Der editierte Text

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Mein lieber Paul (Details anzeigen)!

Es treibt mich, Deinen Brief vom 14.12.1 der richtig zum h. Abend eingetroffen ist, bald zu beantworten u. Dir dafür zu danken; Du hast mir durch Deinen Brief eine ächte [sic!] Weihnachtsfreude bereitet. Gestern am h. Abend, habe ich mit Elisabeth (Details anzeigen) Deine Briefe noch einmal durchgelesen u. besprochen; wir haben an Euch innig gedacht, doch auch die leise {Wehmut} herausgefühlt, die in Deinen Worten mitklingt. Ich verstehe diese Wehmut und – ich freue mich darüber. Sie ist ein Zeichen dafür, wie eng Du mit uns u. mit Deinem Vaterland verbunden bist u. bleiben wirst. Es besteht eben doch eine – wenn auch nur {relative} Gebundenheit an Blut u. Boden u. Umgebung, u. man fühlt diese innere Verbundenheit u. ihren Wert erst recht deutlich, wenn man „ganz anderswo“ ist. Mir ist das schon auf {mancher} Reise so ergangen. „Nach Hause, nach Hause!“ Nun, Du hast ja| auch in der Fremde dort Dein "Haus, dein Weib u. Kind. Wie froh bin ich, daß es Euch äußerlich dort gut geht u. daß Ihr {wirtschaftlich} versorgt seid. Und die Zukunft? Die {Perspektiven}? „Befiehl dem Herren deine Wege u. hoffe auf ihn; er wird es wohlmachen.“ Mir haben oft in kritischen Lagen solche einfachen Worte der Bibel u. des Gesangbuches eine starke Hilfe gebracht u. Ruhe für das unruhig fragende Herz. Und solche Zeiten läutern dann auch, mehr noch – sie stählen den Charakter, oft noch mehr als beständiges Wirken und {Kämpfen} nach außen hin. – Bei alldem haben ja Wünsche u. {Gebote} freien Raum. Es ist auch mein sehnlicher Wunsch, daß Dir wieder ein Amt in der Heimat beschieden werden möchte – eine Dir zusagende Stellung; und das scheint mir nicht ausgeschlossen. Von den Härten, die das Jahr {gebracht} hat, mildert sich ja schon manches ab. In jedem Fall: {Wenn auch fast} 20 Jahre älter als im Kriege, so {stehst} Du doch jetzt im besten Mannesalter, wo man alles Mögliche leisten kann. Ich war mit 47 Jahren einfacher Pfarrer einer winzigen| Gemeinde und habe dann noch ein Viertel Jahrhundert in immer sich {erweiterenden Wirkungskreisen} stehen dürfen. Also: nicht {rückwärts}, sondern {vorwärts} leben!

Wie ich Dir schon schrieb, studiere ich nochmals Dein letztes Buch (Details anzeigen). Ich möchte Dir sagen, daß die Ausführungen in Teil I. B zum Teil recht schwierig sind. Es liegt das mit an Deinem Stil. Man muß Deine gedrängten Sätze und komprimierten Begriffe erst auseinanderziehen und zergliedern, um zu {fassen}, was gemeint ist. So wie es da steht, ist z. B. eine Übersetzung ins Englische kaum möglich. Du wirst Dich {erst} gewöhnen müssen, bei Vorträgen in engl. Sprache in einfachen Hauptsätzen zu reden (also nicht wie Seite 27. Abs. 2; solche Häufungen kann man nicht mit einem Schluck ins Gehirn bringen). Scheue nicht Wiederholungen und bringe oft erläuternde Beispiele. Übrigens scheint mir hier die Schwierigkeit auch an der nicht recht einleuchtenden Beweisführung zu liegen. Nichts für ungut, ich wollte Dir raten u. helfen. –

Nun muß ich Dir noch eine Trauerstunde übermitteln, die Dich stark bewegen wird. Paul Dürselen (Details anzeigen) ist am 22.12. gestorben.| Tante Else (Details anzeigen) hat mir eine Anzeige für Dich mit übersandt. Ich lege sie nicht bei, um diesen Brief nicht beschweren. Schreibe ihr aber (N. 4 Kesselstr. 12). Onkel P (Details anzeigen) hatte sich bei einer Beerdigung ein {Bein erfroren}. Auf d. {Krankenlager} hat ihn ganz unerwartet ein Schlaganfall getroffen. Du kannst Dir denken, wie sehr mich sein Tod erschüttert hat. Ich hatte nicht gedacht, daß ich ihn überleben würde, Wie lange noch?? – –

Im allgemeinen geht es mir jetzt {leidlich}; doch Herz und Nerven sind schwächer geworden. ich [sic!] {ermüde} leicht. Immerhin kann ich noch tätig sein, mit Basteln u. a. Alle Zeitvorgänge verfolge ich mit Interesse u. suche mir e selbständiges Urteil zu bilden.

Am 24., 25. u. 26.12 war ich in {Tempelhof (Details anzeigen)}

Nun, mein lieber Sohn, Dir u. den Deinen innige Wünsche für das neue Jahr. Gott führe Euch auf rechter Straße, um seines Namens willen. Ich bleibe im Geiste mit Euch stetig verbunden u. freue auch über jede Nachricht von Euch. Deine u. Erdmuthes (Details anzeigen) Photographie steht auf meinem Schreibtisch.

Also nochmals: Gott mit Euch. Tausend Grüße
27.12.33.

Dein treuer Vater (Details anzeigen)


Register

aBerlin
bTillich, Paul
c
dSeeberger, Elisabeth
eTillich, Die sozialistische Entscheidung, 1933
fDürselen, Paul Rudolf
gDürselen, Elisabeth
hDürselen, Paul Rudolf
iBerlin-Tempelhof
jFarris, Erdmuthe
kTillich, Johannes Oskar

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/193(17)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt
voriger Brief in der Korrespondenz
Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 17. August 1926
nächster Brief in der Korrespondenz
Brief von Paul Tillich an Johannes Tillich vom 06. Januar 1934

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Bibelstellen

Zitiervorschlag

Brief von Johannes Tillich an Paul Tillich vom 27. Dezember 1933, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L10006.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L10006.pdf