Der editierte Text

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Wandsbek (Details anzeigen) bei Hamburg (Details anzeigen), Alfonsstr. 5 bei Müller, den 11. Oktober 22.

Lieber Paul Tillich (Details anzeigen),

obgleich ich noch ungeheizt sitzen muß, will ich Dir doch sagen, wie sehr mich Deine Worte über den Kairos erfreut u. erschüttert haben.

Ich finde es schön, daß es Menschen gibt, die fähig sind, das, was wir anderen nur dunkel wissen, allen so klar zu sagen - u. so das große Verantwortungsgefühl, das wir gerade in unserer Zeit haben müssen, zu erwecken.

Von der Autonomie zur Theonomie kommen... Lieber Paul (Details anzeigen), für einen Menschen, der wie ich nun schon längere Zeit im Wesentlichen nur noch (durch seine Berufsarbeit) mit der arbeitenden Bevölkerung u. deren Kindern zu tun hat, ist es ganz besonders wichtig, daß ihm diese Erkenntnisse kommen.

| Vielleicht würde man anders an seiner Arbeit zerbrechen. - Ich bin hier als Jugendpflegerin. Nur über eins habe ich viel nachgedacht: wie könnte man auch solche Gedanken einem von diesen Menschen nahe bringen? Es müßte doch gerade ihnen ein gewaltiger Trieb u. - vielleicht Trost - sein. -

Lieber Paul (Details anzeigen), als ich Sonntag Vormittag Deinen „Kairos“ zu Ende gelesen hatte, da war ich so erfüllt, ehe ich dachte: „Nun möchtest du das einem Menschen bringen - u. nachher mit ihm darüber sprechen.“ Aber da wurde mir plötzlich klar: du hast hier keinen solchen Menschen - u. auch sonst in der Welt nicht, recht wenige, mit denen du noch Geistiges teilen kannst. - Und daran werde ich vielleicht zu Grunde gehen.

| Vielleicht lachst du darüber - - Ich denke zurück an m. frühen Lichtenwerder Jahre, wo man nicht wußte, wie gut man es hatte in all der Geistigkeit (Dox u. Tillich (Details anzeigen) nicht nur!!) - Und ich hätte ja jetzt vielleicht (?) auch eine ähnlich gut bezahlte Stelle in Berlin (Details anzeigen) haben können - aber ich wollte in die Einsamkeit. - Seit Hans nicht mehr bei mir ist, suche ich immer die Einsamkeit, obgleich ich dann unendliche Sehnsucht bekomme vor allem nach Mutti u. unserem Kleinen. Wenn ich es jetzt wieder rückgängig machen könnte, daß ich hierher gegangen bin, ich täte es wohl! Aber nun muß ich aushalten. -

Lieber Paul (Details anzeigen), ich schrieb Dir einmal vor Jahren ins Feld etwas über die Schuld, daß ich |:Schuld:| kennen lernen möchte,

| um das Leben tiefer zu erfassen. Seitdem - ich weiß noch, was Du damals antwortetest - habe ich natürlich vielfache Schuld auf mich geladen u. was vielleicht noch schwerer ist, ich habe andre Menschen an mir schuldig werden lassen. Und deshalb bin ich vielleicht auch in die „Verbannung“ gegangen, weil ich nicht noch mehr Schuld auf mich u. andere laden wollte. - Zur Sühne? - -

Ich will nun lieber schließen, denn ich weiß ja garnicht einmal, ob Du Dich nicht wunderst, daß ich Dir das schreibe. Ich sage Dir auch ganz offen, daß ich es nur schreibe, weil ich weiß, daß Du wenigstens allgemein menschliches Verständnis hast. Ich möchte auch noch vieles mal |:aus:|sprechen, aber es ist viell. ganz gut, daß es mir zu kalt ist. Ich hoffe, Du behältst diesen Brief für Dich.


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aHamburg-Wandsbeck
bHamburg
cTillich, Paul
dTillich, Paul
eTillich, Paul
fTillich, Paul
gBerlin
hTillich, Paul
iRhine, Maria

Überlieferung

Signatur
USA, Cambridge, MA, Harvard University, Harvard Divinity School Library, Tillich, Paul, 1886-1965. Papers, 1894-1974., bMS 649/178(11)
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
Hamburg-Wandsbeck - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Maria Rhine an Paul Tillich vom 11. Oktober 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00767.html, Zugriff am ????.

Für Belege in der Wikipedia

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L00767.pdf