Der editierte Text

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1934.

Liebe Lily (Details anzeigen)!

Eben habe ich aus meiner Schrift: Hegel und Goethe (Details anzeigen) (Mohr-Tübingen (Details anzeigen)) den letzten Absatz des Hegelvortrages gelesen. Während ich sonst meinen eigenen Schriften gleichgültig gegenüberstehe, war ich durch diese Lektüre aufs Tiefste erschüttert. Wer da gesprochen hat, war nicht ich, sondern eine mir fremde Kraft, der „Geist der Propheten“, der im N. Testament zu den Gnadengaben gehört und über den niemand verfügen kann. Er muss in jener Stunde dagewesen sein; denn dort ist alles gesagt, was gesagt werden kann. Ich hatte keinerlei Erinnerung daran, dass ich es gesagt habe; aber es ist ja wohl durch mich gesagt worden, jetzt vor 2 Jahren, am 18. Januar 1932. Es enthält die ganze Zukunft, die gegenwärtige und die kommende; es formuliert so, dass kein Widerspruch möglich ist, dass ich selbst, als ich es heute las, mit meinem eigenen Widerspruch verstummte; nun verstehe ich, dass dieser Vortrag zu den Dingen gehört, die in ganz besonderem Masse an der negativen Gestaltung meines Schicksals mitgewirkt haben. Ich bin stolz darauf; und ich möchte fast sagen, was ich noch nie in meinem Leben über Worte und Gedanken von mir gesagt habe: Wer hier nicht mit mir ist, ganz und unbedingt, der ist ganz und unbedingt gegen mich, d. h. nicht gegen mich; denn diese Worte gehen weit über das hinaus, was ich bin und kann; aber gegen die Wahrheit. Denn dieses ist die Wahrheit – – –

Verzeih' diese bei mir so ungewohnte Sprache; Du bist die erste, dem [sic!] ich unmittelbar nach dem Lesen darüber schreibe. Lies es bitte, lerne die entscheidenden Sätze auswendig und stärke damit die Schwankenden; vielleicht auch Dich selbst, wenn Du schwanken solltest; wie ich mich damit gestärkt habe.

Und ich habe Stärkung nötig. Es ist der zweite Tod, den ich hier erlebe; der erste begann in der Champagne-Schlacht 1915. Der erste war unmittelbarer und drohender, dieser zweite ist feiner und bitterer. Das Äussere ist mehr Anlass als Ursache; denn äusserlich ist alles in Ordnung; Guter Kolleganfang, feine Studenten, wachsende Beherrschung der Sprache, eine Fülle feiner Menschen, grosse Aufgaben, erträgliche Wirtschaftslage; aber das alles ändert nicht die Tatsache des Stehens im Tode, in der Notwendigkeit, die Vergangenheit durchzuleben und durchzuleiden und die völlige Unfähigkeit, für mich selbst einen neuen Sinn zu finden. Doch das ist unser aller Schicksal, die wir abgeschnitten sind und zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“ stehen.

Mein Wunsch steht fest: 3 Jahre völlig ruhiger Arbeit zur Zusammenfassung alles Gedachten und Erlebten; aber wo ist das möglich? Ich zweifle, dass hier.. ich zweifle, dass dort. Wenn ich zu phantasieren hätte: Ein stiller Ort am südlichen Meer; aber wird mir noch ein stiller Ort geschenkt?| Gibt es ihn noch in der Welt? Gibt es noch die Möglichkeit zur Ruhe? Will die Welt noch Schöpfungen der Stille? Oder müssen wir hier sein und handelnd an der Geschichte teilnehmen, wozu alles hier drängt?

Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen ; sonst verliert die Entscheidung ihr Gewicht. Aber im Moment der Entscheidung muss man sich ja wichtig nehmen – sonst verliert die Entscheidung ihr Gewicht1 – – – –


Fußnoten, Anmerkungen

1Dieser Satz ist von Tillich eigenhändig geschrieben.

Register

aPincus, Lily
bTillich, Hegel und Goethe. Zwei Gedenkreden, 1932
cTübingen

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/174(66)
Typ

Brief, als maschinenschriftliche Abschrift überliefert

Postweg
unbekannt - unbekannt
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Lilly Pincusvom 31. Juli 1935

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Undatierter Brief von Paul Tillich an Lily Pincus von 1934, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10009.html, Zugriff am ????.

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