handelt sich darum, den Weltprotestantismus zu zwingen, die deutsche Realität als eigenes Schicksal zu sehen und auf sich zu nehmen. Denn auch hier gibt es einen entleerten Säkularismus und eine heidnisch-barbarische Unterströmung. In der nächsten Woche spreche ich über all diese Dinge in Chicago (Details anzeigen) und Oberlin (Details anzeigen) an verschiedenen Universitäten. Es ist nur so schade, daß der Zwang, Englisch zu reden, alle feineren Nuancen unmöglich macht. Die Broschüren sind auch angekommen. Daß Du mein geliebtes Italien (Details anzeigen) siehst, ist mir eine große Freude. In Rom (Details anzeigen) kannst Du mindestens hundert Kirchen grüßen, die ich mit Hannah (Details anzeigen) besucht habe. Und wenn Du unter den Zypressen der Villa d'Este in Tivoli (Details anzeigen) liegst, denke an uns.

Und nun Deine Frage nach dem Haus von Goesch (Details anzeigen) in Ascona (Details anzeigen). Nach unserer letzten Orientierung wohnt in dem einen dieser Häuser Baronin Fides Stietencron (Details anzeigen), die älteste Tochter von Goesch (Details anzeigen) mit ihrem Mann (Details anzeigen) und ihren drei Kindern (Details anzeigen) (Details anzeigen) (Details anzeigen). An sie mußt Du unter Berufung auf mich schreiben. Die Adresse ist: Ronco sopra Ascona (Details anzeigen), Tessin (Schweiz (Details anzeigen)) Casa Goesch. Falls irgend etwas frei ist, werden sie es Dir sehr gern vermieten, da sie in schwieriger Geldlage sind. Falls Du keine positive Antwort bekommst, fahre einfach nach Ascona (Details anzeigen), nimm Dir für eine Nacht ein Hotel und suche Dir dann etwas. Du wirst reichlich billige Zimmer finden, und auch sonstige Möglichkeiten billig zu leben. Ronco (Details anzeigen) noch mehr als Ascona (Details anzeigen) ist ein Paradies. Doch ist Ascona (Details anzeigen) insofern günstiger, als es einen herrlichen Badestrand hat. Wenn Du lange dort bleibst, kann es passieren, daß ich auch dorthin komme. Denn ich plane sehr ernsthaft, Ende Mai eine Forschungsreise nach Deutschland (Details anzeigen) zu machen, in der die vorläufige Entscheidung über mein nächstes Jahr oder vielleicht die ganze Zukunft zu fallen hätte. Schreibe mir darum bitte dauernd Deine genaue Adresse. Und schreibe mir auch, was Du über die Möglichkeiten eines rein arbeitsmäßigen völlig zurückgezogenen Daseins in Deutschland (Details anzeigen) denkst. Denn dies ist im Grunde meine einzige Sehnsucht. Schreibe bald wieder.

Sehr herzlich Dein

Paul (Details anzeigen)

Hannah (Details anzeigen) interessiert sich dafür, wie es Deiner Mutter (Details anzeigen) in Deutschland (Details anzeigen) geht? Ist sie ganz unbehelligt?


Fußnoten, Anmerkungen

1 Die erklärenden Anmerkungen zu vorliegendem Brief wurden (ggf. geringfügig abgewandelt) aus seiner Erstveröffentlichung übernommen.
2Dieser Brief ist wahrscheinlich im Frühjahr 1934 geschrieben. Die Datierung ergibt sich aus dem Vortrag über die religiöse Lage in Deutschland und aus Schaffts Lebensbericht (Details anzeigen).
3Liegen nicht vor.

Register

aSchafft, Hermann Schafft: Ein Lebenswerk, None
bSchafft, Hermann
cTillich, The Religious Situation in Germany To-day, 1934
dChicago, Illinois
eOberlin, Ohio
fItalien
gRom
hTillich, Hannah
iTivoli
jGoesch, Heinrich
kAscona
lStietencron, Fides Baronin von
mGoesch, Heinrich
n
oStietencron
pStietencron
qStietencron
rRonco sopra Ascona
sSchweiz
tAscona
uRonco sopra Ascona
vAscona
wAscona
xDeutschland
yDeutschland
zTillich, Paul
aaTillich, Hannah
abSchafft, Johanna
acDeutschland

Überlieferung

Signatur
Erstpublikation
Paul Tillich: Briefwechsel und Streitschriften. Theologische, philosophische und politische Stellungnahmen und Gespräche . Erste Auflage. Frankfurt a.M.: De Gruyter, 1983, 225-227. ( Ergänzungs- und Nachlassbände zu den gesammelten Werken von Paul Tillich , VI)
Typ

Brief, als Abschrift überliefert

Postweg
unbekannt - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Hermann Schafft an Paul Tillich vom 29. August 1927
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Hermann Schafdtaus dem Jahr 1936

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Paul Tillich an Herrmann Schafft vermutlich Frühjahr 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10008.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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