Der editierte Text

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Lieber Alfred (Details anzeigen)!

Herzlichen Dank für Deinen Brief, der meine Schweigsamkeit mit praktischer Arbeit entschuldigt: das war richtig bis Pfingsten. Seitdem war der Grund ein anderer: die Unfähigkeit, aus der Fülle des zu Rezipierenden auch nur das Geringste zu produzieren. Wie Du weißt, lese ich seitdem Schelling (Details anzeigen), den ich mir angeschafft habe. Er drückte mich als völlig nieder; ich hörte und konnte nicht reden, weil ich zu viel hörte; nun bin ich über die Hälfte hinweg und vor allem über die sachlich erste Hälfte, die klassische, und stehe mitten in der romantischen, christlichen. Daß Dir das Recht und die Pflicht zur Philosophie ein Problem geworden ist, freut mich. Falls Autoritäten wie Schlatter (Details anzeigen) und Schmuhl (Details anzeigen) etwas bei Dir vermögen, so teile ich Dir mit, daß ich jetzt bei den philosophischen Voraussetzungen beider angelangt bin: dem zweiten Schelling (Details anzeigen) (die übliche Periodeneinteilung ist Unsinn; es gibt nur zwei.) Auf jeder Seite entdecke ich einen neuen Grundpfeiler Schmuhlschen (Details anzeigen) Denkens bis in die einzelsten Psychologoúmena. Ich bin völlig überascht, daß wir hier uns wiederfinden. Die Idee der „freien Theologie“ wird damit zur Illusion, so weit Schlatter (Details anzeigen) u. Schmuhl (Details anzeigen) sie verwirklichen wollen. Der Begriff des Beobachtens stammt aus dem Voluntarismus und Irrationalismus Schellings (Details anzeigen), keineswegs aus der Naturwissenschaft, wo er einen ganz anderen Sinn hat: „Gott ist, was er will; sein Wille muß erforscht werden, ehe gesagt werden kann, was er sein 'muß'?“ Was sagst Du zu diesem Zitat? Und wo muß er erforscht werden? In der Offenbarungsgeschichte! Ich kann das Material häufen, so viel Du willst (Begriffsdreiheiten, Persönlichkeit). Schmuhl (Details anzeigen) hat es wohl aus Baader (Details anzeigen), der zu Schelling (Details anzeigen) in wechselseitigem Abhängigkeitsverhältnis steht. – Und nun noch einen historischen Überblick, damit Du siehst, daß ich ein Recht habe, mich in die klassische Periode unserer geistigen Selbsterfassung zu vertiefen, die bis jetzt faktisch maßgebend war und noch sehr viel maßgebender sein wird. Die Forderung neuer Produktivität ist unhistorisch nach einer klassischen Periode ersten Ranges, deren Verarbeitung noch in keinem Verhältnis zu der Fülle ihres Materials steht. Was haben wir denn Neues? Naturwissenschaft ist allein quantitativ gewachsen. Ihre Prinzipien und ihre Bedeutung für den Zeitgeist war damals genau so. Was wir wirklich mehr haben, ist das sociale Bewußtsein, das den Idealisten fast ganz fehlt. Ob auf die klassische Periode, wie bei den Griechen, die praktisch-philosophische folgt? Dort Individualethik (Ideal des Weisen), bei uns Socialethik (Ideal der kulturell basierten religiös-sittlichen Gemeinschaft). Das „kulturell“ ist zu betonen: Nicht Gemeindeideal. Mit dem socialen Bewußtsein hängt unmittelbar die Wertung der technischen Kultur zusammen, die ja den Lebensinhalt der meisten bildet und deren Bedeutung dem Aristokratismus der Idealisten fremd ist. – Der Idealismus selbst bedeutet eine doppelte Renaissance: eine klassische und eine romantische und den Versuch der Versöhnung beider bei Hegel (Details anzeigen). Fast könnte man denken: Nun ist Zeit zur Selbständigkeit; aber haben wir etwas Eigenes, was weder dies noch jenes ist? Wird's nicht doch immer bei der Synthese bleiben müssen? – Doch mündlich mehr! Wir hoffen, Du kommst auf 14 Tage im September nach Berlin (Details anzeigen). Ich bin dann auch da. Grüße Wumming (Details anzeigen)! Laß ihr danken für den Brief; extra schreiben geht doch nicht mehr! Mir geht's sehr gut.

Auf Wiedersehen!

Dein tr. Paul (Details anzeigen).


Fußnoten, Anmerkungen

Register

aFritz, Alfred
bSchelling, Friedrich Wilhelm Joseph
cSchlatter, Adolf
dLütgert, Wilhelm
eSchelling, Friedrich Wilhelm Joseph
fLütgert, Wilhelm
gSchlatter, Adolf
hLütgert, Wilhelm
iSchelling, Friedrich Wilhelm Joseph
jLütgert, Wilhelm
kBaader, Franz von
lSchelling, Friedrich Wilhelm Joseph
mHegel, Georg Wilhelm Friedrich
nBerlin
oFritz, Johanna
pTillich, Paul

Überlieferung

Signatur
Deutschland, Marburg, Philipps-Universität Marburg, Deutsches Paul-Tillich-Archiv, 008 C
Typ

Brief als maschinenschriftliche Abschrift überliefert

Postweg
unbekannt - unbekannt

Entitäten

Personen

Orte

Zitiervorschlag

Brief von Paul Tillich an Alfred Fritz vermutlich aus dem Jahr 1909, in: Paul Tillich, Korrespondenz. Digitale Edition, hg. von Christian Danz und Friedrich Wilhelm Graf. https://tillich-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L00271.html, Zugriff am ????.

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