Der editierte Text

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Freitag. Liebe Hannah (Details anzeigen)!

Erst ein Sachliches: M. L. (Details anzeigen) bittet Dich, selbst a Mina Haß zu schreiben, da sie sich nicht im Stande fühlt, die Dinge so zu sagen, wie es richtig ist in Deinem Sinne. Sollte aus technischen Gründen eine Übernachtung nötig sein, so ist sie gern dazu bereit. -- Du schreibst, daß wir uns jetzt nicht mehr schreiben sollen; ich verstehe das und will auch keine Antwort; aber Dein kurzer heftiger Brief zwingt mich, Dir noch einiges zu sagen; und ich glaube, Du wirst mir dankbar dafür sein.

Daß Deine Antwort mich aufs tiefste erschüttert hat, daß ich einen Tag lang fast existenzunfähig war, wirst Du begreifen. Ich war vor einigen Tagen in „Nach Damaskus“ -- wozu Du mich damals auffordertest -- und das Gespenst dies verlassenen Arztes, „der nie stirbt“, ging durch meine Seele. Die dunklen Schatten der nordischen Schwermut mischten sich mit der eigenen Dunkelheit. Und dann erschien das Licht in dieser Finsternis. Am Abend traf ich Dr. Rüstow (Details anzeigen), jetzigen Mann von Anna Bresser (Details anzeigen), der größten Frau, die ich in der Revolution kennen lernte. Er hat Frau und Kinder um ihretwillen verlassen; er selbst ist weitaus | der freieste und mir geistig verwandteste der religiös-sozialen Männer. Ich wußte sofort: Jetzt ist eine Hülfe geschickt; und ich fragte ihn: Ist ihre gegenwärtige Ehe durch das Zerstörte so belastet, daß sie unerträglich {ist}1 Er sagte: drei Jahre hätte er gekämpft, und jetzt wäre er seiner Tat völlig sicher; er würde sie wieder tun; die Ehe sei keine humanitäre Anstalt, sondern Wert-Gemeinschaft; wo solche erreichbar wäre, müßte sie geschaffen werden. Es gäbe jetzt viele solcher Fälle; aber eine jüngere Generation käme, die sich ohne diese Umwege fände; wir trügen noch an der Last der falschen bürgerlichen Ehe. -- Zugleich aber sagte er: die Art, wie er es getan hätte, verurteilte er scharf; sie wäre wild, leidenschaftlich, unbesonnen und darum tief verletzend gewesen. Das müßte nicht sein, und da müßten wir nicht nur vorher klar sein, sondern auch in jedem Moment nachher. Denn es wäre das Verhängnisvolle, daß diese Dinge dann auf die Vorentscheidung zurückwirkten und sie unsicher machten; darum wäre es nötig, daß die Vorentscheidung völlig klar wäre und dann die Kraft auf die Güte der Ausführung zu kon| zentriert werden könnte. -- Ich schreibe Dir das, weil ich es nicht für richtig halten würde, das Urteil und die Erfahrung eines gleich uns ringenden Menschen hochmütig zurückzuweisen; mir selbst ist diese Gemeinschaft des gleichen Weges eine große Stärke gewesen: Nicht die Zuflucht in Strindbergs (Details anzeigen) Berg-Kloster ist unsere Lösung, sondern die Schöpfung einer tieferen Lebenswirklichkeit.

Und nun zu uns: Eine Tatsache gibt mir eine große innere Sicherheit: daß das Kind, also die denkbar größte Schwierigkeiten, statt uns zu trennen, die Sache zur Entscheidung gebracht hat; daß in dem, was es fast unmöglich macht, die Notwendigkeit uns klar geworden ist. Und nun Hannah (Details anzeigen), gehe ich einen Schritt weiter: Jetzt, wo Du für Dich die Verantwortung trägst, trage ich sie für Dich mit; und Du für mich mit; ist bei beiden die Entscheidung klar, so gibt es keine Trennung der Verantwortlichkeit mehr, so tun wir alles was wir tun gemeinsam.

Und so wage ich es, Dir jetzt auch die Verantwortung für mich | aufzubürden: Du schreibst, daß Du Albert (Details anzeigen) nichts Halbes sagen kannst, um Dein Fortgehen zu begründen. Das hängt aber einfach davon ab, ob Du Dir den Rückweg offenhalten willst, d.h. ob Du München (Details anzeigen) als neutralen Boden betrachtest, wo Du Dich erst entscheiden willst, ob Du bleibst oder gehst, oder ob Du München (Details anzeigen) als einen Übergang betrachtest, {wo} die Entscheidung schon gefallen ist. Im ersten Fall mußt Du einen Vorwand suchen. Im zweiten Fall mußt Du sofort Klarheit schaffen. Das ist das erste; über das Klarheit herrschen muß und über das auch ich Klarheit haben muß. -- Das zweite ist unser inneres Verhältnis. Ich habe eine ungeheure innere Gewißheit, der gegenüber ich alles andere (Idee der „reichen Frau“ als Symbol) für wertlose Reflexion halte, unter der die Schwingen meiner Seele brechen würden. Und doch hätte ich nach so langem Fernsein gern eine Bestätigung gehabt; darum hätte ich auch gern auf Berlin (Details anzeigen) gewartet. Das kommt nun nicht mehr in Frage; wenn aber München (Details anzeigen) ein Provisorium, ein neutraler Boden wäre, so müßte ich Dich dort | eine Zeit lang, etwa in den Weihnachtsferien, sehen können. Ist aber die Entscheidung schon gefallen, so ist das Wagnis auch größer. Dennoch bin ich bereit, die Verantwortung auch dafür zu tragen, wenn Du sie tragen kannst. Das ist das zweite.

Das dritte ist das Kind. Die Hauptsache ist, daß Du um seinetwillen in einen Zustand der inneren Beruhigtheit kommst; sonst schadest Du ihm fürs Leben. Hier scheint mir sicher: Kommt die Entscheidung, so muß sie so lange wie möglich vor der Geburt des Kindes kommen, vor allem um Alberts (Details anzeigen) willen; denn ein werdendes Leben bindet unendlich viel weniger als ein wirkliches Leben. Von hier aus ist Eile notwendig. Du mußt aber wissen, daß trotzdem Albert (Details anzeigen) das Kind verlangen kann und der Fall eintreten kann, daß Du Dich trennen mußt von ihm.

Das vierte ist die äußere Lage; und hier müssen wir ganz | klar sehen; ja hier muß ich Dir die Verantwortung für mich und meine Arbeit mit aufbürden. Da handelt es sich um 2 Punkte: Kannst Du verhindern, daß Albert (Details anzeigen) etwas tut, was uns die Existenz äußerlich unmöglich macht? Und: Bist Du Deiner Eltern (Details anzeigen) so sicher, daß das Kind bei ihnen geboren werden kann, und sie Dich |:in Bezug auf das Kind:| finanziell unterstützen, bis Du etwas findest? Diese beiden Dinge müssen sein. Denn es geht eben so, daß die äußeren Belastungen notwendig rückwirken auf die Sicherheit der inneren Entscheidung. Darum muß hier freie Bahn geschaffen sein. -- Bitte, liebe Hannah (Details anzeigen), sieh diesen Dingen mit vollster Klarheit ins Auge! Ich fühle mich von nun an ganz für Dich verantwortlich; und Du mußt es ganz für mich mitfühlen. -- Und nun noch ein ganz Innerliches: Dein Leiden um Albert (Details anzeigen) darf sich nicht umwandeln in den Willen, mich leiden zu lassen; diese Gefahr liegt Dir sehr nahe; sie würde alles verderben und verbittern; ich leide direkt, wie Du! Aber wir dürfen einander neue Kraft geben! -- Und dann etwas Äußerliches: Ich stehe jeden Sonnabend bis Montag zur Verfügung, wenn Du mich brauchen solltest. Ich habe jetzt eignen Telephon-Hauptanschluß Rheingau (Details anzeigen) 8347; Du kannst mich immer schnell erreichen. -- Und noch eines: Sonnabend d. 5. Nov. rede ich in Leipzig (Details anzeigen), und habe den Sonntag (6. Nov.) zur Verfügung. Willst Du uns mich treffen?


Fußnoten, Anmerkungen

1Satzzeichen am Blattrand unlesbar.

Register

aTillich, Hannah
bWerner, Marie Luise
cRüstow, Alexander
dBresser, Anna
eStrindberg, August
fTillich, Hannah
gGottschow, Albert
hMünchen
iMünchen
jBerlin
kMünchen
lGottschow, Albert
mGottschow, Albert
nGottschow, Albert
oWerner, Louise; Werner, Jean Otto Nikolaus
pTillich, Hannah
qGottschow, Albert
rRheingau
sLeipzig
tTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Hannah. Papers, 1896-1976, bMS 721/2.17
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Berlin - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Hannah Tillich vom Oktober 1921, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01503.html, Zugriff am ????.

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