Der editierte Text

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Mein liebes Margot-Kind (Details anzeigen)!

Zwei Tage in Dölzig (Details anzeigen) bei meiner Schwester (Details anzeigen) geben mir die Ruhe, endlich Dir zu antworten auf Deinen sehr lieben Brief. Ich habe so oft an Dich gedacht, daß Du trotz Brief-Losigkeit es wohl innerlich gemerkt hast, daß ich bei Dir war. Äußerlich aber lebte ich in einem Strudel von Arbeit und – Liebe, der mich fast aufgezehrt hat, trotzdem ich kaum mehr mit Menschen zusammenkomme, außer zur Arbeit. Zuerst habe ich am „System der Wissenschaften (Details anzeigen)“ gearbeitet und es ganz neu gestaltet, bin aber noch nicht fertig damit. Dann kam als heftige Unter

| brechung mein Vortrag in der Hochschule für Politik: „Über die Formkräfte der abendländischen Geistesgeschichte.“ Ich habe 14 Tage daran gearbeitet, zum Schluß so, daß ich überhaupt nicht mehr schlafen konnte, weil die Traumgeister weitertrieben. Vor bald 14 Tagen habe ich ihn gehalten1 und habe mich jetzt noch nicht davon erholt. Es war eine Menge neuer Begriffe, die sich einstellten, und die ich im ersten Ansturm irgendwie nehmen mußte, wie Dämonie, Theokratie u.s.w. Dann kamen schwere Debatten mit Rüstow (Details anzeigen), die mich auch inner

| lich sehr erregen, da sie den Kreis fast zu sprengen drohen. Das wäre aber um so bedauerlicher, als wir jetzt in der Hochschule für Politik die Arbeitsgemeinschaft mit unseren Vorträgen machen und dort als geschlossener Kreis herantreten. Aber die diktatorische Art von Rüstow (Details anzeigen) macht uns allen das Leben schwer. (Dieses alles nur für Dich) Hannah (Details anzeigen) ist auch immer dabei und nimmt ungeheuer starken Anteil in allem. Insonders mit Wolfers (Details anzeigen) hat sie sich sehr angefreundet. – Das Kolleg ist wieder sehr gut besucht, etwa 50 Leute, die sehr

| energisch in den Besprechungsstunden mitarbeiten. Ich selbst bereite mich nicht wesentlich neu darauf vor, da ich für die neuen literarischen Dinge Zeit behalten muß. Man kann aber nur eines machen. Im Sommer fange ich wieder mit der griechischen Philosophie an. – Finanziell bin ich für dieses Jahr gedeckt, da mir gestern ein Freund von Wolffers (Details anzeigen) [sic!] 20 Dollar = 150 000 M geschenkt hat. Da ich die Dollar liegen lasse bis ich einen brauche, so bin ich auch von der Geldentwertung nicht mehr abhängig. Das ist sehr beruhigend.

| Nun hängt alles bloß davon ab, ob der alte „Madensack“ von Körper mitmacht, was nach den Erfahrungen der letzten 14 Tage mir nach einer Zeit größter Frische doch zweifelhaft erscheint. Heut früh schickte mir Hannah (Details anzeigen) eine Postkarte von Sohn-Rethel (Details anzeigen) aus Heidelberg (Details anzeigen) daß ich für einen Vortrag in Christiania (Details anzeigen) in Aussicht genommen wäre. Das wäre doch eine feine Sache!

Wie es Weihnachten wird, weiß ich noch nicht. Wenn ich nach Frankfurt (Details anzeigen) komme, würde ich Anfang Januar in Gießen (Details anzeigen) Station machen (dann in Kassel (Details anzeigen), Göttingen (Details anzeigen)

| Hannover (Details anzeigen)). Aber es hängt davon ab, ob Hannah (Details anzeigen) die 4 Tage zwischen Weihnachten und Neujahr Urlaub bekommt. Wenn nicht, bleibe ich natürlich bei ihr, was ja auch für die Arbeit günstiger wäre, und für den Geldbeutel. Schreib Du doch, ob und wann Du zu sehen bist, in Berlin (Details anzeigen), Gießen (Details anzeigen) oder wo.--

Das Leben mit Hannah (Details anzeigen) ist unerhört schön und stark. Ich bin, seit sie da ist, ein völlig anderer Mensch: Los von all dem Zerstreuendem, konzentriert auf eine centrale Wirklichkeit, und | von da aus alles andere erfassend. Wir {arbeiten} und erleben möglichst alles gemeinsam. Die meisten Bekannten wissen, daß ich ohne sie nicht vorhanden bin und laden uns zusammen ein.

Wir erleben täglich von neuem die ungeheure Vertiefung, die sich aus der Ausschließlichkeit in jeder Beziehung ergibt und sind glücklich darin –wie Du. Hannah (Details anzeigen) ist immer noch recht schwach und bläßlich. Glücklicherweise hat sie nur wenig zu tun, aber dieses Wenige

| bringt ihr auch wenig Geld. Das Kind wird immer teurer, und die Schwierigkeit, es {dick} zu halten, ist nicht klein. – Neulich kamen Hannahs (Details anzeigen) Möbel. Ich habe sie größtenteils aufgestellt und die geliehenen auf den Boden gebracht. Das waren zwei recht schwere Tage für sie, aber nun ist es überwunden.

Wart‘ nicht so lange, wie ich armer Berliner, mit der Antwort! Deine Adresse habe ich verlegt.

Ich grüße Dich in alter Liebe und Treue

Dein Paul (Details anzeigen)


Fußnoten, Anmerkungen

1Den genannten Vortrag hat Tillich (Details anzeigen) am 14. November 1922 an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin (Details anzeigen) gehalten.

Register

aHahl, Margot
bDölzig
cSeeberger, Elisabeth
dTillich, Das System der Wissenschaften nach Gegenständen und Methoden. Ein Entwurf v..., 1923
eTillich, Paul
fBerlin
gRüstow, Alexander
hRüstow, Alexander
iTillich, Hannah
jWolfers, Arnold
kWolfers, Arnold
lTillich, Hannah
mSohn-Rethel, Alfred
nHeidelberg (Deutschland)
oChristiania
pFrankfurt am Main
qGießen
rKassel
sGöttingen
tHannover
uTillich, Hannah
vBerlin
w
xTillich, Hannah
yTillich, Hannah
zTillich, Hannah
aaTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marbug, Archiv der Universitätsbibliothek Marburg, Tillichiana 1, Ms. 1041/18
Typ

Brief, eigenhändig

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Literatur

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Margot Hahl von Ende November 1922, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L01539.html, Zugriff am ????.

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